Adler, Alfred [1870–1937]

Teleologie

Dieser letzte Punkt – dass die Lebensweise nicht “nur eine mechanische Reaktion” darstellt – ist ein weiterer Aspekt, in welchem sich Adler von Freud unterscheidet. Denn für Freud sind die Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, wie etwa ein frühes Kindheitstrauma, entscheidend dafür, wie Sie in der Gegenwart sind. Adler hingegen betrachtet Motivation als eine Bewegung hin zur Zukunft, statt als ein mechanistisches Getriebenwerden von der Zukunft. Wir werden von unseren Zielen angezogen, von unseren Aufgaben, Idealen. Das bezeichnet man als Teleologie.

Werden Dinge von der Vergangenheit in die Zukunft verschoben, hat dies dramatische Auswirkungen. Da die Zukunft noch nicht da ist, nimmt die teleologische Herangehensweise den Dingen die Notwendigkeit. In einer traditionellen mechanistischen Sichtweise führen Ursachen zu Wirkungen: Wenn a, b und c passieren, passieren notwendigerweise auch x, y und z. Doch man muss seine Ziele nicht erreichen oder seinem Ideal entsprechen, es können mit der Zeit durchaus Veränderungen eintreten. Die Teleologie erkennt an, dass das Leben hart und ungewiss ist, und doch enthält es immer Raum für Veränderungen!

Des weiteren hat auch der Philosoph Hans Vaihinger Adler beeinflusst, als er ein Buch mit dem Titel Philosophie des “als ob“ geschrieben hat. Vaihinger ging davon aus, dass die ultimative Wahrheit für uns niemals zu erreichen ist, dass wir aber zu praktischen Zwecken partielle Wahrheiten erstellen müssen. Sein Hauptinteresse lag im Bereich der Naturwissenschaft, weshalb er seine Theorie mit Beispielen der partiellen Wahrheit von Protonen und Elektronen illustrierte, mit Lichtwellen, Schwerkraft als Störung im Raum und so weiter. Im Gegensatz zu dem, was wir Nicht-Naturwissenschaftler gerne annehmen, sind dies keinesfalls Dinge, die jemand gesehen hätte oder deren Existenz nachgewiesen worden wäre: Es handelt sich vielmehr um hilfreiche Konstruktionen. Sie funktionieren für den Moment, erlauben uns, weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen vorzunehmen und werden hoffentlich zu weiteren, noch hilfreicheren Konstruktionen führen. Wir beziehen uns auf diese Konstruktionen, “als ob” sie wahr wären. Vaihinger bezeichnete diese partiellen Wahrheiten als Fiktionen.

Vaihinger und Adler wiesen darauf hin, dass wir diese Fiktionen auch im täglichen Leben verwenden. Wir tun so, als wüssten wir, dass die Welt morgen noch hier ist, als ob wir genau über gut und böse Bescheid wüssten, als wäre alles, was wir sehen, genau so, wie wir es sehen und so fort. Adler nannte dies fiktiven Finalismus ( fictional finalism ). Diesen Ausdruck versteht man am besten, wenn man sich folgendes Beispiel vor Augen führt: Viele Menschen verhalten sich so, als gäbe es einen Himmel oder eine Hölle in ihrer persönlichen Zukunft. Natürlich kann es einen Himmel oder eine Hölle geben, doch die meisten von uns halten dies nicht für eine erwiesene Tatsache. Damit handelt es sich um eine “Fiktion” in Vaihingers und Adlers Verständnis des Begriffs. Und der Begriff Finalismus bezieht sich auf die Teleologie: Die Fiktion liegt in der Zukunft, und dennoch beeinflusst sie unser heutiges Verhalten.

Adler fügte hinzu, dass eine dieser Fiktionen im Zentrum unserer je eigenen Lebensweise steht, eine wichtige Fiktion darüber, wer wir sind uns wohin wir gehen.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Adler, Alfred [1870–1937], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/adler

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