Erikson, Erik [1902-1994]

Diskussion

Ich weiß abgesehen von Jean Piaget keinen anderen zu nennen, der die stufenförmige Entwicklung besser weiterentwickelt hat, als Erik Erikson. Und dennoch sind Stufenmodelle bei weitem kein populäres Konzept unter Persönlichkeitstheoretikern. Von allen Autoren, die hier vorgestellt werden, teilen nur Sigmund und Anna Freud seine Überzeugungen in vollem Umfang. Die meisten Theoretiker bevorzugen einen graduellen Zugang zur Entwicklung des Menschen, sie sprechen von “Phasen” oder “Transitionen” statt von klar umrissenen Stufen.

Allerdings gibt es bestimmte Segmente des Lebens, die recht einfach zu identifizieren sind, die sogar alle erforderlichen Qualitäten aufweisen, um eine biologisch bedingte Zeitangabe zu machen. Adoleszenz ist “vorprogrammiert” und findet dann statt, wenn sie eben stattfindet, wie auch die Geburt und natürlicherweise der Tod. Das erste Lebensjahr hat einige bestimmte fötusähnliche Qualitäten, ebenso wie das letzte Jahr des Lebens einige “katastrophale” Qualitäten aufweist.

Wenn wir die Bedeutung der Stufen noch ein wenig weiter ausdehnen, so dass bestimmte logische Abfolgen darin einbezogen werden – also Dinge, die in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen, und zwar nicht, weil sie biologisch vorprogrammiert wären, sondern weil sie anders keinen Sinn ergeben – dann können wir eine noch bessere Definition geben:

Die Entwöhnung und das selbständige Aufsuchen der Toilette müssen vor der Unabhängigkeit von der Mutter erreicht sein, wobei die Unabhängigkeit wiederum die Voraussetzung für den Schulbesuch ist; man muss normalerweise sexuell ausgereift sein, bevor man einen Sexualpartner sucht, normalerweise findet man einen Partner, bevor man Kinder zeugt, und man muss notwendigerweise Kinder haben, bevor man deren Selbständigkeit genießen kann!

Und wenn wir die Bedeutung der Stufen noch weiter ausdehnen, so dass auch soziale und biologische “Programmierung” mit eingeschlossen sind, dann können wir auch Perioden wie Schulausbildung, Arbeit und Ruhestand mit einbeziehen. Dann ist es kein schwieriges Unterfangen mehr, sieben oder acht Stufen auszuarbeiten; doch nun muss man den Begriff der Stufen verwenden, nicht mehr den Begriff “Phasen” oder eine ähnlich vage Ausdrucksweise.

Geht man von Eriksons Definition des Begriffs “Stufen” aus, ist es wirklich nicht einfach, sein acht-Stufen-Modell zu verteidigen. In verschiedenen Kulturen, sogar innerhalb verschiedener Kulturen, kann das Timing sehr unterschiedlich sein: In manchen Ländern werden Babys mit sechs Monaten entwöhnt und lernen mit neun Monaten aufs Töpfchen zu gehen; in anderen Ländern werden auch fünfjährige Kinder noch gestillt, und statt aufs Töpfchen zu gehen, müssen sie nur lernen, ihre Notdurft draußen zu verrichten. Früher wurden Menschen in unserer Kultur im Alter von dreizehn Jahren verheiratet und hatten mit 15 schon ein Kind. Heute hingegen neigen wir dazu, die Heirat aufzuschieben, bis wir etwa 30 sind, dann beeilen wir uns, noch vor dem 40. Lebensjahr Kinder zu bekommen. Wir freuen uns darauf, viele Jahre im Ruhestand zu verbringen; zu anderen Zeiten und an anderen Orten ist so etwas wie Ruhestand gar nicht bekannt.

Aber trotzdem geben Eriksons Stufen uns offenbar einen gewissen Rahmen. So können wir von unserer eigenen Kultur im Vergleich zu anderen sprechen, oder das Heute mit den Gegebenheiten vergleichen, die vor einigen Jahrhunderten üblich waren, indem wir herausfinden, inwieweit wir relativ zum “Standard” seiner Theorie abweichen. Erikson und andere Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das allgemeine Muster kultur- und zeitübergreifend Bestand hat und viele von uns erkennen das Muster wieder. Anders ausgedrückt, spiegelt seine Theorie einen der wichtigsten Standards der Persönlichkeitstheorie wider, einen Standard, der manchmal noch wichtiger ist, als die “Wahrheit”: Er ist nützlich.

Zudem eröffnet er uns Einsicht in Sachverhalte, die uns sonst nicht klar geworden wären. Zum Beispiel mag man davon ausgegangen sein, dass seine acht Stufen eine Serie von Entwicklungsaufgaben darstellen, denen keine besondere logische Abfolge zugrunde liegt. Doch teilt man die Lebensspanne in zwei Abschnitte mit je vier Stufen, erkennt man ein wirkliches Muster: die eine Hälfte ist die Kindheitsentwicklung und die andere Hälfte die Entwicklung des erwachsenen Menschen.

In Stufe I lernt das Baby, dass “es” (die Welt, besonders die Welt repräsentiert von Mama, Papa und dem Baby selbst) “okay” ist. In Stufe II lernt das Kleinkind “Ich kann das tun”. Hier-und-Jetzt. In Stufe III lernt das Vorschulkind “ich kann planen” und entwirft sich selbst in die Zukunft. In Stufe IV lernt das Schulkind “ich kann Projekte fertig stellen”. Indem diese vier Stufen durchlaufen werden, entwickelt das Kind ein kompetentes Ich und ist bereit für die größere Welt.

In der Erwachsenenhälfte des Schemas gehen wir über das Ego hinaus. In Stufe V geht es darum, wieder etwas wie “es ist okay” zu erreichen: der Adoleszente muss lernen “Ich bin okay”, diese Schlussfolgerung baut auf die vorangegangenen vier Stufen auf. In Stufe VI muss der junge Erwachsene lernen, zu lieben, das entspricht der sozialen Ausprägung von “ich kann das tun” im Hier-und-Jetzt. In Stufe VII muss der Erwachsene lernen, diese Liebe in die Zukunft hinein auszudehnen, in Form von Kümmern. Und in Stufe VIII muss der alte Mensch lernen, sich selbst als Ich “fertig zu stellen” und eine neue und breiter angelegte Identität aufzubauen. Wir könnten die zweite Hälfte des Lebens mit einem Ausdruck von Jung charakterisieren und sagen, in der zweiten Hälfte des Lebens geht es darum, das eigene Selbst zu erkennen.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Erikson, Erik [1902-1994], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/erikson

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