
Die endgültige Persönlichkeitstheorie
Neurose
Bei vielen Menschen beginnen die Schwierigkeiten mit Kindheitserfahrungen von Missbrauch, Vernachlässigung, Armut, Krankheit, Erkrankungen oder Tod der Eltern, mit psychologischen Schwierigkeiten der Eltern, Scheidung, Immigration, Unfällen, Missbildungen etc. Manchmal sind wir stark genug oder erhalten genügend Unterstützung, um diesen Stürmen des Lebens zu widerstehen. Häufiger jedoch stellen wir fest, dass diese Erfahrungen uns eine dauerhafte Einstellung dem Leben gegenüber hinterlassen haben. Wir leiden schließlich an Angst, Schuld, Traurigkeit, Wut … nicht nur als direkte Auswirkung der spezifischen Erfahrung, sondern weil wir dem Leben nicht mehr vertrauen.
Ein Kind mit liebevollen Eltern und mitfühlenden Verwandten, Gleichaltrigen und Lehrern mag sehr wohl in der Lage sein, mit derartigen Schwierigkeiten zurecht zu kommen. Andererseits können mangelnde Unterstützung und das Fehlen von etwas, das Rogers als positive Zuwendung ( positive regard ) bezeichnet, dazu führen, dass selbst ein mit einer angenehmen Umgebung gesegnetes Kind von Selbstzweifeln und Unsicherheit umgetrieben wird.
Viele unserer Theorien wurden entwickelt, um jenen zu helfen, die nicht zurecht kommen, und wenn wir uns Adler, Horney, Rogers, Bandura und andere anschauen, finden wir im Detail große Übereinstimmung. Wie ich soeben sagte, um mit den Schwierigkeiten des Lebens umgehen zu können, benötigen wir positive Zuwendung – ein wenig Liebe, Zustimmung, Respekt, Aufmerksamkeit… Doch andere verknüpfen diese Liebe und Zustimmung oftmals an Bedingungen, gewissen Standards entsprechen zu sollen, denen wir nicht allesamt entsprechen können. Es ist diese Inkongruenz (Rogers Begriff) zwischen dem, was wir brauchen und uns selbst zugestehen, welche uns ein geringes Selbstwertempfinden beschert, oder wie andere es nennen, ein unvorteilhaftes Selbstkonzept ( poor self-concept ) oder einen Minderwertigkeitskomplex.
Der Gedanke der spezifischen Minderwertigkeit bezogen auf das Selbstwertempfinden ist wirklich vorteilhaft: Nur selten hat jemand ein allgemein niedriges Selbstwertempfinden. Vielmehr haben die meisten Menschen ein Gefühl der Minderwertigkeit in irgendeiner Domäne, nicht aber in anderen Bereichen. Indem man die Spezifität der Minderwertigkeit anerkennt, können wir uns auf mögliche Heilmittel konzentrieren, doch wenn wir nur sagen, jemand leide unter geringem Selbstwertempfinden, bleibt uns kaum ein Ansatzpunkt für eine Behandlung!
Konfrontiert mit den Schwierigkeiten des Lebens, ohne Unterstützung durch andere und ohne Selbstvertrauen sind wir vor die Konsequenz gestellt, uns selbst zu verteidigen, so gut es eben geht. Wir können eine lange Liste von Abwehrmechanismen zusammenstellen, wie es Anna Freud getan hat, oder wir können sie vielleicht ein wenig vereinfachen, wie es Carl Rogers getan hat: Wir verteidigen unsere empfindsamen Egos durch Verneinung und Repression sowie durch Verzerrung und Rationalisierung.
- Verneinung und Repression versuchen die unangenehmen Erfahrungen direkt abzublocken, sowohl von der Umgebung als auch vom Gedächtnis, auf Kosten emotionaler Erschöpfung. Verneinung bezieht sich auf Information von außen, Repression bezieht sich auf die Dinge, die wir schon wissen (ganz tief in uns).
- Verzerrung und Rationalisierung sind höher entwickelte und weniger zu Erschöpfung führende Formen der Abwehr, sie beziehen sich auf die unangenehmen Informationen, indem sie sie umgehen. Verzerrung meint die Manipulation der von außen kommenden Informationen, Rationalisierung ist die Manipulation dessen, was wir bereits wissen.
In beiden Formen handelt es sich um Lügen, die wir uns selbst und anderen auftischen, um die Wirkung jener Inkongruenz zwischen unserem Bedürfnis nach Liebe und Sicherheit und dem, was uns abverlangt wird, zu minimieren. Wir benutzen solche Lügen, weil sie eigentlich helfen. Doch sie helfen nur kurzfristig: Mit der Zeit führen sie uns in potentiell ernstliche Fehlinterpretationen dessen, wie die Welt (und insbesondere andere Menschen) funktioniert, und dessen, wer wir tatsächlich sind.
Für jene Menschen, die vielleicht ein wenig stärker sind, gibt es ein Leiden in Form von Entfremdung. Es entsteht eine Spaltung zwischen dem tieferen “wahreren” Selbst tief innen und der Persona (um mit Jung zu sprechen), welche wir der Außenwelt präsentieren, um den Wertvorstellungen ( conditions of worth ) zu entsprechen, von denen Rogers spricht. Wir fühlen uns einerseits inauthentisch, falsch, verfälscht, unaufrichtig und andererseits missverstanden und ungeliebt. Auf lange Sicht führt dies wahrscheinlich zu Depressionen und einem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben. Doch manchmal kann Entfremdung zu neuen Lebensperspektiven und bemerkenswerten kreativen Erkenntnissen führen. Vielleicht haben wir einen großen Teil unserer Kunst, Musik und Literatur genau diesen entfremdeten Menschen zu verdanken.
Am anderen Ende des Spektrums liegen jene Menschen, deren psychologisches Leiden auf physiologischen Schwierigkeiten basiert. Obwohl nicht zu unterschätzende soziale und psychologische Ursachen mit Sicherheit zugrunde liegen, scheint die Schizophrenie eine erhebliche physiologische Komponente aufzuweisen. Andere Erkrankungen wie etwa bipolare schwere Depression und obsessiv-zwanghafte Erkrankungen werden durch Medikamente gelindert, die die Effektivität der körpereigenen Neurotransmitter verbessern. Die Schwelle zwischen Psychologie und Physiologie wird zunehmend uneindeutiger!
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