
Ludwig Binswanger [1881-1966]
Existenz
Kierkegaard hat uns einst mit Gott verglichen und uns natürlich für unzulänglich erachtet. Traditionell wird Gott als allwissend, omnipotent und ewig begriffen. Wir hingegen sind abgrundtief unwissend, entsetzlich machtlos und sterblich. Unsere Begrenzungen sind klar.
Wir wünschen uns oft, ein wenig mehr wie Gott zu sein, oder zumindest wie Engel. Von Engeln wird angenommen, dass sie weniger unwissend und machtlos sind als wir, und dass sie unsterblich sind! Doch wie Mark Twain es ausdrückte, wenn wir Engel wären, würden wir uns nicht gegenseitig erkennen. Engel tun nichts als das, was Gott ihnen aufträgt. Sie können nicht anders. Sie leben Gottes Plan, in alle Ewigkeit!
Tische sind den Engeln ähnlicher als wir es sind. Tische haben eine Natur, einen Zweck, eine Essenz, die wir ihnen geben. Sie sind dazu da, uns in bestimmter Weise zu dienen, wie Engel Gott dienen.
Bei den Waldmurmeltieren ist es ähnlich. Sie haben auch einen Plan in ihren Genen. Sie tun das, was ihre Instinkte ihnen sagen. Sie brauchen keine Karriereberatung.
Es mag vielleicht langweilig sein, als Engel, als Tisch oder als Waldmurmeltier, doch es ist mit Sicherheit einfach! Man könnte sagen, dass ihre Essenz vor ihrer Existenz feststeht. Was sie sind liegt vor dem, was sie tun.
Doch Existentialisten sind der Auffassung, dass das für uns Menschen nicht zutrifft; Sartre drückt es so aus “Unsere Existenzen gehen unseren Essenzen voraus”. Ich weiß also nicht, warum ich hier bin, bis ich mein Leben gelebt habe. Mein Leben, wer ich bin, das ist nicht von Gott, von den Naturgesetzen, der Genetik, der Gesellschaft oder der Familie vorausbestimmt. Diese Faktoren stellen höchstens das Rohmaterial meiner Essenz dar, doch entscheidend ist, wie ich mich zu leben entscheide. Das allein bestimmt, wer ich bin. Ich erschaffe mich selbst.
Wenn für George Kelly und Kognitionspsychologen der Wissenschaftler das Modell des Menschen darstellt, so ist der Künstler das Modell für die Existentialisten.
Man könnte also sagen, dass das Fehlen der Essenz, das “Nichts-Sein” die Essenz der Menschheit darstellt – genau dies haben wir alle gemeinsam, es unterscheidet uns von allem anderen in der Welt, es ist unsere Freiheit. Wir können von keinem philosophischen System und keiner psychologischen Theorie erfasst werden; wir können nicht auf physikalische und chemische Prozesse reduziert werden; unsere Zukunft kann von keiner gesellschaftlichen Statistik vorausbestimmt werden. Manche von uns sind Männer, andere sind Frauen; einige haben eine schwarze Hautfarbe, die Haut anderer ist weiß; wir stammen aus unterschiedlichen Kulturen; jeder hat eine andere Schwäche. Dieses so genannte Rohmaterial variiert beträchtlich, doch allen gemeinsam ist die Aufgabe, uns selbst zu erschaffen.
Zitation
Rogers, Carl [1902-1987] « | » Boss, Medard [1903-1990]
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