Adler, Alfred [1870–1937]

Minderwertigkeit

Das sind wir also, wir alle werden von Erfüllung, Perfektion und Selbstverwirklichung angezogen. Und doch enden einige von uns – die Versagenden – fürchterlich unerfüllt, komplett unperfekt und weit von Selbstverwirklichung entfernt. Und all dies weil es uns an Interesse für die Gemeinschaft fehlt, oder, um es positiv auszudrücken, weil wir uns zu sehr unseren eigenen Interessen hingeben. Was ist es nun, das viele von uns dazu bringt, sich nur für sich selbst zu interessieren?

Adler meint, es liege daran, dass wir von unserer Minderwertigkeit überwältigt sind. Wenn Sie selbst vorankommen, es Ihnen gut geht, Sie sich kompetent fühlen, dann können Sie es sich leisten, an andere zu denken. Wenn nicht, wenn das Leben Ihnen alles abverlangt, dann konzentriert sich Ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf Sie selbst.

Ganz offensichtlich leidet jeder in der einen oder anderen Weise an Minderwertigkeit. Adler begann zum Beispiel seine theoretische Arbeit, indem er sich der Minderwertigkeit der menschlichen Organe widmete – jeder von uns hat sowohl stärkere als auch schwächere Bereiche der Anatomie oder Physiologie. Einige werden mit einem schwachen Herzen geboren oder entwickeln schon früh in ihrem Leben Herzprobleme; einige haben schwache Lungen oder Nieren oder früh Schwierigkeiten mit der Leber; einige stottern oder lispeln; einige haben Diabetes oder Asthma oder Polio; einige haben schwache Augen, hören schlecht oder haben einen schwachen Muskelaufbau; einige neigen von Geburt an dazu, schwergewichtig zu sein, andere eher dazu, dünn zu sein; manche von uns sind retardiert, andere deformiert; manche von uns sind besonders groß, andere besonders klein und so weiter und so weiter.

Adler stellte fest, dass viele Menschen mit Kompensation auf diese körperlichen Minderwertigkeiten reagieren. Sie wiegen ihre Defizite in irgendeiner Form auf: Das schwache Organ kann gestärkt werden und letztlich sogar noch stärker sein, als bei anderen Menschen; oder andere Organe entwickeln sich so, dass sie die Arbeit des schwachen Organs übernehmen; oder jemand kompensiert die organischen Schwierigkeiten psychologisch, indem er/sie bestimmte Fähigkeiten ausbildet oder bestimmte Persönlichkeitsstile. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Menschen über große physische Benachteiligungen hinweg kamen und etwas schafften, was Menschen mit tadellosen physiologischen Merkmalen sich nicht einmal erträumt hätten!

Trauriger Weise gibt es auch viele Menschen, die mit ihren Schwierigkeiten nicht umgehen können und ein Leben in stiller Verzweiflung leben. Ich gehe davon aus, dass unsere optimistische Gesellschaft ihre Zahl ernsthaft unterschätzt.

Doch Adler erkannte bald, dass dies nur eine Seite der Medaille war. Weit mehr Menschen haben psychologische Mängel. Einigen von uns wird gesagt, sie seinen dumm oder hässlich oder schwach. Einige kommen zu der Überzeugung sie wären einfach nichts wert. In der Schule werden wir immer wieder getestet, man gibt uns Noten, die uns klar machen, dass wir nicht so gut sind wie jemand anderer. Oder wir werden wegen unserer Pickel oder unserer schlechten Körperhaltung gemieden, so dass wir ohne Freunde und ohne Verabredungen dastehen. Bei diesen Beispielen geht es nicht um eine wirkliche organische Schwäche – wir sind nicht wirklich retardiert, deformiert oder schwach – doch wir lernen zu glauben, dass wir es sind. Wieder kompensieren viele diese Erfahrung, indem sie besonders gut in dem werden, was sie bisher als Schwäche an sich entdeckt hatten. Mehr Menschen aber kompensieren, indem sie in einem anderen Bereich besonders gut werden, in dem eigentlichen Bereich aber das Minderwertigkeitsgefühl beibehalten. Und andere entwickeln nie ein gesundes Selbstwertgefühl.

Adler entdeckte auch eine allgemeinere Form der Unterlegenheit: Die natürliche Unterlegenheit der Kinder. Alle Kinder sind natürlicherweise kleiner, schwächer, sozial und intellektuell weniger kompetent als die Erwachsenen um sie herum. Adler meint, wenn wir uns die Spiele, Spielsachen und Fantasien der Kinder ansehen, fällt auf, dass sie alle eine Gemeinsamkeit aufweisen: Den Wunsch, erwachsen zu werden, groß, ein erwachsener Mensch zu werden. Diese Art der Kompensation ist in der Tat mit dem Streben nach Perfektion identisch! Dennoch behalten viele Kinder den Eindruck, dass andere Menschen immer besser sein werden, als sie selbst.

