Ludwig Binswanger [1881-1966]

Biographie

Ludwig Binswanger ist am 13. April 1881 in Kreuzlingen in der Schweiz, geboren. Die medizinische und psychiatrische Familientradition war bereits etabliert: Sein Großvater, auch mit dem Namen Ludwig, gründete 1857 das Bellevue Sanatorium in Kreuzlingen. Sein Vater Robert war Direktor der Einrichtung, als Anna O. dort behandelt wurde. Und sein Onkel Otto entdeckte eine Alzheimer-ähnliche Krankheit, die noch immer Binswanger Krankheit genannt wird – er war zudem einer von Friedrich Nietzsches Ärzten!

Der Ludwig Binswanger, um den es uns hier geht, erlangte 1907 seinen Doktor der Medizin an der Universität Zürich. Er studierte bei Carl Gustav Jung und assistierte Jung bei der Arbeit für die Freudian Society. Genau wie Jung war er Medizinalassistent bei Eugen Bleuler, der den Begriff Schizophrenie prägte.

1907 stellte Jung Binswanger und Sigmund Freud einander vor. 1911 wurde Binswanger medizinischer Leiter des Bellevue Sanatoriums. Im darauf folgenden Jahr wurde er krank, Freud besuchte ihn, obwohl er Wien nur selten verließ. Ihre Freundschaft hielt bis zu Freuds Tod 1939, obwohl sie im Bereich der Theorie grundsätzlich verschiedene Auffassungen vertraten! In den frühen 20ern begann sich Binswanger für Edmund Husserl, Martin Heidegger und Martin Buber zu interessieren, so wandte er sich zunehmend einer existentialistischen, statt der Freudschen Perspektive zu. In den frühen 30ern können wir feststellen, dass er der erste wirklich erfahrene Therapeut war. 1943 veröffentlichte er sein Hauptwerk Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, bislang nicht ins Englische übertragen.

1956 – nachdem er 45 Jahre lang medizinischer Leiter gewesen war – trat Binswanger von seinem Amt in Bellevue zurück. Er setzte seine Untersuchungen sowie seine schriftstellerischen Tätigkeiten bis zu seinem Tod 1966 fort.

Theorie

Existentialistische Psychologie ist, genau wie Freuds Psychoanalyse, eine “Denkschule”, eine Theorietradition, Forschung und Praxis, die die Arbeit zahlreicher Männer und Frauen umfasst. Anders jedoch als die Psychoanalyse hat die existentialistische Psychologie mehr als einen einzigen Gründer. Die Wurzeln liegen vielmehr in der Arbeit einer Gruppe von Philosophen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche.

Kierkegaard und Nietzsche sind so verschieden wie Tag und Nacht, daher fällt es ein wenig schwer sich vorzustellen, wie aus ihrer Arbeit eine einzige Denkschule entstanden sein kann. Kierkegaard war daran gelegen, die Tiefe des Vertrauens zu der trockenen Religion, die das Kopenhagen seiner Tage auszeichnete, wieder herzustellen. Nietzsche hingegen ist berühmt für seinen Ausruf “Gott ist tot!”. Und dennoch sind beide von den ihnen vorausgegangenen Philosophen weiter entfernt, als voneinander. Beide wählten den Standpunkt realer Menschen, die leidenschaftlich in die Schwierigkeiten des realen Lebens verwickelt sind, als Zugang zur Philosophie. Beide gingen davon aus, dass die menschliche Existenz nicht in komplexen rationalen Systemen eingefangen werden kann, egal ob religiös oder philosophisch. Beide standen den Dichtern näher als den Logikern.

Seit Kierkegaard und Nietzsche haben ziemlich viele Philosophen und – in letzter Zeit – auch Psychologen die Gedanken des Existentialismus zu beleuchten, auszuweiten und zu verbreiten versucht. Leider waren viele von ihnen keine guten Dichter, daher kann es geradezu schmerzhaft sein, ihre Werke zu lesen. Dabei sollte man sich vor Augen halte, dass sie gegen den Strom schwammen – den Strom jahrhundertelanger systematischer, rationaler, logischer Philosophie sowie einer Psychologie, die sich auf Physiologie und Verhalten beschränkte. Was sie mitzuteilen haben, erscheint oftmals seltsam, sogar überzogen, und zwar eben weil wir gelernt haben, auf traditionelle Logik und Wissenschaft zu vertrauen.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Ludwig Binswanger [1881-1966], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/binswanger

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