
Ludwig Binswanger [1881-1966]
Woe’s me, woe’s me!
The earth bears grain,
But I Am unfruitful,
Am discarded shell,
Cracked, unusable, Worthless husk.
Creator, Creator,
Take me back!
Create me a second time
And create me better!
Ellen West war immer schon ein wenig seltsam. Sie war wählerisch beim Essen und wehrte sich stark, wenn jemand sie zwingen wollte, etwas zu essen, das sie nicht mochte. Im Grunde war es ihre Sturheit, die sie zu etwas Besonderem machte. Als Teenager war ihr Motto “either Caesar or nothing!” Doch nichts konnte sie oder ihre Familie auf das vorbereiten, was noch kommen würde.
Im Alter von siebzehn Jahren gibt es eine merkwürdige Wende in ihren Gedichten. In einem Gedicht mit dem Titel “Kiss Me Dead” wird der Meereskönig gebeten, sie in seine kalten Arme zu nehmen und sie tot zu küssen. Sie stürzt sich in die Arbeit und preist sie als “den Segen unseres Lebens” Die Sinnlosigkeit des Lebens fasziniert und schreckt sie.
Mit zwanzig reist sie nach Sizilien. Dort isst sie ausreichend und nimmt an Gewicht zu, woraufhin sie ihre Freundinnen ärgern. Darauf reagiert sie, indem sie fastet und übermäßig Sport treibt. Sie wird besessen von der Vorstellung, fett zu sein, hasst sich dafür und sieht den Tod als Ausweg aus ihrer Misere.
Für kurze Zeit vergräbt sie sich in Arbeit und wird die Depressionen los. Doch das Gefühl der Angst verlässt sie nicht. Sie engagiert sich für soziale Veränderungen, geht aber heimlich davon aus, dass das alles sinnlos ist.
Als ihre Eltern sich gegen ihre Verlobung mit einem Studenten stellen, gerät sie in Panik, kehrt ausgemergelt und krank nach Hause zurück. Dennoch empfindet sie ihre Dürrheit als den eigentlichen Schlüssel zu ihrem Wohlergehen!
Ihr Hausarzt verordnet Bettruhe, sie nimmt zu, ist niedergeschlagen und arbeitet hart daran, ihren ausgemergelten Zustand wieder zu erlangen.
Im Alter von 28 heiratet sie ihren Cousin in der Hoffnung, die Ehe werde ihr helfen, die fixe Idee loszuwerden. Nach einer Fehlgeburt kämpft sie mit dem Dilemma, ein Kind haben zu wollen, obwohl sie kein nahrhaftes Essen zu sich nehmen will.
Sie nimmt große Mengen Abführmittel ein. Als sie 33 Jahre alt ist, braucht sie täglich 60 oder 70 pflanzliche Abführtabletten, nachts übergibt sie sich, tagsüber leidet sie an Durchfall. Bald wiegt sie nur noch 92 Pounds (41,768 kg) und schaut aus wie ein Skelett.
Zu diesem Zeitpunkt sucht sie nacheinander zwei Psychiater auf, unternimmt zwei Suizidversuche. Schließlich wird sie ins Sanatorium Kreuzlingen eingewiesen, wo sie und ihr Mann sich unter der Aufsicht von Ludwig Binswanger sehr wohl fühlen. Unter der Einwirkung einer Diät und Beruhigungsmitteln wird sie physisch gesünder, doch die erdrückende Angst bleibt.
Weil sie weiterhin versucht, sich das Leben zu nehmen, stellt man sie vor die Wahl: Entweder sie wird eingeschlossen, was dazu führen würde, dass sie zugrunde geht, oder aber sie kann entlassen werden. Sie und ihr Mann entscheiden sich für die Entlassung.
