Persönlichkeitspsychologie, auch als Personologie bekannt, ist das Studium der Person, das heisst, des gesamten menschlichen Individuums. Wenn Menschen an Persönlichkeit denken, meinen die meisten eigentlich Unterschiede der Persönlichkeit — Typen und Merkmale und dergleichen. Das ist sicherlich ein wichtiger Teil der Persönlichkeitspsychologie, da eines der Charakteristika von Personen darin besteht, dass sie sich ziemlich von einander unterscheiden können. Doch der Hauptteil der Persönlichkeitspsychologie bezieht sich auf die breiter angelegte Thematik, “was es bedeutet, eine Person zu sein”.

Persönlichkeitspsychologen betrachten ihr Arbeitsgebiet (selbstverständlich) als an der Spitze einer Pyramide anderer Felder in der Psychologie gelegen, jedes detaillierter und präziser als die darüber liegenden. Praktisch gesprochen bedeutet dies, dass Persönlichkeitspsychologen Biologie (insbesondere Neurologie), Evolution und Genetik, Empfindung und Wahrnehmung, Motivation und Emotion, Lernen und Gedächtnis, Entwicklungspsychologie, Psychopathologie, Psychotherapie und was sonst noch anfällt mit in die Betrachtung einbeziehen müssen.

Da das ein ziemlicher Wurf ist, kann man Persönlichkeitspsychologie auch als das am wenigsten wissenschaftliche (und philosophischste) Feld in der Psychologie betrachten. Dies ist der Grund dafür, dass die meisten College-Lehrveranstaltungen zur Persönlichkeit das Feld noch immer entlang der Theorien unterrichten. Wir haben Dutzende und Aberdutzende von Theorien, jede betont unterschiedliche Aspekte des Personseins, verwendet unterschiedliche Methoden, manche stimmen mit anderen Theorien überein, manche widersprechen sich.

Wie alle Psychologen — und alle Wissenschaftler — sehnen sich Persönlichkeitspsychologen nach einer vereinheitlichten Theorie, eine, mit der wir alle übereinstimmen, eine, die fest in soliden wissenschaftlichen Beweisen verwurzelt ist. Unglücklicher Weise ist das leichter gesagt als getan. Menschen sind sehr schwierig zu untersuchen. Wir haben einen enorm komplizierten Organismus vor uns (mit “Geist”, was immer das ist), eingebettet nicht nur in ein physisches Umfeld, sondern in ein soziales Umfeld, das aus weiteren solcher enorm komplizierter Organismen besteht. Es geht einfach zu viel vor sich, als dass wir die Situation schlicht vereinfachen könnten, ohne sie dadurch vollkommen bedeutungslos werden zu lassen!

Wir müssen uns die verschiedenartigen Forschungsmethoden ansehen, die uns als Persönlichkeitspsychologen zur Verfügung stehen, um nachvollziehen zu können, wo wir stehen…

Es gibt zwei große Klassen von Forschungsmethoden: quantitativ und qualitativ. Bei quantitativen Methoden geht es um Messungen und bei qualitativen Methoden nicht.. Messungen sind in der Wissenschaft sehr wichtig, weil Wissenschaftler über das rein Subjektive hinaus hin zum mehr Objektiven gelangen wollen. Wenn meine liebe Frau und ich gemeinsam einen Mann ansehen und ich sage “er ist klein”, könnte sie sagen “nein, das ist er nicht — er ist ziemlich groß!”, dann bleiben wir bei diesen beiden subjektiven Meinungen stecken. Wenn wir ein Maßband nehmen, können wir den Mann zusammen vermessen und herausfinden, dass er in der Tat 172,72 cm misst. Da ich 1,88 Meter groß bin, könnte ich ihn für klein halten. Meine Frau ist 1,57 Meter groß, und sie könnte ihn für groß halten. Doch was das Maßband sagt, lässt sich nicht diskutieren!

(Eigentlich lassen sich beide Fälle nicht diskutieren, da meine Frau eindeutig immer richtig liegt.)

Einen Farbfleck könnte ich als blau aussehen und Sie als grün. Ein Musikstück könnte mir schnell erscheinen und Ihnen langsam. Eine Person könnte auf mich schüchtern wirken und auf Sie kontaktfreudig. Doch wenn wir die Wellenlänge der Farben messen, den Rhythmus der Musik, oder eine Möglichkeit finden, Schüchternheit und Kontaktfreudigkeit numerisch zu ordnen, können wir übereinkommen. Wir werden “objektiv”. Persönlichkeitstests zur Messung von Persönlichkeitsmerkmalen zu entwickeln ist eine allgemein verbreitete Aktivität unter Persönlichkeitspsychologen.

