
Erikson, Erik [1902-1994]
Bei den Oglala Lakota war es Tradition, dass sich ein adoleszenter Junge ganz allein auf die Suche nach einem Traum machte, ohne Waffen und nur mit einem Lendenschurz und Mokassins bekleidet. Hungrig, durstig und hundemüde sollte der Junge am vierten Tag einen Traum haben, der ihm den Pfad seines Lebens klar machen würde. Wenn er dann nach Hause zurückkehrte, erzählte er den Ältesten des Stammes seinen Traum, damit sie ihn gemäß der uralten Tradition interpretierten. Sein Traum gab dem Jungen Aufschluss darüber, ob er ein guter Jäger werden würde, oder ein großer Krieger, ein Experte in der Kunst des Pferdestehlens, oder ob er sich auf die Waffenherstellung spezialisieren sollte, ein spiritueller Führer, ein Priester oder ein Medizinmann werden würde.
In manchen Fällen würde ihn sein Traum in das Reich kontrollierter Deviationen führen, die die Oglala pflegten. Spielte im Traum ein Thunderbird eine Rolle, konnte das für den Jungen bedeuten, dass er eine Zeit als Heyoka verbringen würde, das bedeutete, dass er sich wie ein Clown oder wie ein Verrückter verhalten würde. Oder die Vision des Mondes oder eines weißen Büffels konnte zu einem Leben als Berdache führen, als Mann, der sich verhält und kleidet wie eine Frau.
Doch die Anzahl der Rollen, in die ein Mann schlüpfen konnte, waren extrem limitiert, für die Frauen galt dies umso mehr. Die meisten Menschen waren Generalisten; nur wenige konnten es sich leisten, Spezialisten auf einem Gebiet zu werden. Diese Rollen wurden ganz einfach dadurch erlernt, dass man Zeit mit den anderen Angehörigen des Stammes und der Familie verbrachte. Die Rollen wurden erlernt, indem man lebte.
Als Erik Erikson die Oglala Lakota besuchte, hatten sich die Umstände ziemlich verändert. Sie waren im Zuge einiger Kriege und unglücklicher Verträge in ein großes aber unfruchtbares Reservat gedrängt worden. Der Büffel – ihre Hauptnahrungsquelle und auch Quelle von Kleidung, Schutz und allem anderen – war inzwischen längst so weit bejagt worden, dass er nahezu ausgerottet war. Am schlimmsten war es, dass ihnen die Muster ihres Lebens genommen worden waren, nicht von den weißen Soldaten, sondern von den stillen Bemühungen der Regierung, die die Lakota in Amerikaner verwandeln wollte!
Kinder mussten die meisten Zeit des Jahres in Internaten verbringen, im festen Glauben daran, dass Erziehung Zivilisation und Wohlstand bringt. In den Internaten lernten sie vieles, was im Gegensatz zu dem stand, was sie zu Hause lernten: Man brachte ihnen die weißen Standards von Sauberkeit und Schönheit bei, die zum Teil dem Stammesverständnis von Bescheidenheit zuwider liefen. Man brachte ihnen den Wettstreit bei, was gegen die Lakota-Tradition der Gleichheit verstieß. Man lehrte sie, lauter zu sprechen, während die Tradition von ihnen erwartete, ruhig zu sein. Kurz, die weißen Lehrer befanden es als unmöglich, mit den Kindern zu arbeiten, und ihre Eltern empfanden ihre Kinder als durch eine fremde Kultur verdorben.
Mit der Zeit verschwand ihre ursprüngliche Kultur, doch die neue Kultur konnte den notwendigen Ersatz nicht bereitstellen. Es gab keine Traumsuche mehr, und in welche Rollen konnten sich die Adoleszenten noch hineinträumen?
