Adler, Alfred [1870–1937]

Diagnose

Um Ihnen zu helfen, die “Fiktionen” Ihrer Lebensweise herauszufinden, schaut sich Adler eine ganze Reihe von Dingen an – Ihre Position in der Geschwisterfolge zum Beispiel. Zunächst schaut er sich Sie und Ihre medizinische Geschichte an, um nach möglichen organischen Gründen Ihres Problems zu suchen. Eine ernste Erkrankung kann für Auswirkungen verantwortlich sein, die neurotischen und psychotischen Symptomen sehr ähnlich sind.

In der ersten Sitzung fragt Adler vielleicht nach Ihren frühesten Erinnerungen, Kindheitserinnerungen. Dabei sucht er hier nicht so sehr nach der Wahrheit, als vielmehr nach einem Anzeichen für einen der frühen Prototypen Ihrer gegenwärtigen Lebensweise. Wenn Ihre frühesten Erinnerungen Sicherheit und sehr viel Zuneigung umfassen, mag das ein Hinweis darauf sein, dass Sie verwöhnt worden sind. Erinnern Sie sich an aggressives Wetteifern mit Ihrem älteren Bruder, mag das für das starke Streben des zweitgeborenen Kindes und den “herrschenden” Persönlichkeitstyp stehen. Geht es in Ihrer Erinnerung um Vernachlässigung und Sie verstecken sich irgendwo, mag das auf schwere Minderwertigkeit und Vermeidung hindeuten und so weiter.

Er könnte Sie auch nach irgendwelchen Schwierigkeiten fragen, die Sie in Ihrer Kindheit gehabt haben: Schlechte Gewohnheiten bezogen aufs Essen oder die Toilette könnten auf die Art und Weise hindeuten, wie Sie Ihre Eltern kontrolliert haben; Ängste, wie etwa die Angst im Dunkeln oder die Angst, allein gelassen zu werden, könnten darauf hinweisen, dass Sie verwöhnt worden sind; Stottern hingegen kann damit in Zusammenhang stehen, dass das Sprechen angstbesetzt gewesen sein mag; offene Aggression und Stehlen wiederum können Anzeichen eines Überlegenheitskomplexes sein; Tagträume, Isolation, Trägheit und Lügen können Wege darstellen, wie man die Konfrontation mit den eigenen Schwächen zu vermeiden suchte.

Genau wie bei Freud, waren Träume (und Tagträume) wichtig für Adler. Doch er wählte einen direkteren Zugang zu den Träumen: Träume sind Ausdruck Ihrer Lebensweise und, weit davon entfernt, Ihren Empfindungen im Wachzustand zu widersprechen, sind sie vereint mit Ihrem bewussten Leben. Meist reflektieren die Träume Ihre Ziele und Schwierigkeiten, auf die Sie bei der Umsetzung dieser Ziele treffen. Auch wenn Sie sich an keinen Traum erinnern können, macht das bei Adler nichts: Er würde Sie einfach bitten, hier und jetzt zu phantasieren. Ihre Fantasien wiederum werden Ihre Lebensweise ebenso gut widerspiegeln.

Adler achtet auch darauf, wie Sie sich ausdrücken: Ihre Haltung, die Art, wie Sie ihm die Hand schütteln, die Gesten, die Sie verwenden, wie Sie sich bewegen, Ihre “Körpersprache” wie wir heute sagen. Ihm fiel auf, dass verwöhnte Menschen sich oft irgendwo anlehnen! Sogar Ihre Körperhaltung im Schlaf mag einen Einblick gewähren: denn jemand, der in der Fötusstellung schläft und dabei die Decke über den Kopf gezogen hat, unterscheidet sich doch eindeutig von jemandem, der sich auf dem Bett ausstreckt, ohne sich überhaupt zuzudecken!

Er würde auch nach den exogenen Faktoren suchen, die Ereignisse, die Ihre aktuellen Symptome hervorgerufen haben. Er nennt in diesem Zusammenhang eine Reihe häufiger Auslöser: sexuelle Schwierigkeiten wie etwa Unsicherheit, Schuld, das erste Mal, Impotenz und ähnliches mehr; hinzu kommen jene Schwierigkeiten, die nur die Frauen betreffen, wie etwa Schwangerschaft und Geburt sowie der Beginn und das Ende der Menstruation; Ihr Liebesleben, Verabredungen, Verlobung, Heirat und Scheidung; Ihr Arbeitsleben, auch Schule, Prüfungen, Karriereentscheidungen und der Job an sich; und auch Todesangst oder der Verlust eines geliebten Menschen.

Und zu guter Letzt war Adler auch für die weniger rational wissenschaftliche und eher künstlerische Seite der Diagnose offen: Empathie, Intuition und einfaches Vermuten sollten nicht vergessen werden!

Therapie

Zwischen Adlers und Freuds Therapie gibt es entscheidende Unterschiede: Zunächst zog Adler es vor, die Patienten vor sich sitzen zu sehen und ihnen beim Gespräch in die Augen zu sehen. Des weiteren gab er sich die allergrößte Mühe, keinesfalls autoritär zu wirken. Er hat vielmehr dazu geraten, der Therapeut solle nie zulassen, dass Patienten sie/ihn in die Rolle einer autoritären Figur drängen, denn dies würde es den Klienten erlauben, mit dem Therapeuten einige der Spiele zu spielen, die sie schon so oft gespielt haben: die Patienten könnten den Therapeuten so zum Erlöser erhöhen, nur um ihn angreifen zu können, wenn sich herausstellt, dass der Therapeut nur ein Mensch ist. Indem sie den Therapeuten herunter ziehen, erhöhen sie ihre eigene Position und ihre neurotische Lebensweise.

Das ist auch Adlers Erklärung für Widerstand: Wenn Patienten Termine vergessen, zu spät kommen, besondere Gefälligkeiten verlangen oder allgemein stur und unkooperativ werden, so ist das nach Adler nicht, wie Freud dachte, eine Frage der Repression. Vielmehr kommt in diesem Verhalten der Mangel an Mut zum Ausdruck, die eigene neurotische Lebensweise aufzugeben.

Die Patienten müssen dahin geführt werden, den Charakter der eigenen Lebensweise zu verstehen, zumal deren Wurzeln, die in selbstzentrierten Fiktionen liegen. Dieses Verständnis oder diese Einsicht kann nicht erzwungen werden: Wenn Sie einfach jemandem sagen: “Schau her, hier liegt dein Problem!”, wird er/sie sich nur von Ihnen abwenden und nach Wegen suchen, die aktuellen Fiktionen zu stärken. Statt dessen sollten die Patienten in einen Zustand der Offenheit gebracht werden, so dass sie gerne zuhören und verstehen möchten. Nur dann ist eine Einflussnahme möglich, die dazu führt, dass sie das leben möchten, was sie verstanden haben (Ansbacher und Ansbacher, 1956, S. 335.). Nicht der Therapeut, sondern die Patienten sind letztlich dafür verantwortlich, sich selbst zu heilen.

Und schließlich muss der Therapeut die Patienten ermutigen, was bedeutet, dass ihr Gemeinschaftsgefühl und die Energie, die damit einhergeht, geweckt werden sollen. Indem eine ernst gemeinte menschliche Beziehung zu den Patienten aufgebaut wird, stellt der Therapeut bereits die Grundform des Gemeinschaftsgefühls zur Verfügung, welche die Patienten dann an andere weitergeben können.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Adler, Alfred [1870–1937], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/adler

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