
Frankl, Viktor [1905-1997]
Therapie
Viktor Frankl ist nahezu ebenso bekannt für bestimmte klinische Details seines Zugangs wie für seine gesamte Theorie. Das erste dieser Details ist eine Technik, die als paradoxe Intention ( paradoxical intention ) bekannt ist, sie ist hilfreich, um neurotische Teufelskreise zu zerschlagen, die durch antizipatorische Angst und Hyperintention entstehen.
Bei der paradoxen Intention geht es darum, das zu wünschen, vor dem man sich fürchtet. Einem jungen Mann, der stark schwitzte, wenn er in gesellschaftlichen Kreisen verkehrte, wurde von Frankl geraten, den Schweiß herbeizuwünschen. “I only sweated out a quart before, but now I’m going to pour at least ten quarts!” (1973, S. 223) gehörte zu seinen Anweisungen. Als es dann so weit war, konnte der junge Mann nicht schwitzen. Die Absurdität der Aufgabe durchbrach den Teufelskreis.
Die Kapazität menschlicher Wesen, eine objektive Perspektive dem eigenen Leben gegenüber einzunehmen oder aus sich heraus zu treten, ist die Basis für Humor, so Frankl. Und wie ihm in den Lagern aufgefallen war, “Humor was another of the soul’s weapons in the fight for self-preservation” [Humor war eine weitere Waffe der Seele im Kampf um Selbstbewahrung] (1963, S. 68).
Ein anderes Beispiel betrifft Schlafstörungen: Wenn Sie unter Schlaflosigkeit leiden, so Frankl, verbringen Sie nicht die Nacht damit, sich umher zu wälzen und schlafen zu wollen. Stehen Sie auf. Versuchen Sie so lange als möglich wach zu bleiben! Mit der Zeit werden Sie dankbar zurück ins Bett kriechen.
Eine zweite Technik wird als “dereflection” bezeichnet. Frankl geht davon aus, dass viele Probleme aus einer übermäßigen Betonung des eigenen Selbst hervorgehen. Indem man die Aufmerksamkeit von sich selbst weg auf andere verschiebt, verschwinden die Probleme oft. Wenn Sie beispielsweise Schwierigkeiten mit Sex haben, versuchen Sie ihren Partner zu befriedigen, ohne selbst Befriedigung zu suchen. Sorgen um Erektionen und Orgasmen verschwinden – und die Befriedigung kehrt zurück! Oder versuchen Sie, überhaupt niemanden zu befriedigen. Viele Sexualtherapeuten empfehlen, dass ein Paar nur schmust und Orgasmen “um jeden Preis” vermeidet. Die Paare stellen fest, dass sie es kaum bis zum Abend aushalten, bis einfach das geschieht, womit sie zuvor solche Schwierigkeiten hatten!
Frankl besteht darauf, dass in der heutigen Welt viel zu viel Wert auf Selbstreflektion gelegt werde. Seit Freud sind wir ermutigt worden, in uns selbst hinein zu schauen, unsere tiefsten Motivationen auszugraben. Frankl bezeichnet diese Neigung sogar als unsere “kollektive obsessive Neurose” (1975, S. 95). Dass wir uns selbst in dieser Weise fokussieren, führt tatsächlich dazu, dass wir vom Sinn abgewandt werden!
Trotz allem Interesse an diesen Techniken besteht Frankl darauf, dass die Probleme, mit denen diese Menschen konfrontiert sind, letztlich aus ihrem Bedürfnis nach Sinn hervorgehen. Obwohl diese und andere Techniken ein hübscher Beginn für eine Therapie sind, sind sie bei weitem nicht das Ziel.
Die vielleicht wichtigste Aufgabe des Therapeuten ist es, dem Klienten bei der Wiederentdeckung der latenten Religiosität behilflich zu sein, die laut Frankl in jedem von uns existiert. Das jedoch lässt sich nicht erzwingen: “Genuine religiousness must unfold in its own time. Never can anyone be forced to it” [Wahre Religiosität muss sich zur gegebenen Zeit entfalten. Niemals kann jemand dazu gezwungen werden] (1975, S. 72). Der Therapeut muss es dem Patienten erlauben, den eigenen Sinn zu entdecken.
«(H)uman existence – at least as long as it has not been neurotically distorted – is always directed to something, or someone, other than itself — be it a meaning to fulfill or another human being to encounter lovingly»
[Die menschliche Existenz – zumindest so lange sie nicht neurotisch verformt ist – ist immer auf etwas oder jemanden gerichtet, das bzw. der nicht man selbst ist – sei es ein zu erfüllender Sinn oder die liebende Begegnung mit einem anderen Menschen] (1975, S. 78).
Frankl bezeichnet das als Selbsttranszendenz und setzt es in Kontrast zur Selbstverwirklichung in Maslows Verständnis des Begriffs. Selbstverwirklichung, selbst Freude und Glücklichsein, sind Nebeneffekte der Selbsttranszendenz und der Entdeckung von Sinn. Er zitiert Albert Schweitzer: “The only ones among you who will be really happy are those who have sought and found how to serve” [Die einzigen unter euch, die wirklich glücklich sein werden, sind jene, die erkundet und herausgefunden haben, wie man dient] (zitiert aus 1975, S. 85).
Zitation
Boss, Medard [1903-1990] « | » May, Rollo [1909-1994]
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