Frankl, Viktor [1905-1997]

Im September des Jahres 1942 wurden ein junger Arzt, seine junge Braut, seine Mutter, sein Vater und sein Bruder in Wien festgenommen und in ein Konzentrationslager in Böhmen gebracht. Es waren die Ereignisse, die sich in diesem Konzentrationslager sowie in drei weiteren Lagern ereigneten, die den jungen Arzt – Häftling 119.104 – dazu brachten, die Bedeutung des Lebenssinns zu erkennen.

Eines der frühesten Ereignisse, die dies klar werden ließen, war der Verlust eines Manuskripts – seines Lebenswerkes – während des Transports nach Auschwitz. Er hatte es in das Futter seines Mantels eingenäht, wurde aber gezwungen, es in letzter Minute zu entfernen. Er verbrachte später zahlreiche Nächte mit dem Versuch, es zu rekonstruieren, zunächst im Geiste, dann auf gestohlenen Papierfetzen.

Ein anderes bedeutsames Moment ereignete sich vor Sonnenaufgang während eines Marsches zur Arbeit, wo die Häftlinge Bahnschienen verlegen sollten: Ein anderer Häftling stellte laut Mutmaßungen über das Schicksal ihrer Ehefrauen an. Der junge Arzt dachte an seine Frau und erkannte, dass sie in ihm gegenwärtig war:

«The salvation of man is through love and in love. I understood how a man who has nothing left in this world still may know bliss, be it only for a brief moment, in the contemplation of his beloved.» (1963, S. 59)

Und während der gesamten Zerreißprobe konnte er nicht anders als zu erkennen, dass unter denen, die eine Chance zu überleben hatten, jene ihr Leiden am wahrscheinlichsten überleben würden, die sich an eine Zukunftsvision hielten – sei es eine bedeutsame Aufgabe, die vor ihnen liegt oder die Aussicht auf Rückkehr zu den Menschen, die sie lieben.

Tatsächlich sollte es der Sinn sein, der im Leiden selbst gefunden werden kann, der Frankl am nachhaltigsten beeindruckte:

«(T)here is also purpose in that life which is almost barren of both creation and enjoyment and which admits of but one possibility of high moral behavior: namely, in man’s attitude to his existence, and existence restricted by external forces…. Without suffering and death human life cannot be complete.» (1963, S. 106)

Dieser junge Arzt war natürlich Viktor Emil Frankl.

Biographie

Viktor Frankl ist am 26. März 1905 in Wien geboren. Sein Vater, Gabriel Frankl, war ein starker disziplinierter Mann aus Mähren, der sich vom Stenograph der Regierung bis zum Direktor des Sozialministeriums hoch arbeitete. Seine Mutter, Elsa Frankl (geborene Lion), war weichherziger, eine fromme Frau aus Prag.

Der kleine Viktor, das mittlere von drei Kindern, war frühreif und überaus neugierig. Selbst im zarten Alter von vier Jahren wusste er schon, dass er Arzt werden wollte.

In der Mittelschule war Viktor Obmann der Sozialistischen Mittelschüler. Sein Interesse für Menschen lenkte ihn zum Studium der Psychologie. Er beendete seine Mittelschulausbildung mit einem psychoanalytischen Aufsatz zum Philosophen Schopenhauer, einer Veröffentlichung im International Journal of Psychoanalysis und einem beginnenden recht intensiven Schriftverkehr mit dem großen Sigmund Freud.

1925, ein Jahr nach seinem Abschluss war er auf bestem Wege, sein medizinisches Studium abzuschließen, und traf mit Freud zusammen. Allerdings gefiel Frankl Adlers Theorie mehr, und in diesem Jahr veröffentlichte er einen Aufsatz – Psychotherapie und Weltanschauung – in Adlers Zeitschrift International Journal of Individual Psychology. Im Jahr darauf verwendete Frank den Begriff Logotherapie erstmals in einer öffentlichen Vorlesung und begann seine spezielle Form der Wiener Psychologie zu verfeinern.

1928 und 1929 organisierte Frankl kostenlose Beratungszentren für Jugendliche in Wien sowie in sechs anderen Städten und nahm die Arbeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik auf. 1930 erhielt er den Doktor der Medizin und wurde zum Assistenten ernannt. Während der folgenden Jahre setzte Frankl seine Ausbildung im Fach Neurologie fort.

1933 wurde er Leiter des so genannten “Selbstmörderinnenpavillon” der Psychiatrischen Klinik, zu welchem jährlich einige Tausend Patientinnen zählten. Im Jahre 1937 eröffnete Frankl eine eigene Praxis für Neurologie und Psychiatrie. Ein Jahr darauf fielen Hitlers Truppen in Österreich ein. Er erhielt 1939 ein Visum für die USA, doch aus Sorge um seine betagten Eltern ließ er das Visum verstreichen.

