Boss, Medard [1903-1990]

Man kann sich kaum eine bessere Vorbereitung für eine Karriere in der Psychotherapie vorstellen. Geboren am 4. Oktober 1903 in St. Gallen, Schweiz, wuchs Medard Boss während einer Zeit auf, in der Zürich das Zentrum psychologischer Aktivität war. Er erhielt 1923 seinen Abschluss an der dortigen Universität, zwischendurch hatte er sich Zeit genommen, in Paris und Wien zu studieren und sich von Sigmund Freud persönlich analysieren zu lassen.

Nachdem er vier Jahre im Burghölzli-Krankenhaus als Assistent von Eugen Bleuler gearbeitet hatte, ging er zu weiteren Studien nach Berlin und London, dort zählten einige Personen aus Freuds innerem Zirkel zu seinen Lehrern, ebenso Karen Horney und Kurt Goldstein. Ab 1938 stand er mit Carl Gustav Jung in Kontakt, der Boss die Möglichkeit einer Psychoanalyse enthüllte, welche nicht an Freudianische Interpretationen gebunden war.

Mit der Zeit las Boss die Werke von Ludwig Binswanger und Martin Heidegger. Doch erst als er Heidegger 1946 traf und sich eine Freudschaft entwickelte, wandte er sich endgültig der existentialistischen Psychologie zu. Sein Einfluss auf die existentialistische Therapie war so groß, dass er oft mit Ludwig Binswanger zusammen als Mitbegründer genannt wird.

Theorie

Während Binswanger und Boss sich über die Grundlagen existentialistischer Psychologie einig sind, hält sich Boss etwas enger an Heideggers ursprüngliche Gedanken. Zum Beispiel gefällt Boss Binswangers Gedanke des world-design nicht: Er meint, der Gedanke, Menschen kämen mit vorgeformten Erwartungen auf die Welt, lenke von dem grundlegenderen existentialistischen Punkt ab, dass die Welt nicht etwas ist, das wir interpretieren, sondern etwas, das sich uns durch das “Licht” des Daseins enthüllt.

Die Lichtanalogie spielt in Boss Theorie eine wichtige Rolle. Der Begriff Phänomen bedeutet zum Beispiel wörtlich “hervorleuchten”, “aus der Dunkelheit kommen”. Und so betrachtet Boss das Dasein als Leuchten, das die Dinge “ans Licht” bringt.

Dieser Gedanke hat einen bedeutsamen Effekt für Boss Verständnis von Psychopathologie, Abwehrmechanismen, therapeutischer Richtungen und Traumdeutung. Bei Abwehrhaltungen geht es beispielsweise darum, einen Aspekt des Lebens nicht zu erleuchten, und Psychopathologie ist analog dazu zu verstehen, dass jemand ein Leben in Dunkelheit wählt. Bei der Therapie hingegen geht es darum, diese Konstriktion unserer grundlegenden Offenheit umzukehren, wir könnten es als “enlightenment” (Aufklärung? Erleuchung?) bezeichnen!

Eine seiner wichtigsten Vorschläge für den Therapiepatienten ist Gelassenheit. Die meisten von uns versuchen zu sehr, das eigene Leben hart an die Kandarre zu nehmen, die Kontrolle zu behalten. Doch das Leben ist zu viel für uns. Wir müssten dem Leben ein wenig vertrauen, dem “Schicksal” ein wenig vertrauen, ins Leben hinein springen, statt ewig nur das Wasser zu prüfen. Statt das Licht des Daseins eng gebündelt zu halten, sollten wir es freier leuchten lassen.

Existentials

Während sich Binswanger gern Heideggers Konzepten von Umwelt, Mitwelt und Eigenwelt bedient, zieht Boss Heideggers “Existentials” vor, die Dinge im Leben, mit denen wir uns alle auseinander setzen müssen. Er interessiert sich beispielsweise dafür, wie Menschen Raum und Zeit sehen – nicht die physischen Einheiten von Raum und Zeit, messbare Abstände und Uhren und Kalender, sondern menschliche Konzepte von Raum und Zeit, persönlicher Raum und persönliche Zeit. Jemand aus der entlegenen Vergangenheit, der jetzt weit weg wohnt, mag Ihnen näher stehen, als die Person, die gerade neben Ihnen sitzt.

