
Erikson, Erik [1902-1994]
Dritte Stufe
Stufe drei ist die genital-lokomotorische Stufe oder das Spielalter. Zwischen drei oder vier und fünf oder sechs Jahren ist jedes Kind mit der Aufgabe konfrontiert, Initiative ohne zu viel Schuld zu lernen.
Initiative bedeutet eine positive Reaktion auf die Herausforderungen der Welt, Verantwortung zu übernehmen, ein paar Fähigkeiten dazuzulernen, sich nützlich zu fühlen. Eltern können die Initiative fördern, indem sie die Kinder ermuntern, ihre eigenen Ideen auszuprobieren. Wir sollten Fantasie, Neugierde und Vorstellungskraft akzeptiere und ermutigen. Dies ist die Zeit des Spielens, nicht der Erziehung. Wie nie zuvor ist ein Kind jetzt fähig, sich eine zukünftige Situation vorzustellen, eine Situation, die keine Realität ist. Initiative ist der Versuch, eine solche Nicht-Realität zur Realität zu machen.
Doch wenn Kinder sich die Zukunft vorstellen können, wenn sie planen können, dann können sie auch verantwortlich sein, und schuldig. Wenn mein zweijähriges Kind meine Armbanduhr in die Toilette wirft und hinunterspült, kann ich davon ausgehen, dass keine “bösen Absichten” dahinterstecken. Es war nur der Reiz, ein glänzendes Objekt dabei zu beobachten, wie es in der Toilette herumgewirbelt wird und schließlich verschwindet. Welch ein Spaß! Doch wenn mein fünfjähriges Kind das selbe tut, … nun, sie sollte wissen, was mit der Uhr geschehen wird, was mit Papas Laune geschehen wird und was mit ihr geschehen wird! Sie kann für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden, und sie kann sich schuldig fühlen. Die Fähigkeit zu moralischem Urteil ist entwickelt.
Als Freudianer bezieht Erikson natürlich die ödipale Erfahrung in diese Stufe ein. Aus seiner Sicht bedeutet die ödipale Krise, dass das Kind die Nähe zum Elternteil des anderen Geschlechts nicht aufgeben will. Als Elternteil hat man die soziale Verantwortung, das Kind zu ermutigen “du bist kein Baby mehr!”. Doch wenn dieser Prozess zu grob und zu abrupt verläuft, lernt das Kind, angesichts seiner Gefühle Schuld zu empfinden.
Zu viel Initiative und zu wenig Schuld münden laut Erikson in eine Neigung zur Rücksichtslosigkeit ( ruthlessness ). Eine rücksichtslose Person ergreift die Initiative; sie hat ihre Pläne, etwa im Bereich von Schule oder Liebesbeziehungen oder Politik oder Karriere. Nur ist es ihr egal, auf wem sie herumtrampelt, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Ziele bedeuten ihr alles, Schuldgefühle sind eine Sache für Schwächlinge. Die extreme Ausprägung von Rücksichtslosigkeit ist Soziopathie.
Rücksichtslosigkeit ist schlecht für die anderen, doch aus der Sicht der rücksichtslosen Person relativ leicht. Schlimmer für die betreffende Person ist die Entwicklung von zu viel Schuld, die Erikson als Hemmung ( inhibition ) bezeichnet. Die gehemmte Person probiert etwas gar nicht erst aus, frei nach dem Motto “nothing ventured, nothing lost” (nichts gewagt, nichts verloren), und insbesondere kann so nichts entstehen, angesichts dessen man sich schuldig fühlen müsste. Auf sexueller, ödipaler, Seite, mag die gehemmte Person impotent oder frigide sein.
Eine gute Balance führt zu der psychosozialen Stärke der Zielgerichtetheit. Ein Sinn für Ziele ist etwas, nach dem viele Menschen ihr Leben nach suchen, doch viele merken nicht, dass sie selbst diese Ziele schaffen müssen, durch Imagination und Initiative. Ein wie ich finde besserer Ausdruck für diese Tugend wäre Mut, die Kapazität für Handlung, trotz des klaren Verständnisses der eigenen Grenzen und vergangener Misserfolge.
