Ludwig Binswanger [1881-1966]

Therapie

Die Essenz existentialistischer Therapie liegt in der Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn, diese Beziehung wird als Encounter bezeichnet. Encounter bedeutet echtes Dasein gegenüber einer anderen Person, ein “sich öffnen” dem anderen gegenüber.

Anders als bei den “förmlicheren” Therapien, wie die Freuds, oder “technischeren” Therapien wie die der Behavioristen, wird ein existentialistischer Therapeut sich auf Sie einlassen. Übertragung und Gegenübertragung werden als natürliche Bestandteile des Encounters verstanden, selbstverständlich werden diese Mechanismen nicht missbraucht, aber auch nicht gemieden.

Auf der anderen Seite könnten Humanisten existentialistische Therapeuten als förmlicher und direktiver betrachten als sich selbst. Existentialistische Therapeuten sind vermutlich “natürlicher” im Umgang mit Ihnen – oft hören sie einfach nur ruhig zu, manchmal drücken sie auch ihre eigenen Gedanken, Erfahrungen und sogar Emotionen aus. “Natürlich sein” bedeutet auch, die Unterschiede anzuerkennen. Die Therapeuten verfügen letztlich über Training und Erfahrung, und (vermutlich) hat der Klient die Probleme! Existentialistische Therapie gilt als Dialog, nicht als Monolog der Therapeuten und auch nicht als Monolog des Klienten.

Ziel existentialistischer Analyse ist die Autonomie der Klienten. Wenn man Kindern beibringt, Fahrrad zu fahren, muss man sie eine Zeit lang festhalten, doch schließlich lässt man los und sie fahren von allein. Zwar können sie hinfallen, doch wenn man sie nie los lässt, werden sie auch nie lernen, selbst zu fahren! Wenn die “Essenz” des Daseins – des Menschseins – Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben ist, dann kann man Menschen auch nicht helfen, ihr Menschsein zu vervollkommnen, ohne sich darauf vorzubereiten, sie los zu lassen.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Ludwig Binswanger [1881-1966], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/binswanger

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