Frankl, Viktor [1905-1997]

Sinn finden

Wie also finden wir Sinn? Frankl diskutiert drei breite Zugänge. Der erste geschieht durch Erfahrungswerte, indem man also etwas erlebt – oder jemanden – wertschätzen wir. Hierzu können Maslows “peak experiences” und ästhetische Erlebnisse wie etwa das Betrachten großer Kunst oder der Wunder der Natur.

Das wichtigste Beispiel für Erfahrungswerte ist die Liebe, die wir für jemanden empfinden. Durch unsere Liebe können wir die geliebte Person befähigen, Sinn zu entwickeln, und indem das geschieht, entwickeln wir selbst Sinn! Liebe, sagt Frankl, “is the ultimate and the highest goal to which man can aspire” [ist das letzte und höchste Ziel, das der Mensch anstreben kann] (1963, S. 58-59).

Dann weist Frankl darauf hin, dass in der modernen Gesellschaft oft Sex und Liebe verwechselt werden. Ohne Liebe, so sagt er, ist Sex nichts weiter als Masturbation und der Sexpartner ist wenig mehr als ein Werkzeug, dessen man sich bedient, ein Mittel zum Zweck. Sex kann nur als physischer Ausdruck der Liebe voll genossen werden.

Liebe ist das Erkennen der Einzigartigkeit des Anderen als Individuum mit intuitivem Verständnis für das volle Potential des Menschen. Frankl glaubt, dies sei nur in monogamen Beziehungen möglich. So lange die Partner austauschbar sind, bleiben sie Objekte.

Eine zweite Möglichkeit, Sinn zu entdecken, geschieht durch kreative Werte, indem man “eine Tat tut”, wie er es ausdrückt. Das ist die traditionelle existentialistische Idee, sich selbst mit Sinn zu versorgen, indem man sich eigenen Projekten widmet oder besser noch dem Projekt des eigenen Lebens. Dazu gehört die Kreativität, die in Kunst, Musik, Schriftstellertum, Erfindungen etc. eine Rolle spielt.

Frankl sieht Kreativität (ebenso wie Liebe) als Funktion des spirituellen Unbewussten, das bedeutet, des Gewissens. Die Irrationalität künstlerischen Schaffens ist dieselbe wie die Intuition, mit der wir das Gute erkennen. Er illustriert dies mit einem interessanten Beispiel:

«We know a case in which a violinist always tried to play as consciously as possible. From putting his violin in place on his shoulder to the most trifling technical detail, he wanted to do everything consciously, to perform in full self-reflection. This led to a complete artistic breakdown…. Treatment had to give back to the patient his trust in the unconscious, by having him realize how much more musical his unconscious was than his conscious.» (1975, S. 38)

Die dritte Möglichkeit, Sinn zu finden, ist eine, von der außer Frankl nur wenige Menschen sprechen: Werte der Einstellung. Zu diesem Werten gehören Tugenden wie Mitgefühl, Tapferkeit, ein guter Sinn für Humor etc. Doch Frankls berühmtestes Beispiel ist, durch Leid Sinn zu erlangen.

Er illustriert dies am Beispiel eines Klienten: Ein Arzt, dessen Frau verstorben war, trauerte entsetzlich um sie. Frankl fragte ihn, “wenn Sie zuerst gestorben wären, wie wäre das für Ihre Frau gewesen?” Der Arzt antwortete, es wäre für sie unglaublich schwierig gewesen. Frankl wies dann darauf hin, dass der Ehefrau das Leiden erspart geblieben sei, da sie zuerst verstorben war, doch nun müsse er den Preis bezahlen, indem er litt und um sie trauerte. Anders ausgedrückt, Kummer ist der Preis, den wir für die Liebe bezahlen. Für den Arzt verlieh dieser Gedanke dem Tod seiner Ehefrau und seinem eigenen Schmerz Sinn, was es ihm wiederum ermöglichte, damit umzugehen. Sein Leiden wird etwas Größeres: Mit Sinn kann Leid mit Würde ertragen werden.

Frankl merkt zudem an, dass ernstlich kranke Menschen oft keine Gelegenheit erhalten, tapfer zu leiden, um so eine gewisse Würde zu aufrecht zu erhalten. Seien Sie optimistisch! sagen wir. Oft bringen wir sie damit dazu, sich ihrer Schmerzen und ihres Unglücks zu schämen.

In Man’s Search for Meaning schreibt Frankl folgendes:

«…everything can be taken from a man but one thing: the last of the human freedoms – to choose one’s attitude in any given set of circumstances, to choose one’s own way»
[man kann einem Menschen alles nehmen außer einer Sache: der letzten aller menschlichen Freiheiten – die eigene Einstellung unter den gegebenen Umständen zu wählen, den eigenen Weg zu wählen] (1963, S. 104).

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Frankl, Viktor [1905-1997], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/frankl

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