
Ludwig Binswanger [1881-1966]
Angst
Existentialisten sind bekannt dafür, das Leben als hart darzustellen. Die Welt kann uns Schmerz ebenso wie Freude bereiten; die soziale Welt kann zu einem gebrochenen Herzen und Einsamkeit ebenso wie zu Liebe und Zuneigung führen; und insbesondere die persönliche Welt beinhaltet Ängste, Schuld und die Gewissheit, dass wir sterblich sind. All diese harten Dinge sind nicht nur Möglichkeiten des Lebens: Sie sind unausweichlich.
Frei zu sein bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Im Grunde sind wir “dazu verdammt, zu wählen”, wie sich Sartre ausdrückte, denn das einzige, was wir nicht entscheiden können, ist keine Entscheidung zu treffen. Obwohl wir in der Tat unwissend, machtlos und sterblich sind, müssen wir dennoch Entscheidungen treffen, wie Kierkegaard aufzeigt; wir haben nie genügend Informationen, um eine gute Entscheidung treffen zu können!
Kierkegaard, Heidegger und andere Existentialisten verwenden den Begriff Angst für die Besorgnis angesichts unserer ungewissen Zukunft. Anders als Furcht oder Grauen hat die Angst kein konkretes Objekt. Es handelt sich mehr um einen Zustand.
Existentialisten nennen das Nichts oftmals im Zusammenhang mit der Angst: Weil wir nicht wie Tische, Engel und Waldmurmeltiere konkret vorbestimmt sind, kommt es uns manchmal vor, als wären wir kurz davor, ins Nichts abzugleiten. Wir wären gerne Felsbrocken – massiv, simpel, ewig – doch wir sind wie ein Wirbelwind. Angst ist keine vorübergehende Unannehmlichkeit, die von einem freundlichen Therapeuten entfernt werden kann; sie ist ein Bestandteil des Menschseins.
Schuld
Also, Existentialismus ist keine “leichte” Philosophie. Es bleiben weit weniger Wege, die eigene Verantwortung für das Handeln abzugeben. Man kann nicht alles auf die Umgebung schieben, oder auf die Genetik, die Eltern, eine psychische Krankheit, den Alkohol oder auf die Drogen, auf den Gruppendruck oder den Teufel.
Heidegger verwendet den Begriff Schuld für unsere Verantwortung uns selbst gegenüber. Wenn wir nicht das tun, von dem wir wissen, dass wir es tun sollten, empfinden wir Schuld. Wir haben dem Dasein gegenüber Schuld auf uns geladen. Und weil das Dasein sich immer in einem Entwicklungsprozess befindet, niemals vollendet ist, haben wir fortlaufend mit Unvollständigkeit zu tun, so wie wir auch fortlaufend mit Unsicherheit konfrontiert sind.
Ein anderer Begriff, der hier passt, ist das Bedauern. Mit Sicherheit ist Schuld damit verbunden, dass wir bedauern, was wir getan haben – oder unerledigt gelassen haben – Dinge, die anderen Schaden zugefügt haben. Doch wir empfinden auch Bedauern angesichts vergangener Entscheidungen, die niemandem außer uns selbst geschadet haben. Wir bedauern es, wenn wir den einfachsten Weg gewählt haben, wenn wir uns nicht bemüht haben, wenn wir lieber weniger als mehr Engagement gezeigt haben, wenn wir die Lust verloren haben.
Tod
Existentialisten werden häufig dafür kritisiert, dass sie sich zu intensiv mit dem Tod beschäftigen. Und in der Tat diskutieren sie den Tod weit tiefgründiger als die meisten Theoretiker, doch es handelt sich wohl eher nicht um ein morbides Interesse. Wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen, werden wir am ehesten das Leben zu verstehen wissen. Sartre drückt es in dem Stück Die Fliegen so aus: “life begins on the far side of despair” (zu deutsch: “das Leben beginnt auf der anderen Seite der Verzweiflung”).
Heidegger bezeichnete uns als Sein zum Tode ( being-towards-death ). Es scheint, als seien wir die einzigen Lebewesen, die sich ihres eigenen Endes bewusst sind. Werden wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst, werden wir vielleicht zunächst davor zurückschrecken und diese Realität zu vergessen versuchen, indem wir uns mit den täglichen Aktivitäten der sozialen Welt “beschäftigen”. Doch das wird nicht ausreichen. Den Tod zu meiden heißt, das Leben zu meiden.
Einmal bemerkte ich, dass ich eine meiner kleinen Töchter im Arm hielt und gleichzeitig über den Tod nachdachte – vielleicht eine seltsame Sache, doch über diese Dinge nachzudenken, ist die Arbeit meines Lebens! Als ich mir ihr schlafendes Gesicht ansah, dachte ich daran, wie bald sie und ich sterben würden. In diesem Moment überwältigte mich die Liebe zu meiner Tochter. Die Tatsache, dass sie und ich nur eine sehr kurze Zeit zusammen haben, lässt die Liebe zu mehr als nur einer familiären Bindung werden. Wenn man umfassend begreift, dass man sterben wird, ist jeder verschwendete Moment für immer verschwendet.
Zitation
Rogers, Carl [1902-1987] « | » Boss, Medard [1903-1990]
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