Eysenck, Hans [1916-1997]

Dieses Kapitel widmet sich den Theorien des Temperaments. Temperament wird hier verstanden als der Aspekt unserer Persönlichkeiten, der genetisch angelegt, also angeboren ist, oder sogar schon vor der Geburt angelegt war. Das bedeutet aber nicht, dass die Theorie des Temperaments davon ausginge, wir könnten nicht auch Aspekte unserer Persönlichkeit erlernt haben!

Die Frage nach den Persönlichkeitstypen, das Temperament eingeschlossen, ist so alt wie die Psychologie. Tatsächlich ist sie vielleicht noch viel älter. Die antiken Griechen, um das offensichtlichste Beispiel zu nennen, haben sich sehr ausgiebig damit beschäftigt und gelangten zu zwei Dimensionen von Temperamenten, die wiederum zu vier “Typen” führten. Diese Typen beziehen sich darauf, welche Flüssigkeiten (als Körpersäfte bezeichnet) die jeweilige Person in zu hohem oder in zu geringem Masse in sich trägt. Diese Theorie war insbesondere im Mittelalter populär.

Der sanguine Typ ist fröhlich und optimistisch, ein angenehmer Gefährte. Den Griechen zur Folge verfügt der sanguine Typ über ein besonders hohes Maß an Blut (daher stammt auch die Bezeichnung sanguin, abgeleitet aus dem lateinischen Begriff sanguis für Blut), und ist von gesundem Aussehen mit rosigen Wangen gekennzeichnet.

Der cholerische Typ zeichnet sich durch seine temperamentvolle, oftmals aggressive Natur aus. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Gallenflüssigkeit. Die physischen Merkmale dieses Typs umfassen eine gelbliche Haut und verhärtete Muskeln.

Als nächstes gibt es noch das phlegmatische Temperament. Diese Menschen zeichnen sich durch ihre Langsamkeit, Faulheit und Dummheit aus. Die Bezeichnung leitet sich von dem Wort phlegma ab, damit ist die schleimige Flüssigkeit gemeint, die wir bei Erkältung oder Lungenentzündung aushusten. Physisch sind Menschen dieses Typs kühl; ihnen die Hand zu schütteln ist, als schüttle man einem Fisch die Hand.

Und als letztes gibt es noch das melancholische Temperament. Menschen dieses Typs neigen zu Traurigkeit, sogar zu Depression und nehmen eine pessimistische Grundhaltung ein. Der Begriff wird heute als Synonym für Traurigkeit verwendet, stammt aber von dem griechischen Wort für schwarze Gallenflüssigkeit. Da es so etwas wie eine schwarze Gallenflüssigkeit aber nicht gibt, wissen wir heute nicht genau, was die Griechen damit meinten. Jedenfalls ging man davon aus, dass eine melancholische Person zu viel davon hat!

Diese vier Typen sind nun im eigentlichen Sinne die Ecken zweier sich überschneidender Linien: Temperatur und Feuchtigkeit. Sanguine Menschen sind warm und nass. Cholerische Menschen sind warm und trocken. Phlegmatische Menschen sind kühl und nass. Melancholische Menschen sind kühl und trocken. Es gab sogar Theorien, die davon ausgingen, dass verschiedene klimatische Bedingungen mit verschiedenen Typen in Verbindung zu bringen sind; so kam man zu der Auffassung, Italiener (warm und feucht) seien sanguin, Araber (warm und trocken) cholerisch, Russen (kühl und trocken) seien melancholisch und Engländer (kühl und feucht) seien phlegmatisch!

Es wird sicherlich überraschen, dass eine Theorie von so schmaler Grundlage tatsächlich einen Einfluss auf verschiedene moderne Theoretiker hatte. Adler verband diese Typen zum Beispiel mit seinen vier Persönlichkeitstypen. Konkreter aber hat Ivan Pavlov, berühmt für klassische Konditionierung, sich der Körpersäfte bedient, um die Persönlichkeit seiner Versuchshunde zu beschreiben.

Pavlov unternahm ein Experiment mit seinen Hunden, das er konflikthaften Konditionierung nannte – er läutete zwei Glocken zugleich: ein Signal für Futter und ein Signal, das das Ende der Mahlzeit kennzeichnete. Einige der Hunde kamen damit gut zurecht und behielten ihre Fröhlichkeit. Andere wurden wüten und bellten wie wild. Wieder andere legten sich einfach hin und schliefen. Und einige winselten und fiepten, als ob sie einen Nervenzusammenbruch erlitten. Jetzt muss ich wohl nicht noch erst die vier Temperamente zuordnen, oder?

Pavlov ging nun davon aus, dass er diese Persönlichkeitstypen mit zwei Dimensionen erklären könne: Zum einen gibt es den allgegenwärtigen Level der Erregung (excitation), den die Gehirne der Hunde zur Verfügung hatten. Zum anderen hatten die Hunde im Gehirn die Möglichkeit, den Level der Erregung zu ändern – das ist der Level der Hemmung, den ihre Gehirne zur Verfügung hatten. Daraus resultiert folgendes: Viel Erregung, aber gute Hemmung: sanguin. Viel Erregung, aber geringe Hemmung: cholerisch. Wenig Erregung plus gute Hemmung: phlegmatisch. Wenig Erregung plus geringe Hemmung: melancholisch.
Erregung wäre hier also analog zur Wärme, Hemmung analog zur Feuchtigkeit! Dies wurde die Inspiration zu Hans Eysencks Theorie.

Biographie

Hans Eysenck ist am 4. März 1916 in Deutschland geboren. Seine Eltern waren Schauspieler, die sich scheiden ließen, als er erst zwei Jahre alt war. So wuchs Hans bei der Großmutter auf. Als er 18 Jahre alt war, kamen die Nazis an die Macht und er ging nach England. Wegen seiner aktiven Sympathie für Juden war sein Leben in Gefahr.

In England führte er seine Schulausbildung fort und erhielt 1940 den PHD in Psychologie an der Londoner Universität. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Psychologe in der Notaufnahme, dort erforschte er die Verlässlichkeit psychiatrischer Diagnosen. Die Ergebnisse führten dazu, dass er sein Leben lang eine feindselige Haltung gegen den Mainstream der klinischen Psychologie behielt.

Nach Kriegsende unterrichtete er an der Londoner Universität und bekleidete zugleich den Posten des Direktors am Psychology Department des Institute of Psychiatry, welches mit dem Bethlehem Royal Hospital verbunden war. Er hat 75 Bücher und so um die 700 Artikel geschrieben, was ihn zu einem der produktivsten Autoren der Psychologie macht. 1983 setzte Eysenck sich zur Ruhe, war aber bis zu seinem Tod am 4. September 1997 weiterhin als Schriftsteller tätig.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Eysenck, Hans [1916-1997], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/eysenck

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