
Eysenck, Hans [1916-1997]
Extravertiertheit – Introvertiertheit
Die zweite Dimension ist Extravertiertheit-Introvertiertheit. Damit meint Eysenck etwas ganz ähnliches wie auch Jung und damit zudem etwas, das unserem Alltagsverständnis der Begriffe nahe kommt: zurückhaltende, stille Menschen “versus” aufgeschlossene, ja sogar laute Menschen. Auch in dieser Dimension kann sich jeder Mensch einordnen, jedoch ist die physiologische Erklärung ein wenig komplexer.
Eysencks Hypothese lautet, dass Extravertiertheit-Introvertiertheit eine Frage der Balance von “Hemmung” und “Erregung” im Gehirn ist. Pavlov hatte diesen Grundgedanken dazu herangezogen, verschiedene Stressreaktionen seiner Hunde zu erklären. Erregung bedeutet, dass sich das Gehirn selbst aufweckt, sich in Achtungshaltung versetzt und zum Lernen bereit macht. Hemmung bedeutet hingegen, dass sich das Gehirn selbst beruhigt, entweder im gängigen Sinne des Entspannens und Einschlafens oder zum Schutz im Falle überwältigender Reizung.
Nach Eysenck Hypothese, verfügt eine extravertierte Person über eine gute, starke Hemmung: Wird sie mit einer traumatischen Situation konfrontiert – etwa bei einem Autounfall – hemmt sich das Gehirn der extravertierten Person selbst und wird so angesichts des Traumas “taub”, könnte man sagen; die Folge ist, dass nur wenige Erinnerungen an das Ereignis verbleiben werden. Nach dem Unfall wird es dieser Person so vorkommen, als wäre sie bei dem Vorfall gar nicht anwesend gewesen, so dass sie sogar andere fragen muss, was im Einzelnen geschehen ist. Und weil sie die volle mentale Auswirkung des Unfalls nicht empfindet, kann sich diese Person auch gleich am nächsten Tag wieder ans Steuer setzen.
Eine introvertierte Person hingegen, hat der Hypothese nach eine weniger starke Hemmung: In einer traumatischen Situation wie etwa einem Autounfall, kann ihr Gehirn sie nicht schnell genug schützen, es schaltet sich nicht aus. Stattdessen sind diese Personen in einem Zustand hoher Aufmerksamkeit und lernen sehr gut; so kommt es, dass sie sich an alles erinnern, was geschehen ist. Es kommt sogar vor, dass sie vorgeben, den Unfall “in slow motion!” mitverfolgt zu haben. In diesem Fall ist es eher unwahrscheinlich, dass sie kurz nach dem Vorfall wieder in ein Auto steigen wollen und einige werden nie wieder Auto fahren wollen.
Jetzt fragen wir uns natürlich, wie dies alles zu Zurückhaltung führt oder dazu, dass jemand ganz wild auf Partys ist? Stellen wir uns vor, eine extravertierte und eine introvertierte Person betrinken sich, entkleiden sich und tanzen in einem Restaurant splitternackt auf dem Tisch. Am nächsten Morgen wird Sie die extravertierte Person fragen, was passiert ist (und wo ihre Klamotten sind). Erzählen Sie ihr dann, was sich ereignet hat, wird diese Person lachen und Vorbereitungen für die nächste Party zu treffen beginnen. Die introvertierte Person hingegen wird sich am nächsten Tag an jedes schreckliche Detail erinnern und ihr Zimmer vielleicht nie wieder verlassen. (Ich selbst bin sehr introvertiert und kann mich aus Erfahrung in diesem Zusammenhang für vieles verbürgen! Vielleicht kann mir ein extravertierter Leser mitteilen, ob Eysenck Ihre eigenen Erfahrungen hier treffend wiedergibt – natürlich unter der Voraussetzung, dass Sie sich an derartige Ereignisse überhaupt erinnern!)
