Adler, Alfred [1870–1937]

Kindheit

Genau wie Freud betrachtete auch Adler Persönlichkeit oder Lebensweise als etwas, das schon sehr früh im Leben entsteht. Der Prototyp Ihrer Lebensweise wird tatsächlich schon im Alter von fünf Jahren festgelegt. Neue Erfahrungen werden diesen Prototyp nicht ändern, sondern eher im Kontext dieses Prototypen interpretiert werden; ähnlich wie neue Bekanntschaften tendenziell, in unser System von Stereotypen eingeordnet werden.

Adler ging davon aus, dass es drei grundlegende Situationen in der Kindheit gibt, die zu einer fehlerhaften Lebensweise führen. Die erste haben wir schon mehrfach genannt: organische Schwächen sowie Krankheiten im frühen Kindesalter. Wenn nicht jemand vorbeikommt und ihre Aufmerksamkeit auf anderes lenkt, werden diese Menschen sich nur mit sich selbst beschäftigen. Die meisten gehen mit dem starken Eindruck ihrer eigenen Minderwertigkeit durchs Leben; wenige überkompensieren, indem sie einen Überlegenheitskomplex entwickeln. Und nur mit Hilfe von Menschen, die sie lieben, werden einige von ihnen wirklich kompensieren.

Die zweite Situation ist das Verwöhnen. Vielen Kindern wird anhand der Handlungen anderer beigebracht, dass sie nehmen können, ohne zu geben. Ihre Wünsche sind allen anderen Befehl. Das klingt nach einer wundervollen Situation, bis man erkennt, dass das verwöhnte Kind zwei Schwächen hat: erstens lernt es nicht, für sich selbst zu sorgen, und stellt später fest, dass es wirklich unterlegen ist; und zweitens lernt das Kind nicht, in anderer Weise als durch Befehle mit anderen Menschen umzugehen. Und die Gesellschaft reagiert nur in einer Weise auf verwöhnte Menschen: mit Hass.

Die dritte Situation ist Vernachlässigung. Vernachlässigte oder missbrauchte Kinder lernen, was auch das verwöhnte Kind lernt, jedoch in einer viel direkteren Weise: Sie lernen Unterlegenheit, weil ihnen täglich gesagt und gezeigt wird, dass sie wertlos sind; sie lernen, selbstsüchtig zu sein, weil man ihnen beibringt, niemandem zu trauen. Wenn Sie keine Liebe kennen, können Sie später auch keine Kapazität für Liebe entwickeln. Wir sollten anmerken, dass zu den vernachlässigten Kindern nicht nur Waisenkinder und Missbrauchsopfer zählen, sondern auch jene Kinder, deren Eltern nie da sind und auch jene Kinder, die in rigider autoritärer Weise erzogen werden.

Geschwisterfolge

Adler ist der erste Theoretiker, der nicht nur Mutter, Vater und andere Erwachsene in der Umgebung des Kindes mitbedenkt, sondern auch die Geschwister des Kindes. Adler ist vielleicht am besten dafür bekannt, dass er sich über die Auswirkung der Geschwister sowie der Geschwisterfolge Gedanken gemacht hat. Ich muss Sie jedoch warnen, dass Adler auch die Geburtsfolge für eine weitere heuristische Idee hielt – für eine nützliche Fiktion – die zum Verständnis der Menschen beitragen, aber nicht zu ernst genommen werden müssen.

Ein Einzelkind wird mit größerer Wahrscheinlichkeit verwöhnt und die Auswirkungen haben wir bereits besprochen. Letztlich neigen Eltern, die nur ein einziges Kind haben, zu spezieller Fürsorge – manchmal mit Furcht kombiniert – für ihren einzigen Stolz. Aber ein Einzelkind muss auch alles allein ertragen, wenn die Eltern zu Missbrauch neigen.

Für das erstgeborene Kind beginnt das Leben als das eines Einzelkindes, alle Aufmerksamkeit richtet sich auf dieses Kind. Leider taucht dann irgendwann das zweite Kind auf und “entthront” das erstgeborene Kind. Zunächst wird das ältere Kind um den Erhalt seiner verlorenen Position kämpfen. Er/Sie verhält sich dann vielleicht genau wie das Baby – weil dieses Verhalten sich für das Geschwisterkind offenbar auszahlt! – doch das hat zur Folge, dass das erstgeborene Kind zurechtgewiesen wird, und man ihm sagt, es soll endlich erwachsen werden. Einige Erstgeborene werden ungehorsam und rebellisch, andere verdrießlich und zurückgezogen. Adler ist der Meinung, dass die Erstgeborenen eher als alle anderen Problemkinder werden. Im positiven Sinne sind Erstgeborene oft altklug. Sie neigen dazu, relativ einsam und konservativer zu sein, als die anderen Kinder in der Familie.

Das zweite Kind ist in einer ganz anderen Situation: Er oder sie hat das erstgeborene Kind vor sich, das die Standards vorgibt, und das zweite Kind neigt dazu, recht kompetitiv zu werden, fortlaufend bemüht, das ältere Kind zu übertreffen. Oft gelingt ihnen das auch, doch sie haben das Gefühl, dass dieses Wettrennen nie enden wird, sie neigen dazu, zu träumen, dass sie immer weiter rennen, ohne jemals irgendwo anzukommen. Andere “mittlere” Kinder werden versuchen, dem zweiten Kind ähnlich zu sein, obwohl jedes Kind sich an einem anderen “Wettbewerber” orientieren kann.

Das jüngste Kind wird vermutlich am meisten verwöhnt von allen Kindern in einer Familie mit mehr als nur einem Kind. Letztlich kann das jüngste Kind nie “entthront” werden! Somit sind die jüngsten Kinder ebenfalls wahrscheinlicher Problemkinder, in der Wahrscheinlichkeit stehen sie gleich hinter den Einzelkindern. Andererseits mag das jüngste Kind sich auch als unglaublich minderwertig empfinden, weil alle älter und “folglich” überlegen sind. Doch mit all den Geschwistern, die das Tempo vorgeben, kann es ebenso gut sein, dass das jüngste Kind sie alle übertrifft.

Dabei ist es nicht immer so offensichtlich, wer ein erstgeborenes, zweites oder jüngstes Kind ist. Denn wenn eine längere Zeitspanne zwischen den Geschwistern liegt, sehen sie sich selbst und sich gegenseitig nicht in der selben Weise, als wären sie altersmäßig näher zusammen. Zwischen meiner ersten und meiner zweiten Tochter liegen acht Jahre und drei zwischen der zweiten und der dritten: Damit wäre meine erste Tochter ein Einzelkind, meine zweite Tochter eine erstgeborene und meine dritte Tochter wäre das zweite Kind und das jüngste! Und wenn einige der Kinder Jungen und andere Mädchen sind, macht das auch einen Unterschied. Ein Mädchen als zweitgeborenes Kind mag einen älteren Bruder nicht als jemanden wahrnehmen, mit dem sie wetteifern möchte; ein Junge in einer Familie von Mädchen mag sich eher wie ein Einzelkind vorkommen und so weiter. Wie alles in Adlers System muss auch die Geburtsfolge im Kontext der speziellen Umstände des Individuellen Lebens verstanden werden.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Adler, Alfred [1870–1937], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/adler

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