
Ludwig Binswanger [1881-1966]
Authentizität | Inauthentizität
Authentizität
Anders als die meisten Persönlichkeitstheoretiker versuchen die Existentialisten gar nicht erst, Werturteile zu meiden. Phänomenologisch betrachtet sind gut und böse zu “real”, wie verbrannter Toast. Damit stellen sie fest, dass es bessere und schlechtere Lebensweisen gibt. Die besseren Lebensweisen bezeichnen sie als authentisch.
Authentisch zu leben bedeutet, sich seiner selbst bewusst zu sein, der eigenen Lebensumstände (Geworfenheit), der eigenen sozialen Welt (Verfallenheit an die Welt), der Pflicht, sich selbst zu erschaffen, der Fähigkeit zu Angst, Schuld und Tod. Des weiteren bedeutet es, diese Dinge in einem Akt der Selbstbestätigung zu akzeptieren. Es bedeutet Verbundenheit, Mitgefühl und Verpflichtung.
Wir halten also fest, dass das Ideal psychischer Gesundheit nicht Spaß und nicht einmal Glücklichsein meint, obgleich Existentialisten nicht konkret etwas dagegen haben. Das Ziel ist, dein Bestes zu tun.
Inauthentizität
Jemand, der nicht authentisch lebt, “wird” nicht länger, sondern “ist” nur noch. Man hat Offenheit gegen Verschlossenheit eingetauscht, das Dynamische gegen das Statische, Möglichkeiten gegen Tatsachen. Wenn Authentizität Bewegung bedeutet, haben diese Menschen aufgehört, sich zu bewegen.
Existentialisten vermeiden Klassifikationen. Jeder Mensch ist einzigartig. Zunächst beginnen wir alle mit unterschiedlichem “Rohmaterial” – Genetik, Kultur, Familie und so fort. Dann nehmen wir dies als Ausgangspunkt und erschaffen uns selbst indem wir Entscheidungen treffen. Somit gibt es ebenso viele Wege, authentisch zu sein, wie es Menschen gibt; und ebenso viele Möglichkeiten, nicht authentisch zu sein.
Konventionalität ist die verbreitetste Form der Unechtheit. Dabei ignoriert man die eigene Freiheit und lebt ein Leben der Konformität und des seichten Materialismus. Wenn es Ihnen gelingt, wie alle anderen zu sein, brauchen Sie keine Entscheidungen mehr zu treffen. Sie orientieren sich einfach an der Autorität, an Gleichaltrigen oder den Medien und lassen sich führen. Sie können auch viel zu beschäftigt sein, um moralische Entscheidungen, die sich stellen, noch wahrnehmen zu können Sie sind gefallen und leben in etwas, das Sartre als bad faith bezeichnet hat.
Eine andere Variante der Unechtheit ist die existentielle Neurose. In gewisser Hinsicht verfügen neurotische Personen über mehr Bewusstheit als eine konventionelle Person: Sie wissen, dass sie eine Wahl treffen müssen, und sie fürchten sich wie verrückt davor. Sie fürchten sich sogar so sehr, dass das Gefühl sie überwältigt. Sie erstarren oder verfallen in Panik, oder aber sie gehen von ihrer existentiellen Angst und Schuld über zu neurotischer Angst und Schuld: Sie finden etwas “kleines” – ein Objekt der Phobie, der Obsession oder des Zwangs, ein Ziel für Wut, eine Erkrankung oder eine eingebildete Erkrankung zum Beispiel –, so dass die Schwierigkeiten des Lebens objektiver werden. Ein existentialistischer Psychologe würde sagen, dass man mit einer Reihe von Techniken zwar die Symptome los werden kann, doch letztlich muss man sich der Realität des Daseins stellen.
Binswanger betrachtet Unechtheit so, dass man sich ein einziges Thema oder eine kleine Auswahl von Themen für das ganze Leben wählt und dann dem übrigen Dasein erlaubt, von diesem einen Thema beherrscht zu werden. Was Freudianer zum Beispiel als “anal retentive” Person bezeichnen würden, könnte auch eine Person sein, deren einziges Thema das Horten, das Festhalten, die Enge oder die Perfektion ist. Jemand, der sein eigenes Leben nicht im Griff zu haben scheint, könnte von Themen wie Glück, oder Schicksal oder dem Abwarten bestimmt sein. Jemand, der aus ängstlichen Empfindungen heraus zu viel isst, könnte von einem Thema wie Leere, Hohlheit und dem Bedürfnis sich zu füllen beherrscht sein. Ein “Workaholic” mag von Themen wie Zeitverschwendung oder dem Eingeholtwerden bestimmt sein.
Zitation
Rogers, Carl [1902-1987] « | » Boss, Medard [1903-1990]
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