Er interessiert sich auch dafür, wie wir zu unserem Körper in Beziehung stehen. Meine Offenheit für die Welt wird sich in meiner körperlichen Offenheit ausdrücken und die Ausdehnung meines Körpers hinaus in die Welt bezeichnet er als bodying forth.

Unsere Beziehung zu anderen ist für Boss und Binswanger gleichermaßen wichtig. Wir sind keine in unsere Körper eingeschlossenen Individuen; wir leben vielmehr in einer miteinander geteilten Welt und wir erleuchten uns gegenseitig. Die menschliche Existenz ist eine miteinander geteilte Existenz.

Ein Boss eigenes spezifisches Thema ist Stimmung oder Abstimmung ( attunement ): Boss geht davon aus, dass wir die Welt immerzu erleuchten, manchmal erleuchten wir eine Sache mehr als eine andere oder erleuchten in verschiedenen Abstufungen. Das wiederum unterscheidet sich nicht davon, wie wir mithilfe von Beleuchtung eine gewisse Stimmung in einem Raum herstellen und nicht eine andere.

Wenn Sie zum Beispiel in wütender Stimmung sind, sind Sie auf wütende Dingem, wütende Gedanken, wütende Handlungen “ab- oder eingestimmt”; Sie “sehen rot”. Wenn sie in fröhlicher Stimmung sind, sind sie auf fröhliche Dinge “ab- oder eingestimmt” und die Welt erscheint “sonnig”. Wenn Sie hungrig sind, sehen sie nur Nahrungsmittel; wenn Sie furchtsam sind, sehen Sie überall Bedrohungen.

Träume

Boss hat sich mehr als jeder andere Existentialist mit Traumstudien beschäftigt und betrachtet sie als wichtig für die Therapie. Doch statt sie in der Tradition Freuds oder Jungs zu interpretieren, erlaubt er es, dass die Träume ihre eigenen Bedeutungen enthüllen. Nicht alles ist hinter einem Symbol verborgen, um sich vor dem ewig-präsenten Zensor zu verstecken. Vielmehr zeigen uns Träume, wie wir unser Leben erleuchten: Wenn wir uns in einer Falle fühlen, werden unsere Füße vielleicht einzementiert sein; wenn wir uns frei fühlen, fliegen wir; wenn wir uns schuldig fühlen, träumen wir von Sünde; wenn wir uns fürchten, werden wir von furchteinflößenden Dingen gejagt.

Boss diskutiert zum Beispiel einen mann, der sexuelle Schwierigkeiten hatte und sich ziemlich niedergeschlagen fühlte. Währen der ersten Monate der Therapie träumte er nur von Maschinen – für einen Ingenieur nicht ungewöhnlich, doch auch nicht so schrecklich aufregend. Als die Therapie voranschritt, veränderten sich seine Träume. Er begann von Pflanzen zu träumen. Dann träumte er von Insekten – gefährlich vielleich tund bedrohlich, aber zumindest lebendig. Dann träumte er von Fröschen und Schlangen, dann von Mäusen und Hasen. Für einige Zeit ging es dann noch um Schweine.

Nach zwei Jahren Therapie begann er endlich von Frauen zu träumen! Dieser Mann war traurig und einsam, weil er sich in eine Welt zurückgezogen hatte, die aus Maschinen bestand, und es brauchte lange Zeit, bis er von etwas so warmblütigen wie einer Frau träumen konnte! Worauf es hier ankommt, ist dass die Schweine nichts repräsentieren – keine verborgenen Wünsche, keine Archetypen, keine Minderwertigkeitsgefühle – nach der Lieblingstheorie des jeweiligen Therapeuten. Sie gehören zum Ingenieur. Sie sind das, was seine sich entfaltende Erleuchtung zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben ans Licht bracht!

Literatur

Sie finden Boss Theorie in Existential Foundations of Medicine and Psychology.

Psychoanalysis and Daseinsanalysis kontrastiert Freudianische und existentialistische Therapie.

Seine Arbeiten zur Traumanalyse finden Sie in The Analysis of Dreams und I Dreamt Last Night….

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Boss, Medard [1903-1990], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/boss

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