
Eysenck, Hans [1916-1997]
Neurotizismus
Neurotizismus ist Eysencks Bezeichnung für eine Dimension, die von normalen, ziemlich ruhigen und gesammelten Menschen bis hin zu Menschen reicht, die dazu neigen, recht “nervös” zu sein. Seine weiteren Forschungen zeigten auf, dass diese nervösen Menschen verstärkt dazu neigten, an verschiedensten “nervösen Störungen” zu erkranken, die wir als Neurosen kennen; daher stammt auch die Bezeichnung der Dimension. Allerdings heißt das nicht, dass Menschen, die auf der Neurotizismus-Skala hohe Werte erzielen, notwendigerweise auch Neurotiker sind. Eysenck meint vielmehr, dass diese Menschen eher für neurotische Probleme anfällig sind.
Weil jedes Individuum in seinem Datenpool sich irgendwo auf der Dimension von normal bis neurotisch einordnen konnte, war Eysenck überzeugt, dass es sich hier um ein wirkliches Temperament handelt, d.h. dass es sich um eine genetisch bedingte, physiologisch unterstützte Persönlichkeitsdimension handelte. Infolge dessen wandte er sich physiologischen Forschungen zu, um mögliche Erklärungen zu finden.
Der naheliegendste Hinweis war hier das sympathische Nervensystem. Dabei handelt es sich um einen Bereich des autonomen Nervensystems, welcher unabhängig vom Zentralen Nervensystem funktioniert und einen Großteil unserer emotionalen Reaktionen in Notfallsituationen kontrolliert. Wenn zum Beispiel Signale aus dem Gehirn diesem Nervensystem die entsprechenden Befehle geben, weist es die Leber an, Zucker zur Energiegewinnung freizusetzen, weist das Verdauungssystem an, langsamer zu arbeiten, es öffnet die Pupillen, bringt Körperhaare dazu sich aufrichten (Gänsehaut) und es weist die Adrenalindrüsen an, mehr Adrenalin (Epinephrin) auszuschütten. Das Adrenalin wiederum beeinflusst zahlreiche Körperfunktionen und bereitet die Muskeln auf Action vor. Traditioneller Weise wird die Funktion des sympathischen Nervensystems so beschrieben, dass es uns auf “Flucht oder Kampf” vorbereitet.
Eysenck stellte die Hypothese auf, dass bei manchen Menschen das sympathische Nervensystem besser reagiert, als bei anderen. Manche bleiben in Notfallsituationen sehr ruhig; andere empfinden sehr viel mehr Furcht oder andere Gefühle; und manche geraten schon bei wesentlich weniger schlimmen Vorfällen außer sich. Er ging daher davon aus, dass die letztere Gruppe ein Problem mit sympathischer Hyperaktivität hat, wodurch sie zu erstklassigen Kandidaten für die verschiedenen neurotischen Störungen macht.
Das vielleicht “archetypischste” neurotischen Symptom ist die Panikattacke. Eysenck erklärte Panikattacken als etwas, das dem positiven Feedback ähnelt, das man erhält, wenn man ein Mikrophon zu nah an die Boxen heranstellt: Die Töne treten durch das Mikrophon ein, werden verstärkt, kommen aus den Boxen und von dort wieder ins Mikrophon hinein, werden erneut verstärkt und treten wieder durch die Boxen aus und so fort, bis schließlich das berühmte Quietschen entsteht, das wir als Kinder alle gerne auf diese Weise erzeugt haben. (Leadgitaristen machen das gerne, um so einige ihrer langgezogenen heulenden Töne zu erzeugen.)
Nun, auch die Panikattacke folgt diesem Muster: Zunächst fürchten Sie sich ein wenig vor etwas – zum Beispiel davor, eine Brücke zu überqueren. Das setzt Ihr sympathisches Nervensystem in Gang. Dies wiederum macht Sie nervöser und damit anfälliger für Stimulation, wodurch Ihr System in Aufruhr gerät, Sie werden noch nervöser und noch anfälliger…. So könnte man sagen, dass die neurotizistische Person ( neuroticistic person ) im Grunde mehr auf ihre eigene Panik reagiert, als auf das ursprüngliche Objekt, welches die Furcht ausgelöst hat! Da ich selbst schon unter Panikattacken gelitten habe, kann ich mich für die Richtigkeit von Eysencks Beschreibung verbürgen – obgleich seine Erklärung nur eine Hypothese bleibt.
Zitation
Skinner, B. F. [1904-1990] « | » Allport, Gordon [1897-1967]
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