Erikson war von den Schwierigkeiten sehr berührt, mit denen die Kinder und Adoleszenten der Lakota, die er erforscht hatte, zu kämpfen hatten. Doch das Erwachsenwerden, einen Platz in der Welt für sich selbst zu finden, ist auch für viele andere Amerikaner nicht einfach. Afro-Amerikaner bemühen sich, aus vergessenen afrikanischen Wurzeln, der Kultur von Machtlosigkeit und Armut und der sie umgebenden Kultur der weißen Mehrheit eine Identität zusammenzusetzen. Amerikaner asiatischer Abstammung werden in ähnlicher Weise zwischen der asiatischen und der amerikanischen Tradition hin und her gezogen. Amerikaner aus den ländlichen Bereichen erkennen, dass die Kulturen ihrer Kindheit sich in der größeren Gesellschaft nicht durchsetzen werden. Und auch die große Mehrheit der Amerikaner europäischer Abstammung haben im Grunde nur noch wenig von ihren kulturellen Ursprüngen übrig behalten! Gerade weil die amerikanische Kultur die Kultur der Vielen ist, ist sie im Grunde genommen niemandes Kultur.
Genau wie die Ureinwohner haben auch andere Amerikaner viele ihrer Rituale verloren, die uns früher durch das Leben geleiteten. Wann sind Sie ein erwachsener Mensch? Wann befinden Sie sich in der Pubertät? Feiern Sie Konfirmation oder Bar Mitzvah? Ihre ersten sexuellen Erfahrungen? Ihre “Sweet Sixteen party”? Ihr “Learner’s Permit”? Ihr Führerschein? Ihren High School Abschluss? Das erste Mal, dass Sie Ihre Stimme in einer politischen Wahl abgeben können? Ihr erster Job? Das gesetzliche Alter, in dem Sie Alkohol trinken dürfen? Der Hochschulabschluss? Wann genau behandelt Sie jeder wie einen erwachsenen Menschen?
Bedenken wir nur die Widersprüche: Sie können alt genug sein, einen Wagen zu fahren, aber noch nicht alt genug, um zur Wahl zu gehen; Sie können alt genug sein, im Krieg für Ihr Land zu sterben, aber noch nicht alt genug, ein Bier zu bestellen.
In traditionellen Gesellschaften (auch unserer eigenen vor nur 50 oder 100 Jahren), sah ein junger Mann oder eine junge Frau zu den Eltern, Verwandten, Nachbarn und Lehrern auf. Sie waren anständige hart arbeitende Menschen (zumindest die meisten von ihnen) und wir wollten genau so sein wie sie. Leider beziehen heute die meisten Kinder ihre Rollenmodelle aus den Massenmedien, besonders aus dem Fernsehen. Warum das so ist, ist leicht nach zu vollziehen: Die Menschen im Fernsehen sind gut aussehender, reicher, schlauer, geistreicher und glücklicher als jemand aus unserer eigenen Nachbarschaft! Nur sind diese Menschen leider nicht real. Ich bin immer überrascht, wie viele neue Collegestudenten schnell davon enttäuscht sind, dass ihr Fach ein hohes Maß an Arbeit und Lernen erfordert. Im Fernsehen ist das nicht so. Später dann sind viele Menschen gleichermaßen überrascht, dass die Jobs, für deren Erlangung sie so hart gearbeitet haben, längst nicht so kreativ, glorreich und erfüllend ist, wie sie erwartet hatten.
Auch das ist im Fernsehen anders. Angesichts dessen sollte uns nicht überraschen, dass junge Menschen von den Abkürzungen angezogen werden, die die Kriminalität verspricht, oder von dem Fantasieleben, das Drogen versprechen.
Manche von Ihnen werden das als eine Übertreibung auffassen, oder als ein Stereotyp moderner Adoleszenz. Natürlich hoffe ich, dass Ihr Übergang von Kindheit zum Erwachsensein ein weicher Übergang war. Doch viele Menschen – eingeschlossen meiner selbst und Erikson – hätten eine Traumsuche sehr gut gebrauchen können.
Zitation
Freud, Anna [1895-1982] « | » Jung, C. G. [1875-1961]
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