
Ludwig Binswanger [1881-1966]
Phänomenologie
Phänomenologie ist die sorgfältige und umfassende Untersuchung von Phänomenen, grundsätzlich handelt es sich um eine Erfindung des Philosophen Edmund Husserl. Phänomene sind die Inhalte des Bewusstseins, die Dinge, die wir erleben, Qualitäten, Beziehungen, Ereignisse, Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Phantasien, Empfindungen, Handlungen und so weiter. Phänomenologie ist ein Bemühen, diese Dinge zu uns sprechen zu lassen, so dass sie sich uns enthüllen, damit wir sie so unvoreingenommen wie möglich beschreiben können.
Wer sich mit experimenteller Psychologie beschäftigt hat, dem mag das als eine andere Art von Objektivität erscheinen. Bei der experimentellen Psychologie, wie auch in der Wissenschaft allgemein, versuchen wir, unsere Subjektivität loszuwerden, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Doch ein Phänomenologe würde sagen, dass man seine Subjektivität nie los wird, egal wie sehr man sich darum bemüht. Allein der Versuch, wissenschaftlich vorzugehen, bedeutet, dass man die Dinge von einem bestimmten Standpunkt aus sieht – nämlich vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Weil die Subjektivität nicht Objektivität abzutrennen ist, kann man sie auch nicht ablegen.
Der Großteil der modernen Philosophie, eingeschlossen der Wissenschaftsphilosophie ist dualistisch. Das bedeutet, dass die Welt in zwei Teile aufgeteilt ist, den objektiven, meist als materiell betrachteten, und den subjektiven Teil, das Bewusstsein.
Unsere Erfahrungen sind danach die Interaktion des objektiven und des subjektiven Bereichs. Die moderne Wissenschaft hat das Objektive betont, und den subjektiven Bereich in den Hintergrund gerückt. Manche bezeichnen das Bewusstsein als ein “Epiphänomen” also als unbedeutendes Zusatzprodukt der Gehirnchemie und anderer materieller Prozesse, etwas, das bestenfalls ein Ärgernis darstellt. Andere, wie zum Beispiel B. F. Skinner, messen dem Bewusstsein überhaupt keine Bedeutung bei.
Phänomenologen halten dies für einen Fehler. Alles, womit der Wissenschaftler umgeht, entsteht “durch” Bewusstsein. Alles, was wir erleben, ist vom “Subjektiven” eingefärbt. Man könnte es auch so ausdrücken: Es gibt keine Erfahrung, die nicht beides umschließt: etwas, das erfahren wird, und etwas, das erfährt. Dieser Gedanke wird als Intentionalität ( intentionality ) bezeichnet.
Die Phänomenologie fordert uns auf, die Dinge, die wir untersuchen, sich enthüllen zu lassen – egal, ob es sich um ein Ding da draußen, eine Empfindung, einen Gedanken in uns handelt, oder um das menschliche Leben an sich. Das erreichen wir, indem wir der Erfahrung gegenüber offen sind, nicht negieren, was da ist, weil es zum Beispiel nicht zu unserer Philosophie, psychologischen Theorie oder religiösem Glauben passt. Insbesondere sind wir aufgefordert, die Frage nach der objektiven Realität einer Erfahrung auszuklammern. Obwohl der Untersuchungsgegenstand meist mehr ist, als das, was wir erleben, ist er dennoch nichts anderes als das, was wir erleben.
Phänomenologie ist zudem eine zwischenmenschliche Angelegenheit. Während also die experimentelle Psychologie eine Gruppe von Probanden verwendet, damit die Subjektivität ihrer Erfahrungen statistisch entfernt werden kann, verwendet die Phänomenologie eine Gruppe von Wissenschaftlern, damit ihre Perspektiven gesammelt werden, so dass ein umfassenderes, reichhaltigeres Verständnis des Phänomens entsteht. Dies wird als Intersubjektivität bezeichnet.
Diese Methode, sowie Adaptionen der Methode, wurden dazu herangezogen, verschiedene Emotionen zu untersuchen, Psychopathologien, Trennung, Einsamkeit, Solidarität, die künstlerische Erfahrung, die religiöse Erfahrung, Stille und Sprechen, Wahrnehmung und Verhalten und so weiter. Zudem wurde damit die menschliche Existenz an sich untersucht, die herausragendsten Theoretiker sind Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre. Darin liegt die Grundlage für den reinen Existentialismus.
Weitere Details zur phänomenologischen Methode sind in The Qualitative Methods Workbook (insbesondere im ersten Teil) zu finden!
Zitation
Rogers, Carl [1902-1987] « | » Boss, Medard [1903-1990]
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