Vierte Stufe
Stufe vier ist die Latenzphase, das Schulkind im Alter von etwa sechs bis zwölf Jahren. Die Entwicklungsaufgabe besteht darin, eine Kapazität für Fleiß zu entwickeln und zugleich ein exzessives Empfinden der eigenen Unterlegenheit zu vermeiden. Kinder müssen “die Imagination zähmen” und sich der Erziehung und dem Erlernen der sozialen Fähigkeiten widmen, die die Gesellschaft von ihnen verlangt.
Hier kommt eine viel breiter angelegte soziale Sphäre zum Tragen: Zu den Eltern und anderen Familienmitgliedern kommen nun auch die Lehrer und Peers (Gleichaltrige) sowie andere Mitglieder der Gemeinschaft insgesamt. Sie alle leisten ihren Beitrag: Eltern ermutigen, Lehrer kümmern sich, Peers akzeptieren. Kinder müssen lernen, dass es nicht nur vergnüglich ist, sich einen Plan auszudenken, sondern ihn auch in die Tat umzusetzen. Sie lernen das Gefühl von Erfolg kennen, ob in der Schule oder auf dem Spielplatz, akademisch oder sozial.
Ein gutes Unterscheidungsmerkmal für Kinder in der dritten und Kinder in der vierten Phase ist die Art, wie sie spielen. Vierjährige lieben das Spielen, doch sie haben nur ein vages Verständnis der Regeln, sie ändern die Regeln mehrfach während des Spiels und werden das Spiel auch nicht unbedingt zu ende führen, es sei denn sie beenden das Spiel, indem sie ihre Mitspieler mit den Spielsteinen bewerfen. Ein Siebenjähriger hingegen achtet auf die Regeln, hält sie sogar für geradezu heilig, und er wird sich zudem furchtbar aufregen, wenn das Spiel gestört wird und nicht zum vorgesehenen Abschluss kommt.
Werden dem Kind zu wenige Erfolgserlebnisse ermöglicht, etwa wegen grober Lehrer oder ablehnender Peers, dann wird das Kind statt dessen ein Gefühl der Unterlegenheit oder Inkompetenz entwickeln. Zusätzliche Quellen für Minderwertigkeit sind Erikson zu Folge Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung: Glaubt ein Kind nämlich, Erfolg hänge davon ab, wer man ist, statt davon, wie sehr man sich bemüht, warum sollte es sich dann noch bemühen?
Zu viel Eifer führt zu einer Tendenz, die als niedrige Virtuosität ( narrow virtuosity ) bezeichnet wird. Wir sehen so etwas bei Kindern, denen es nicht erlaubt ist, “Kinder zu sein”, diejenigen, die von Eltern oder Lehrern in einen bestimmten Kompetenzbereich gedrängt werden, ohne dass Raum bliebe, breiter angelegte Interessen zu entwickeln. Diese Kinder haben kein Leben: Kinderschauspieler, Kinderathleten, Kindermusikvirtuosen, Wunderkinder jeder Art. Wir bewundern alle ihren Eifer, doch wenn wir etwas genauer hinsehen, steht all dies für ein eher leeres Leben.
Weit verbreiteter ist die Neigung, die als Trägheit ( inertia) bezeichnet wird. Darin sind all die von uns eingeschlossen, die an jenen “Minderwertigkeitskomplexen” leiden, von denen Alfred Adler gesprochen hat. Wenn Sie nicht auf Anhieb erfolgreich sind, versuchen Sie es nie wieder! Zum Beispiel waren viele von uns in Mathematik nie besonders gut, also wären wir lieber gestorben, als zusätzliche Kurse zu belegen. Andere wiederum fühlten sich im Sport gedemütigt, folglich interessieren sie sich nie wieder für eine Sportart. Andere haben nie soziale Fähigkeiten entwickelt – die wichtigsten aller Fähigkeiten – folglich gehen sie nie in die Öffentlichkeit. Wir werden träge.
Gesünder ist es, eine Balance von Eifer und Unterlegenheit zu entwickeln – das bedeutet: ein hohes Maß an Eifer mit einem Klecks Minderwertigkeit, damit wir vernünftig und bescheiden bleiben. Dann haben wir eine Tugend erreicht, die Kompetenz genannt wird.
Zitation
Freud, Anna [1895-1982] « | » Jung, C. G. [1875-1961]
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