
Frankl, Viktor [1905-1997]
Bewusstsein
Ein Hauptkonzept bei Frankl ist das Bewusstsein. Er betrachtet das Bewusstsein als eine Art unbewusster Spiritualität, von dem instinkthaften Unbewussten, wie es Freud und andere ausarbeiteten, klar unterschieden. Das Bewusstsein ist nicht nur ein Faktor unter vielen; es ist der Kern unseres Daseins und die Quelle unserer persönlichen Integrität..
Er bringt dies recht eindeutig zum Ausdruck:
«… (B)eing human is being responsible – existentially responsible, responsible for one’s own existence.»
[Mensch sein heißt verantwortlich sein – existentiell verantwortlich, verantwortlich für die eigene Existenz.] (1975, S. 26).
Das Konzept bezieht sich auf eine wirkliche Person in einer wirklichen Situation und lässt sich nicht auf schlichte “universell gültige Gesetze” reduzieren. Es muss gelebt werden.
Er bezieht sich auf das Bewusstsein als “pre-reflective ontological self-understanding” oder “the wisdom of the heart”, “more sensitive than reason can ever be sensible” [ein präreflektives ontologisches Selbstverständnis | die Weisheit des Herzens | sensibler als die Vernunft je sein könnte] (1975, S. 39). Das Bewusstsein “erschnuppert” das, was unseren Leben Sinn verleiht.
Wie Erich Fromm bemerkt Frankl, dass Tiere von ihren Instinkten geführt werden. In traditionellen Gesellschaften haben wir Instinkte hinreichend durch unsere gesellschaftlichen Traditionen ersetzt. Heute haben wir kaum einmal mehr das. Die meisten versuchen in Konformität und Konventionalität Führung zu finden, es wird jedoch zusehends schwieriger zu vermeiden, dass man der Tatsache ins Auge sieht, dass wir nun Freiheit und Verantwortlichkeit inne haben, um unsere eigenen Entscheidungen im Leben zu treffen, unseren eigenen Lebenssinn zu finden.
Doch “…meaning must be found and cannot be given” [Sinn muss gefunden und kann nicht gegeben werden] (1975, S. 112). Er sagt, Sinn sei wie Gelächter: Sie können nicht jemanden zum Lachen zwingen, Sie müssen ihm einen Witz erzählen! Ebensolches gilt für Glaube, Hoffnung und Liebe – sie lassen sich nicht durch Willenskraft erreichen, weder durch eigene noch durch fremde Willensanstrengung.
“…(M)eaning is something to discover rather than to invent” [Sinn ist etwas, das man entdeckt, nicht etwas, das erfunden wird] (1975, S. 113). Sinn hat eine eigene Wirklichkeit, unabhängig von unserem Verstand. Wie eine Figur, die in einem Magic Eye Bild eingebettet ist, ist der Sinn da, um erkannt zu werden, Sinn ist nicht etwas, das wir mit unserer Vorstellungskraft hervorbringen. Wir sind vielleicht nicht immer in der Lage, das Bild – oder den Sinn – heraus zu bringen, aber es ist da. Wie Frankl es ausdrückt, ist Sinn “…primarily a perceptual phenomenon” [vornehmlich ein perzeptuelles Phänomen] (1975, S. 115).
Tradition und traditionelle Werte verschwinden schnell aus dem Leben vieler Menschen. Und obzwar es schwierig für uns ist, muss es uns nicht zur Verzweiflung bringen. Sinn ist nicht an gesellschaftliche Werte gebunden. Mit Sicherheit versucht jede Gesellschaft Sinn in ihren Verhaltensregeln zusammen zu fassen, doch letztlich sind Sinnbedeutungen für jedes Individuum einzigartig.
«…(M)an must be equipped with the capacity to listen to and obey the ten thousand demands and commandments hidden in the ten thousand situations with which life is confronting him»
[Der Mensch muss mit der Fähigkeit ausgestattet sein, die zehntausend Anforderungen und Bestimmungen wahrzunehmen und zu befolgen, welche in den zehntausend Situationen verborgen sind, mit welchen das Leben ihn konfrontiert.] (1975, S. 120).
Und es ist unser Job als Ärzte, Therapeuten und Lehrer, den Menschen bei der Entwicklung ihres individuellen Bewusstseins zu helfen sowie dabei, ihren je einzigartigen Sinn zu finden und zu erfüllen.
Zitation
Boss, Medard [1903-1990] « | » May, Rollo [1909-1994]
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