Die endgültige Persönlichkeitstheorie

Copingstrategien

Menschen, die an Neurosen leiden, fühlen sich von gewissen Lebensstilen angezogen, die auf die eine oder andere Art den psychologischen Schmerz im Zaum halten: Sie mögen Alkoholiker werden oder Workaholics oder Sexsüchtige, oder sie sind besessen von Reinlichkeit oder physische Gesundheit etc. Zu solchen Mustern gehören ungewöhnliche Verhaltensweisen, Gefühlsbindungen, obsessive Gedanken etc. Binswanger bezeichnet die Muster als Themen ( themes ) und sie ähneln Horneys neurotischen Bedürfnissen ( neurotic needs ), Ellis irrationalen Annahmen ( irrational beliefs ) und den Fehlanpassungen ( maladaptive habits ) der Behavioristen.

Viele Theoretiker erkennen eine gewisse Ordnung in diesen Themen und klassifizieren sie in vier oder fünf Kategorien, welche Horney als Copingstrategien bezeichnet. Fromm bezeichnet sie als Orientierungen, Freud spricht von Charaktertypen… Es handelt sich vermutlich um Ergebnisse einer Interaktion zwischen dem Temperament eines Menschen und den spezifischen Stressoren, mit denen er sich auseinandersetzen muss.

Wir können uns zunächst auf zwei Copingstrategien einigen: einen abhängigen Stil und einen aggressiven Stil.

  • Den abhängigen Stil charakterisiert ein Gefühl der Minderwertigkeit und Schwäche, doch ebenso eine starke – womöglich verzweifelte – Manipulation anderer Menschen. Man spricht auch von oralpassiv, getting oder leaning, compliant und rezeptiv.
  • Der aggressive Stil wird von einer aggressiven Haltung charakterisiert, die dazu dient, das Minderwertigkeitsempfinden vorübergehend zu mildern – also ein Überlegenheitskomplex! Wenn Sie sich schlecht fühlen, schlagen oder beleidigen Sie andere. Dies wird auch als oral-aggressiv, ruling oder dominant und exploitative bezeichnet.

Ab hier werden die Dinge unsicherer.

  • Ein dritter Kandidat ist der perfektionistische Stil. Dieser Typ versucht eigentlich, die exzessiv schwierigen Standards zu erreichen, die er für sich selbst anerkannt hat – oder wird doch zumindest vorgeben sie zu erreichen. Diese Menschen neigen dazu, sich emotional von anderen abzukapseln, sind ungern von anderen abhängig. Man spricht auch von anal-retentiv oder dem hortenden Typ.
  • Ein vierter Kandidat ist der schizoide Stil oder auch der vermeidende oder sich zurückziehende Typ. Solche Menschen versuchen, sich von einem Großteil der gesellschaftlichen Interaktion zurückzuziehen, wenn nicht sogar ein vollständiger Rückzug angestrebt wird. Sie neigen dazu, düster und ernst, psychologisch abgekapselt, wütend auf die ganze Welt und potentiell gewaltbereit zu sein.
  • Und schließlich der fünfte Kandidat, der infantile Stil oder auch der phallische oder marketing Stil. Diese Menschen vermeiden Verantwortung, indem sie ihre Kindheit essentiell ins Erwachsenenleben ausdehnen. Sie sind besessen von Jungendlichkeit, Spaß, Abenteuer und Aktivitäten mit hohem Risiko. Sie neigen dazu, seicht und hedonistisch zu sein.

Man könnte nun argumentieren, dass die verbreitetste Copingstrategie von allen – verbreitet weil sie so prächtig funktioniert – Konventionalität sei, “busy-ness”, sich im Tagtäglichen verlieren. Es wird die Aufgabe zukünftiger Persönlichkeitstheoretiker sein, festzustellen, welche echte Stile darstellen, ob der Gedanke einiger weniger Stile überhaupt hinlänglich ist oder ob wir uns einer individualistischeren Art zuwenden sollten, um die Copingstrategien der Menschen zu beschreiben.

Zitation

Boeree, C. George (06. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Die endgültige Persönlichkeitstheorie, URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/fin-theorie

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