Wenn man zwei verschiedene Formen des Messens nimmt — wie etwa ein Maßband und eine Waage — und wir messen Größe und Gewicht einiger Hundert unserer engsten und liebsten Freunde, können wir untersuchen, ob beide Messungen irgendwie zueinander im Verhältnis stehen. Das wird als Korrelation bezeichnet. Und, wie Sie vielleicht erwarten, Größe und Gewicht von Personen korrelieren: je größer jemand ist, generell gesprochen, desto größer das Gewicht. Natürlich wird es Leute geben, die groß aber leichtgewichtig sind, und andere, die klein aber ziemlich schwer sind, sowie lauter Variationen im Bereich dazwischen, doch es wird sich tatsächlich eine bescheidene doch signifikante Korrelation zeigen.

Ähnliches werden Sie auch im Bereich der Persönlichkeit tun können. Beispielsweise möchten Sie vielleicht herausfinden, ob Menschen, die schüchtern sind, auch intelligenter sind als kontaktfreudige Menschen. Also entwickeln Sie eine Möglichkeit, Schüchternheit-Kontaktfreudigkeit zu messen und eine Möglichkeit, Intelligenz zu messen (ein IQ-Test!), und dann messen Sie einige Tausend Menschen. Vergleichen Sie die Messungen und finden Sie heraus, ob sie korrelieren. Im Falle dieses Beispiels finden Sie wahrscheinlich wenig Korrelation, trotz unserer Stereotype. Korrelation ist eine beliebte Technik in der Psychologie, eingeschlossen das Feld der Persönlichkeit.

Was Korrelation nicht klären kann, ist die Frage, was verursacht was. Verursacht Größe irgendwie Gewicht? Oder ist es umgekehrt? Macht Schüchternheit Sie klüger oder macht Klugheit Sie schüchtern? Das kann man nicht sagen. Es könnte so oder anders sein, oder es könnte in der Tat irgend eine andere Variable geben, die die Ursache für beides ist.

Hier kommt das Experimentieren ins Spiel. Experimente sind der “Goldstandard” der Naturwissenschaft, und alle Persönlichkeitspsychologen wünschen, wir hätten es leichter damit. Im prototypischen Experiment manipulieren wir eigentlich eine der Variablen (die unabhängige) und messen dann eine zweite Variable (die abhängige).

So können Sie zum Beispiel den Grad der Drehung des Lautstärkereglers Ihres Radios messen und dann die tatsächliche Lautstärke der Musik, die aus den Lautsprechern kommt. Was Sie finden würden ist, offensichtlich, dass je weiter Sie den Regler drehen, desto höher die Lautstärke. Sie korrelieren, doch diesmal wissen Sie, weil der Regler (hier im wörtlichen Sinne) manipuliert und die Lautstärke anschließend gemessen wurde, dass das Drehen des Reglers in irgend einer Weise eine Ursache der Lautstärke darstellt.

Übernimmt man diesen Gedanken in die Welt der Persönlichkeit, könnten wir Menschen gruselige Filme zeigen, die hinsichtlich ihres Gruselfaktors bewertet worden sind. Anschließend könnten wir ihre Angst messen (mit einem Instrument, welches beispielsweise misst, wie verschwitzt unsere Handflächen werden, oder mit einem schlichten Test, in dem wir sie bitten einzuschätzen, wie sehr sie sich fürchten). Dann können wir uns ansehen, ob die Werte korrelieren. Und selbstverständlich würden sie das zu einem gewissen Grad. Zusätzlich wissen wir, je gruseliger der Film, desto mehr fürchten wir uns. Ein Durchbruch in der psychologischen Wissenschaft!

Es sind verschiedene Faktoren, die Messung, Korrelation und Experimente für Persönlichkeitspsychologen erschweren. Erstens ist es nicht immer leicht, die Art von Dingen, für die wir uns interessieren, in sinnvoller Weisen zu messen. Sogar die Beispiele von Schüchternheit-Kontaktfreudigkeit und Intelligenz und Angst sind bestenfalls zweifelhaft. Wie gut erkennen Menschen ihre eigene Angst? Wie eng steht ein Schweißtest mit Angst in Zusammenhang? Kann ein Papier-und-Bleistift Test Ihnen wirklich sagen, ob Sie klug sind oder schüchtern?

Wenn wir zu einigen der wichtigsten Ideen im Bereich der Persönlichkeit kommen — Ideen wie Gewissen, Wut, Liebe, Motivationen, Neurose — schaut das Problem fürs Erste unüberwindlich aus.

