«Jede Sozialisierung des Menschen ist ein Stück der Entwicklung seiner Fähigkeit, sich zu kultivieren.»
Margarete & Alexander Mitscherlich
Die Unfähigkeit zu trauern
Eine Kulturgeschichte der Ess-Störungen
d.wieser, 03. Juni 07
Die Autoren Vandereycken, van Deth und Meermann tragen erstaunliche Fakten aus allen europäischen Epochen zusammen, um dem Phänomen der freiwilligen Nahrungsenthaltung auf kulturellen Spuren zu folgen. Es geht also nicht um einen weiteren Ratgeber, der bequem auf dem neue Wellen schlagenden Thema mitsurfte, sondern um Kulturgeschichte. Hinter diesem Buch steckt eine ganze Menge Arbeit.
Dabei fanden die Autoren drei Grundströmungen des Phänomens, denn zunächst einmal gibt es historische Zeugnisse von so genannten Fastenheiligen, daran schließt sich eine Phase an, in welcher die Hungernden zur Jahrmarktsattraktion gemacht und popularisiert wurden – in beiden Ausprägungen wird das Hungern zum aufsehen erregenden Spektakel, die Hungernden selbst waren quasi Megastars ihrer Zeit. Und in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man, die Hungernden als Patienten zu betrachten, nachdem verschiedene europäische Ärzte und Psychiater das Phänomen als Anorexie beschrieben und nach und nach differenziert hatten.
Die erste Phase, in der der Hungerkunst eine religiöse Heiligkeit zu kam, war mir unbekannt. Askese als spirituell reinigendes Prinzip ist vielen Religionen eigen, doch die zufällig wirkende Fähigkeit einzelner Menschen, sich der Nahrung unnatürlich lange zu enthalten, wurde von der Gesellschaft seinerzeit als Wunder verstanden. Die Hungernden gaben etwa an, von Luft und Äther zu leben, von göttlichem Stoff am Leben erhalten zu werden, und folglich Begnadete oder Gesegnete zu sein, die Gott näher standen, als die übrigen Menschen. Man hat Zeugnisse davon, dass solche Fastenheiligen von kirchlichen Instanzen geprüft oft genug als Schwindler überführt wurden. Allerdings kann man festhalten, dass sie alle das Fasten auf sich nahmen, um eine kaum vorstellbare Sonderposition in der Gesellschaft einzunehmen, vergleichbar also mit Popstars. Im Grunde war Anorexie als eine Gnade Gottes verstanden, die einen Heiligen auszeichnete – und höher konnte man in einer religiös geprägten Gesellschaft kaum aufsteigen.
Tatsächlich gab es die diametral entgegenstehende Interpretation ebenso, denn wer keine Nahrung aufnehmen oder bei sich behalten konnte (wollte), konnte durchaus auch als verhext oder besessen gelten (besonders brisant, wenn jemand die Hostie verschmähte). In etlichen Fällen wurde Anorexie also schon damals als Krankheitszeichen verstanden, wenngleich die Interpretation dann in Extreme fiel und die Hungernden als vom Teufel Besessene galten. In solcher Sachlage war die Fähigkeit zu hungern durchaus davon abhängig, wie man diese Leistung verkaufte …
Der gesellschaftliche Verkaufswert des Hungernkönnens wurde denn auch später verstärkt als grausige Kuriosität vermarktet. So genannte Hungerkünstler waren einträgliche Jahrmarktattraktionen – beschrieben etwa in Kafkas Erzählung Der Hungerkünstler. Dabei ging es nicht mehr um Heiligkeit oder Besessenheit, sondern um die Präsentation einer abstrusen Fertigkeit und das Zurschaustellen eines zum Skelett abgemagerten schwachen Körpers. Es ging hier um Eintrittsgelder, Ruhm, Besucherzahlen und Leistungsrekorde; die Beschreibungen erinnern entfernt an einsame sportliche Rekorde.