1940 wurde Frankl Leiter der neurologischen Abteilung des Rothschild-Krankenhauses, dem einzigen Krankenhaus für Juden im Wien der Nazizeit. Er erstellte falsche Diagnosen für seine Patienten, um die neuen Euthanasiebestimmungen für psychisch Kranke zu umgehen. Während dieser Phase arbeitete er sein Manuskript Ärztliche Seelsorge aus.

Frankl heiratete 1942, doch im September wurden er, seine Frau, sein Vater, seine Mutter und sein Bruder verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt in Böhmen verbracht. Sein Vater verhungerte und starb. Seine Mutter und sein Bruder wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Seine Frau starb 1945 in Bergen-Belsen. Nur seine Schwester Stella sollte überleben, nachdem es ihr gelungen war, kurz zuvor noch nach Australien zu emigrieren.

Als man ihn nach Auschwitz deportierte, wurde sein Manuskript für Ärztliche Seelsorge entdeckt und zerstört. Seine Sehnsucht, das Werk zu vollenden, und seine Hoffnungen, seine Frau und seine Familie irgendwann wiederzufinden, sorgten dafür, dass er in einer ansonsten hoffnungslosen Situation die Hoffnung nicht verlor.

Nach zwei weiteren Deportationen zu zwei weiteren Konzentrationslagern erkrankte Frankl schließlich an Typhus. Er hielt sich wach, indem er sein Manuskript auf gestohlenen Papierfetzen zu rekonstruieren versuchte. Im April 1945 wurde Frankls Lager befreit und er kehrte nach Wien zurück, um dort vom Tod derer, die er liebte, zu erfahren. Obwohl er beinahe daran zerbrach und sehr allein in der Welt dastand, wurde er Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik – eine Position, die er 25 Jahre lang innehaben würde.

Schließlich rekonstruierte er sein Buch und veröffentlichte es, woraufhin er einen Lehrauftrag an der medizinischen Hochschule Wien erhielt. In nur neun Tagen diktierte er ein weiteres Buch, … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Noch vor seinem Tod wurden über 9 Millionen Exemplare verkauft, 5 Millionen allein in den USA (Titel: Man’s Search for Meaning)!

Während dieser Phase lernte er die junge OP-Schwester Eleonore Schwindt – Elly – kennen und verliebte sich auf den ersten Blick. Obwohl sie halb so alt war wie er selbst, schreibt er es ihrer Einwirkung zu, dass er den Mut aufbringen konnte, sich wieder in der Welt zu etablieren. Sie heirateten im Jahre 1947 und hatten im Dezember desselben Jahres eine gemeinsame Tochter, Gabriele. 1948 machte Frankl seinen Doktor der Philosophie. Seine Dissertation – Der unbewußte Gott. Psychotherapie und Religion – widmete er der Untersuchung der Beziehung zwischen Psychologie und Religion. In diesem Jahr wurde er Assistenzprofessor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien. Im Jahre 1950 wurde Frankl Präsident der Austrian Medical Society for Psychotherapy.

Nachdem er eine Vollprofessur erhalten hatte, wurde er auch außerhalb Wiens zusehends bekannter. Seine Gastprofessuren, Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen kann man an dieser Stelle kaum auflisten, ihm wurde beispielsweise von der American Society of Psychiatry der Oskar Pfister Preis verliehen und Frankl war für den Friedensnobelpreis nominiert.

Bis 1990 lehrte Frankl weiter an der Universität Wien, bis er 85 Jahre alt war. Man muss darauf hinweisen, dass er ein großer Bergsteiger war und noch mit 67 den Flugschein machte!

Im Jahre 1992 richteten Freunde und Familie zu seinen Ehren das Viktor Frankl Institut ein. 1995 beendete er seine Autobiographie und 1997 veröffentlichte er sein letztes Werk Man’s Search for Ultimate Meaning, basierend auf seiner Dissertation. Er hat 32 Bücher verfasst, die in 27 Sprachen übersetzt wurden.

Viktor Emil Frankl starb am 2. September 1997 an einem Herzinfarkt. Er hinterlässt seine Frau Eleonore, seine Tochter Dr. Gabriele Frankl-Vesely, seine Enkelkinder Katharina und Alexander und seine Großenkelin Anna Viktoria. Sein Einfluss auf Psychologie und Psychiatrie wird noch Jahrhunderte lang spürbar bleiben.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Frankl, Viktor [1905-1997], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/frankl

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