Eine weitere Schwierigkeit ist das Problem der Kontrolle. Insbesondere bei Experimenten müssen Sie alle irrelevanten Variablen kontrollieren, um zu sehen, ob die unabhängige Variable tatsächlich eine Auswirkung auf die abhängige Variable hat. Doch in jedem Augenblick sind es Millionen von Variablen, die ihre Wirkung auf uns ausüben. Selbst unsere gesamte Geschichte als Person fliesst mit ein und beeinflusst das Resultat. Kein steriles Labor wird derartiges jemals kontrollieren!

Selbst wenn Sie viele der Variablen kontrollieren könnten — die psychologische Version eines sterilen Labors — könnten Sie dann auch über die Situation hinaus verallgemeinern? Menschen handeln im Labor anders, als daheim. Wenn sie beobachtet werden, handeln sie anders als im privaten Rahmen. Experimente sind eigentlich soziale Situationen, und sie unterscheiden sich von anderen sozialen Situationen. Realismus könnte die Antwort sein, doch wie stellt man Realismus her und behält zugleich die Kontrolle?

Dann gibt es das Problem der Samples (Proben). Wenn ein Chemiker mit einem bestimmten Felsen arbeitet, kann er sicher sein, dass andere Proben desselben Felsens auf die applizierten Chemikalien ähnlich reagieren werden. Selbst ein Biologe, der eine Ratte beobachtet, kann ziemlich beruhigt sein, dass diese Ratte den meisten Ratten sehr ähnlich ist (obzwar das diskutiert worden ist!). Auf Menschen trifft dergleichen mit Sicherheit nicht zu.

In der Psychologie nehmen wir oft College Freshmen als Untersuchungsteilnehmer. Sie sind bequem — leicht verfügbar, leicht zur Teilnahme zu überreden (indem man ihnen “Punkte” verspricht), passiv, ergeben … Doch egal welche Resultate man mit College Freshmen erzielt, sind sie auf Menschen in Fabriken übertragbar? Auf Menschen am anderen Ende der Welt? Auf Menschen vor 100 Jahren oder 100 Jahre in der Zukunft? Kann man überhaupt auf College Seniors verallgemeinern? This problem transcends the issues for quantitative methods to qualitative methods as well.

Was ist nun mit qualitativen Methoden? Bei qualitativen Methoden geht es grundsätzlich um sorgfältige Beobachtung der Menschen, gefolgt von sorgsamen Beschreibungen, gefolgt von sorgfältiger Analyse. Das Problem qualitativer Methoden ist klar: Wie können wir sicher sein, dass der Forscher wirklich sorgfältig arbeitet? Oder, tatsächlich, dass der Forscher überhaupt aufrichtig ist? Nur, indem die Untersuchungen repliziert werden.

Es gibt ebenso viele qualitative Methoden wie quantitative Methoden. In einigen führt der Forscher im Grunde Introspektion durch — er schaut sich seine eigenen Erfahrungen an — als Beweise. Das klingt schwach, doch faktisch ist es ultimativ der einzige Weg für Forscher, direkt auf die Art von Dingen zuzugreifen, die im privaten Raum ihres oder seines eigenen Geistes vonstatten gehen! Diese Methode ist unter existentialistischen Psychologen verbreitet.

Andere Forscher beobachten Menschen “in der Wildnis”, in etwa so wie Ethologen Vögel oder Schimpansen oder Löwen beobachten, und beschreiben ihr Verhalten. Das Gute daran ist, dass Beobachtungen sich mit Sicherheit einfacher replizieren lassen als Introspektionen. Anthropologen arbeiten typischer Weise mit dieser Methode, ebenso wie zahlreiche Soziologen.

Eine der verbreitetsten qualitativen Methoden im Persönlichkeitsbereich ist das Interview. Wir richten Fragen, manchmal vorformuliert, manchmal aus dem Stehgreif, an eine Reihe Leute, die eine bestimmte Erfahrung gemacht haben (etwa von einem UFOs entführt wurden) oder an Leute, die in eine bestimmte Kategorie fallen (wie etwa eine Schizophreniediagnose). Die Fallstudie ist eine Version dieser Methode, hierbei geht es darum, ein recht umfassendes Verständnis eines einzigen Individuums zu erlangen, hierauf basiert ein Großteil der Persönlichkeitstheorie.

Letztlich ist die Wissenschaft nur sorgfältige Beobachtung plus sorgfältiges Denken. Also tun wir Persönlichkeitspsychologen mit unseren Forschungsmethoden unser Bestes. Bleibt allerdings die Sache mit dem sorgfältigen Denken, und hier sind einige Besonderheiten zu beachten.