Nun fühlt sie sich viel besser, weil sie weiß, was zu tun ist. Sie isst wieder gerne, manchmal sogar ein wenig Schokolade, zum ersten mal seit 13 Jahren ist sie satt. Sie spricht mit ihrem Mann, schreibt einige Briefe an Freunde – und nimmt eine tödliche Dosis Gift.
Diese traurige Geschichte zählt zu den bekannteren Fallstudien, nicht wegen der Erkrankung an sich – Anorexie ist leider eine nicht seltene Erkrankung – auch nicht wegen des speziellen Krankheitsverlaufs, viel wichtiger ist, dass Ellen West ihren Standpunkt dem eigenen Problem gegenüber ausdrücken konnte und dass Ludwig Binswanger ihr wirklich zuhörte.
Sehen wir uns ein weiteres ihrer Gedichte an:
I’d like to die just as the birdling does
That splits his throat in highest jubilation;
And not to live as the worm on earth lives on,
Becoming old and ugly, dull and dumb!
No, feel for once how forces in me kindle,
And wildly be consumed in my own fire.
Irgendwann in ihrer Kindheit hat Ellen ihr Leben in zwei gegensätzliche Lager aufgespalten: Auf der einen Seite gibt es die “Grabwelt”(tomb world), dazu zählen ihre physische und soziale Existenz. Die niederen Bedürfnisse des Körpers lenken sie von ihren Zielen ab. Der Körper wird täglich älter. Ihre Gesellschaft ist bürgerlich und korrupt. Die Menschen um sie herum scheinen all das Böse und das Leiden vergessen zu haben. In der Grabwelt ist alles degeneriert, befindet sich in einem Degenerationsprozess, alles wird nach unten gezogen, ins Grab, in ein Loch.
Auf der anderen Seite gibt es die “ätherische Welt” (ethereal world) die Welt der Seele, rein und sauber, eine Welt, in der getan wird, was getan werden muss, wo Handeln ohne Anstrengung abläuft, weil es nicht durch das Gewicht der Materie beschwert ist. In der ätherischen Welt können wir frei sein und fliegen.
Es gibt Menschen, die die ätherische Welt ignorieren. Sie mögen die Ängste und Verantwortung nicht, die die Freiheit bringt. Manche täten lieber, was ihnen gesagt wird, daher treten sie einem Kult bei, oder einer Gang, oder einer multinationalen Vereinigung. Und dennoch fürchten sie sich, weil sie wissen, dass das nicht richtig ist. Sie leben ihr Leben nicht, und folglich können sie nie glücklich sein.
Andere orientieren sich an ihrem Körper. Sie suchen die einfachen Glücksgefühle. Doch dann finden sie heraus, dass diese Glücksgefühle langweilig werden. Dann probieren sie eine neue Droge oder eine neue Perversion oder einen neuen Kick aus. Nach einer Weile reicht ihnen auch das nicht mehr. Sie versagen, nicht weil diese Freuden keine Glücksgefühle mehr hervorrufen, sondern weil die eine Hälfte ihrer Selbst nicht daran beteiligt ist.
Ellen West versuchte, die “Grabwelt” zu ignorieren. Sie wollte über dem Materiellen und Weltlichen in das Ätherische fliegen, in das Gute, das Richtige und das Reine. Und in einem kleinen Bereich ist sie dem Erfolg sehr nahe gekommen: Es gelang ihr, ihren Körper in ein Skelett zu verwandeln. Doch es ist niemals genug.
Wir können nicht den einen Teil dessen, was wir sind, zugunsten eines anderen Teils ignorieren. Wir können unseren Körper oder unsere Seele nicht ignorieren, kein Teil dessen was uns ausmacht kann ignoriert werden. Ob es uns passt oder nicht, wir sind sowohl Vogel als auch Wurm. Alles, was darunter liegt, ist nicht nur nicht “menschlich”, sondern es ist im Grunde gar nichts!
Zitation
Rogers, Carl [1902-1987] « | » Boss, Medard [1903-1990]
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