Unter anderem fand Eysenck heraus, dass gewaltbereite Kriminelle dazu neigen, nicht-neurotizistisch und extravertiert zu sein. Das macht auch Sinn, wenn man darüber nachdenkt: Es fällt doch eher schwer, sich jemanden vorzustellen, der entsetzlich zurückhaltend ist und sich exakt daran erinnert und auch daraus lernt, wie sie/er eine Seven-Eleven hochhält!
Noch schwieriger vorstellbar ist jemand, der zu Panikattacken neigt und sich an alles erinnert. Doch man muss verstehen, dass es abseits der Gewaltverbrechen viele verschiedene Arten von Verbrechen gibt, derer sich auch introvertierte oder neurotische Menschen bedienen können!
Neurotizismus und Extravertiertheit-Introvertierheit
Des weiteren hat Eysenck sich mit der Interaktion der beiden genannten Dimensionen beschäftigt und damit, was dies bezogen auf verschiedene psychologische Probleme bedeuten könnte. So fand er zum Beispiel heraus, dass Menschen, die an Phobien und obsessiv-zwanghaften Störungen litten, auch dazu neigten, recht introvertiert zu sein; wohingegen Menschen mit Konversionsstörungen (z.B. hysterischer Lähmung) oder dissoziativen Störungen (z.B. Amnesie) dazu neigten, eher extravertiert zu sein.
Und hier Eysencks Erklärung: In hohem Maße neurotizistische Menschen überreagieren, wenn sie mit furchterregenden Reizen konfrontiert werden; wenn sie nicht introvertiert sind, werden sie lernen, Situationen schnell und gründlich zu vermeiden, die Panik verursachen, und zwar sogar bis zu dem Punkt, dass sie schon panisch reagieren, wenn sie auf kleine Symbole solcher Situationen treffen – sie werden Phobien entwickeln. Andere introvertierte Menschen werden (schnell und gründlich) bestimme Verhaltensweisen erlernen, die ihre Panik fern halten – etwa indem sie alles mehrfach überprüfen, oder sich immer wieder die Hände waschen.
In hohem Maße neurotizistische extravertierte Menschen hingegen sind besonders gut darin, die Dinge, die auf sie eine überwältigende Wirkung haben, zu ignorieren und zu vergessen. Sie verfallen in die klassischen Abwehrmechanismen, wie zum Beispiel Verneinung und Repression. Diese Menschen können bequem ein schmerzhaftes Wochenende vergessen, oder auch die Fähigkeit “vergessen”, ihre Beine zu fühlen und zu benutzen.
Psychotizismus
Eysenck stellte irgendwann fest, dass obwohl er für seine Forschung Zugang zu großen Bevölkerungsteilen hatte, einige Gruppen nicht in seine Untersuchungen einbezogen waren. Er begann, seine Untersuchungen in die psychiatrischen Einrichtungen Englands zu verlegen. Nachdem die dort gewonnenen Daten die Faktorenanalyse durchlaufen hatten, tauchte ein dritter bedeutsamer Faktor auf, den Eysenck als Psychotizismus bezeichnet.
Wie bereits für Neurotizismus erläutert, bedeuten hohe Werte für Psychotizismus auch nicht, dass die betreffende Person psychotisch ist oder unzweifelhaft psychotisch werden wird – es bedeutet lediglich, dass dieser Person einige Qualitäten zeigt, die gewöhnlich unter psychotischen Menschen häufig vorkommen; und es bedeutet, dass diese Person bei entsprechender Umwelt möglicherweise anfälliger für psychotische Störungen sein kann.
Wie man sich inzwischen sicher bereits denken kann, umfassen die Qualitäten, die bei hoch psychotizistischen Menschen gefunden werden, eine gewisse Unbesonnenheit, die Missachtung des gesunden Menschenverstands oder der gängigen Konventionen sowie ein gewisses Maß an unangemessener emotionaler Ausdrucksweise. Dies ist auch die Dimension, welche Menschen, die in Institutionen landen, vom Rest der Menschheit unterscheidet!
Ein sehr stark verkürzter Minitest in englischer Sprache.
Zitation
Skinner, B. F. [1904-1990] « | » Allport, Gordon [1897-1967]
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