Erstens müssen wir immer gegen Ethnozentrismus gewappnet sein. Ethnozentrismus ist (für unsere Zwecke) unser aller Neigung, Dinge aus der Perspektive unserer eigenen Kultur zu sehen. Wir werden in unsere Kultur hinein geboren und die meisten von uns verlassen sie nie wirklich. Wir lernen dies so früh und so gründlich, dass es zur “zweiten Natur” wird.

Zum Beispiel ist Freud 1856 in Böhmen geboren (Böhmen ist heute Teil der Tschechischen Republik). Seine Kultur — Mitteleuropa, deutschsprachig, viktorianisches Zeitalter, jüdisch… — war von unserer eigenen (was immer das sein mag) ziemlich verschieden. Etwas, das seine Kultur gebot, war dass Sex eine ganz schlimme Sache sei, eine animalische Sache, eine sündige Sache. Man glaubte, Masturbation führe zu Kriminalität, Retardierung und Geisteskrankheit. Orgasmusfähige Frauen hielt man für nymphomanisch, sie würden keine guten Ehefrauen und Mütter abgeben und würden möglicherweise in der Prostitution enden.

Man muss Freud zugute halten, dass er in der Lage war, sich über seine kulturellen Einstellungen bezüglich Sex zu erheben und davon auszugehen, dass Sexualität — selbst weibliche Sexualität — ein natürlicher (wenn schon tierischer) Aspekt des Menschseins ist und dass die Unterdrückung der eigenen Sexualität zu schweren psychologischen Störungen führen kann. Andererseits sah er die Möglichkeit einer neuen westlichen Kultur — unserer eigenen — nicht wirklich, in welcher Sexualität nicht nur als normal akzeptiert ist, sondern als etwas, dass alle bei jeder sich bietenden Gelegenheit tun sollten.

Zweitens muss man sich gegen Egozentrismus wappnen. Wiederum für unsere Zwecke definiert sprechen wir über die Neigung, unsere Erfahrungen, unsere Lebensläufe, als Standard für alle Menschen zu betrachten. Freud stand seiner Mutter sehr nahe. Sie war 20, als sie ihn zur Welt brachte, während sein Vater bei seiner Geburt 40 Jahre alt war. Sie blieb daheim, um sich um ihn zu kümmern, während der Vater die zur damaligen Zeit üblichen 16 Stunden hindurch arbeitete. Der kleine Freud war ein hochbegabtes Kind, konnte im Alter vorn fünf Jahren über Erwachsenenthemen sprechen. Wie seine Mutter es ausdrückte, war er ihr “goldener Siggi”.

Diese Umstände waren ungewöhnlich, selbst für die damalige Zeit und Umgebung. Doch als er seine Theorie entwickelte, ging er wie selbstverständlich davon aus, dass die Mutter-Sohn Verbindung ein für allemal im Zentrum der Psychologie steht! Das war natürlich ein Fehler: Egozentrismus.

Schlussendlich müssen wir uns gegen Dogmatismus wappnen. Ein Dogma ist eine Sammlung von Gedanken, bezüglich derer die betreffende Person keinerlei Kritik duldet. Haben Sie Beweise gegen meine Ideen? Ich will sie nicht hören. Haben Sie logische Fehler in meinen Argumenten entdeckt? Das ist irrelevant.
Dogmen sind in der Welt der Religion und Politik verbreitet, doch in der Wissenschaft ist absolut keinen Platz für sie! Die Wissenschaft sollte immer für neue Beweise und Kritik offen sein. Wissenschaft ist nicht “Wahrheit”; es ist nur eine Bewegung in die ungefähre Richtung. Wenn jemand behauptet, im Besitz der “Wahrheit” zu sein, kommt die Wissenschaft zum Stillstand.
Tja, trauriger Weise war Freud des Dogmatismus schuldig. Er hing so an seinen Ideen, dass er andere Meinungen von Seiten seiner “Jünger” nicht akzeptierte (religiöse Ausdrucksweise!). Einige, wie etwa Jung und Adler, sollten irgendwann ihre eigenen Theorien entwickeln. Wäre Freud nicht dogmatisch gewesen, wäre er bloß neuen Ideen und Beweisen gegenüber offen gewesen und hätte zugelassen, dass seine Theorie sich offen entwickelt, dann wären wir vielleicht heute alle “Freudianer” — und “freudianisch” würde etwas ziemlich anderes bedeuten und wäre wesentlich großartiger.

Genug der Vorbereitung. Fangen wir an. Womit sollten wir beginnen? Natürlich am Anfang. Und das wäre der Großmeister höchst persönlich, Sigmund Freud.

Zitation

Boeree, C. George (23. März 2008): Persönlichkeitstheorien: , URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/einfuehrung_2007

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