
Die endgültige Persönlichkeitstheorie
Nach einem Semester mit Persönlichkeitstheorien – Freud und Jung und Rogers und Frankl und Bandura und Eysenck etc., etc., etc., – fragen Studierende wiederum oft, gibt es nicht eine Theorie, der wir vertrauen und die wir zuversichtlich anwenden können? Können wir sie nicht ein wenig eingrenzen? Sagen Sie uns, was richtig ist und was nicht!
Nun ja, leider ist die Persönlichkeit noch keine Wissenschaft, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie Biologie oder Chemie Naturwissenschaften sind. In diesen Bereichen gibt es trotz Unstimmigkeiten im Detail und angesichts neuester Ergebnisse einen Grundstock des Wissens, den kaum jemand anzweifelt. Dies ist offenkundig im Bereich der Persönlichkeit nicht der Fall.
Dennoch tauchen langsam Gedanken auf, die scheinbar in verschiedenen Theorien immer wieder vorkommen, oft unter anderen Begriffen geführt, doch sie sind nichts desto trotz vorhanden. Manchmal sind sie in Theorien enthalten, die ansonsten recht verschieden sind oder die einer anderen Perspektive entstammen, etwa klinisch versus experimentell versus Faktorenanalyse versus phänomenologisch. Vielleicht wird dieses Feld tatsächlich eine Wissenschaft, vielleicht in gar nicht so entfernter Zukunft! Ich weiß, dass ich aufgeregt wirke!
Also habe ich sozusagen den Stier bei den Hörnern gepackt und diese kleine Liste von Dingen zusammengestellt, die ich zwar nicht für universell, dennoch aber mindestens für wahrscheinliche Merkmale einer zukünftigen endgültigen Persönlichkeitstheorie halte.
Es geht los…
Bewusstsein und das Unbewusste
Das ist natürlich Freuds großer Beitrag. Selbst wenn er die Begriffe nicht erfunden hat, war er mit Sicherheit dafür verantwortlich, sie bekannt zu machen! Viele Theorien postulieren eine Form des Unbewussten nicht als einen Ort, an welchem unsere schlimmsten Ängste blubbern und kochen, sondern als einen Weg, wie man den vielen Dingen Rechnung tragen kann, die uns ohne unser volles Bewusstsein beeinflussen. Wir können uns drei Aspekte des Unbewussten heraussuchen:
- Der erste Aspekt ist biologisch. Wir kommen mit etwas wie Freuds Es oder Jungs kollektivem Unbewussten zur Welt. Es besteht wahrscheinlich aus Instinkten, die Teil unserer menschlichen Natur bleiben, plus unser Temperament oder unsere angeborene Persönlichkeit und vielleicht die Vorprogrammierung der Entwicklungsstufen des Lebens. Dieses biologische Unbewusste überschneidet sich mit dem existentialistischen Konzept des Geworfenseins.
Was mögliche Instinkte betrifft, würde ich vier “Komplexe” nominieren: Ein Fortpflanzungskomplex, einen Komplex der Selbstbehauptung ( assertive complex ), einen sozialen Komplex und einen nährend-erziehenden ( nurturant ) Komplex.
- Zweitens gibt es das gesellschaftliche Unbewusste (wie Fromm es nennt), welches Freuds Über-Ich mehr ähnelt als Freuds Es. Dazu zählen etwa unsere Sprache, gesellschaftliche Tabus, kulturelle Gewohnheiten und so fort. Es umfasst alle kulturellen Dinge, von denen wir in unserer Kindheit umgeben waren und die wir so gut gelernt haben, dass sie uns zur “zweiten Natur” geworden sind! Die negativen Aspekte des gesellschaftlichen Unbewussten überschneiden sich mit der existentialistischen Idee des Gefallenseins sowie mit Rogers Gedanken der Wertvorstellungen ( conditions of worth ).
- Und drittens gibt es das persönliche Unbewusste (um Jungs Begriff zu entlehnen), vielleicht als unbewusster Aspekt des Ich zu verstehen. Es besteht aus unseren idiosynkratischen Gewohnheiten, den persönlicheren Dingen, die wir so gut gelernt haben, dass wir uns ihrer nicht mehr bewusst sein müssen, um sie auszuführen – etwa so, wie wir so gut autofahren können, dass wir uns zugleich noch die Haare kämmen, telefonieren, eine Zigarette anzünden und die attraktive Person im Rückspiegel zur Kenntnis nehmen können (jedenfalls so lange, bis man von der Straße abkommt und in einen Baum fährt).
Zu diesen gut gelernten Dingen mögen auch die Abwehrmechanismen zählen. Mit diesen ignorieren wir mit gewohnheitsmäßiger Effizienz die unangenehmen Wirklichkeiten, um unser Selbstwertempfinden zu schützen. Dazu später mehr….
Doch wir wollen angesichts des Unbewussten nicht zu enthusiastisch werden! Nur wenige Psychologen halten es heute für den Ort unseres wahren Selbst, für die Antwort auf alle Probleme oder für einen tiefen psychologischen Brunnen, der uns mit dem Universum oder mit Gott verbindet! Es ist der Ort, an dem die mehr oder weniger automatischen Prozesse des Instinktes und des gut Gelernten ablaufen. All dies steht im Kontrast zum (im Grunde sogar definiert als Kontrast zum) Bewusstsein. Abgesehen von den Instinkten und (vielleicht) einigen wenigen Assoziationen, die in klassischer Konditionierung gelernt worden sind, scheinen alle Dinge, die in unsere Psyche hinein oder aus ihr heraus gehen, das Bewusstsein zu durchlaufen.
Was das Bewusstsein ist, wird noch eine ganze Weile eine Frage bleiben. Das Bewusstsein steht den traditionellen Forschungsmethoden nicht so richtig offen! Doch für den Augenblick können wir es als die Fähigkeit sehen, die (innere und äußere) Wirklichkeit zu erfahren, zusammen mit der Bedeutung oder Relevanz der Wirklichkeit für uns selbst (als biologische, soziale und sogar individuelle Organismen). Puh! Ich würde dem hinzufügen, dass es auch das Bewusstsein sein könnte, das uns die Freiheit gibt, zwischen erreichbaren Möglichkeiten zu wählen – d.h. freier Wille oder zumindest Selbstbestimmung.
Der vielleicht wichtigste Punkt, den wir zum Thema Bewusstsein im Kopf behalten sollten, ist dass es persönlich ist. Es ist Ihres und nur Ihres. Und innerhalb dieses persönlichen Bewusstseins findet Ihre gesamte “Psychologie” statt. Alles, was Sie fühlen, wahrnehmen, denken und tun, basiert auf Ihrer subjektiven Sicht der Wirklichkeit, die sich bedeutend von meiner unterscheiden kann! Deshalb müssen wir die Menschen, um sie zu verstehen, von innen verstehen. Diese kleine Tatsache macht die Psychologie so viel schwieriger als die Naturwissenschaften!
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