Wenn Sie sich von den Kräften der Minderwertigkeit überwältigt fühlen – egal ob Ihr Körper schmerzt, die Menschen um Sie herum Sie verachten oder ob es nur die allgemeinen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens sind – entwickeln Sie einen Minderwertigkeitskomplex. Wenn ich auf meine eigene Kindheit zurückblicke, erkenne ich einige Quellen für spätere Minderwertigkeitskomplexe: Ich neige physisch zu Übergewicht, es gab sogar einige Phasen, in denen ich der “fette Junge” war; zudem bin ich in Holland geboren und genetisch nicht mit den Fähigkeiten ausgestattet, Baseball, Football und Basketball zu spielen; und schließlich vermittelten meine künstlerisch begabten Eltern mir oft – unbeabsichtigt – den Eindruck, dass ich niemals so gut sein würde wie sie. Während ich also aufwuchs wurde ich scheu und zurückgezogen und konzentrierte mich auf die einzige Sache, in der ich gut war: die Schule. Ich habe lange gebraucht, meinen Selbstwert zu erkennen.

Wenn Sie nicht der “Super-Depp” waren, kennen Sie vielleicht eine der verbreitetsten Minderwertig-keitskomplexe, die ich kenne: “Mathe-Phobie!” Vielleicht hat es damit angefangen, dass Sie sich nie merken konnten, was sieben mal acht ist. Jedes Jahr gab es ein Thema, das Sie nie ganz kapiert haben. Jedes Jahr haben Sie wenig mehr hinterher gehinkt. Und dann kam die Superkrise: Algebra. Wie konnte man von Ihnen erwarten, zu wissen, was “x” ist, wo Sie sich nicht mal merken konnten, was sieben mal acht ist?

Viele Menschen glauben, sie seien nicht für die Mathematik geschaffen, dass ihnen der dazu erforderliche Teil des Gehirns einfach fehlt oder so etwas. Ich würde Ihnen gerne hier und jetzt sagen, dass jeder Mathe kann, wenn es Ihnen richtig beigebracht wird und wenn das Kind wirklich so weit ist. Davon abgesehen muss man sich vorstellen, wie viele Menschen es aufgegeben haben, Naturwissenschaftler, Lehrer oder Geschäftsleute zu werden oder gar zur Uni zu gehen, nur wegen dieses Minderwertigkeitskomplexes.

Doch der Minderwertigkeitskomplex ist mehr als nur ein kleines Problem, es ist eine Neurose, was bedeutet, dass es sich um ein Problem handelt, das sich auf das gesamte Leben erstreckt. Sie werden scheu und zurückhaltend, unsicher, unentschieden, feige, unterwürfig und so weiter. Sie beginnen sich darauf zu verlassen, dass andere Sie mitziehen, manipulieren Sie sogar, damit sie Sie unterstützen: “Du hältst mich doch für schlau / hübsch / stark / sexy / gut, oder nicht?” Irgendwann gehen Sie ihnen dann auf die Nerven und Sie sind allein mit sich. Niemand kann dieses selbstzentrierte Gewimmer lange ertragen!

Neben Kompensation und Minderwertigkeitskomplex gibt es einen weiteren Weg, wie Menschen mit ihren Schwächen umgehen: Sie können auch einen Überlegenheitskomplex ( superiority complex ) entwickeln, indem Sie Ihre Schwäche dadurch verstecken, dass Sie vorgeben, überlegen zu sein. Wenn Sie sich klein fühlen, ist ein Weg, wie Sie sich selbst als groß empfinden können, dass Sie alle anderen dazu bringen, sich noch kleiner zu fühlen! Schläger, Prahler und kleine Diktatoren sind das vornehmliche Beispiel. Subtilere Beispiele sind die Menschen, die zu aufsehenerregenden dramatischen Aktionen neigen, die Menschen, die sich stark fühlen, wenn sie Verbrechen begehen, und die Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer ethnischen Ursprünge, ihres religiösen Glaubens, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Gewichtes, ihrer Größe etc. andere abwerten. Noch subtiler gehen Menschen vor, die ihre eigenen Gefühle der Wertlosigkeit hinter den Illusionen verstecken, die durch Alkohol und Drogen hervorgerufen werden.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Adler, Alfred [1870–1937], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/adler

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