Die dritte Strömung geht aus Neudefinitionen in der Medizin hervor, denn mehrere europäische Wissenschaftler votierten Ende des 19. Jahrhunderts dafür, die bislang unergiebige Diagnose (z.B. Bleichsucht) zu präzisieren und den ernsten, mitunter tödlichen, Krankheitsverlauf als Sucht anzuerkennen. Gull in England und Lasègue in Frankreich waren Pioniere: Im April 1873 publizierte Dr. Charles Lasègue einen wissenschaftlichen Artikel, in welchem er das Phänomen definiert als “Anorexie” oder “hysterische Unterernährung”, verstanden also als eine Spielart der Hysterie, “die dem Magen entstammt”. Man erkannte neben physischen Magenproblemen auch zu dieser Zeit bereits, dass eine Art fixer Idee Ursache des Abmagerns sein konnte. Ryle, ein englischer Psychiater, tat sich durch die Einschätzung hervor, dass es zunehmende Zahlen von Anorexiepatienten geben werde, er hatte klinische Studien zum Thema voran getrieben und ahnte als erster, dass das sich seit dem Ersten Weltkrieg ausbreitende Schlankheitsideal auch eine Verbreitung der Anorexie nach sich ziehen werde.
Zentrale Untersuchungsaspekte waren bald nicht mehr physiologischer, sondern psychischer und gesellschaftlicher Natur: man fand Zusammenhänge zu Pubertät, Adoleszenz, Familie, Sexualität, Frauenbild, Schönheitsideal (Mode) und psychischer Disposition. Damit sind die Autoren in der Neuzeit angelangt, denn auch heute sind Ursachen-und-Wirkungsgefüge der Essstörungen längst nicht eindeutig vordefinierbar.
Herausragend ist die Grundhaltung der Autoren, die sich nicht perspektivisch auf ein Fachgebiet festlegen, sondern in anregender Weise zwischen den unterschiedlichsten Welt-, Menschen- und Gesellschaftsbildern wechseln. Sie scheuen sich nicht, einzelne “verdächtige” Schriftsteller als mögliche kulturschaffende Essgestörte in ihre Darstellung aufzunehmen; z.B. Elizabeth Barrett-Browning und Christina Rosetti sind ihrer Magerkeit wegen als Essgestörte betrachtet worden, in ihren Werken suchte man nach versteckten Hinweisen auf ihre psychische Disposition. Auch Franz Kafka wird eine ungewisse Affinität zur Magersucht attestiert – ich kenne nur seinen Text Der Hungerkünstler, den ich für einen einfühlsamen Psychotext halte, welche beide Dynamiken miteinander verschmilzt: die stolzbesetzte, erhabene Hungerfähigkeit des einen und das schaudernd-gierige Horrorvergnügen der Gesellschaft, Exhibitionismus und Heldentum auf der einen und Sensationslust und Voyeurismus auf der anderen Seite.
Wie man die endemische Ausbreitung der Essstörung in der heutigen Zeit zu deuten hat, lassen die Autoren im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft offen. Bei dieser Lektüre erlangt man den dringenden Eindruck, dass abgesehen von Selbstzeugnissen alle relevanten Fakten auf dem Tisch liegen und die Lösung irgendwo “dazwischen” liegen muss. Sie schließen mit den weisen Worten:
«Ist der Mensch eine Frage ohne Antwort, so ist es dennoch eine Kunst, die richtigen Fragen zu stellen.»
Quelle:
Vandereycken, Walter, van Deth, Ron und Meermann, Rolf: Wundermädchen, Hungerkünstler, Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Ess-Störungen. Weinheim: Beltz, 2003.
Onsite
- [ konzepte ] Essstörung
Offsite
- Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler ist online verfügbar (Host: gutenberg.spiegel.de) HTML
- Eine sehr lesenswerte Betrachtung zum Thema findet man unter Titel Subgruppendifferenzierung bei Anorexia nervosa als Doktorarbeit von Melanie Peitz, 2006 (Host: uni-dortmund.de) PDF 1,4MB
Zitation
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