
Freud, Sigmund [1856-1939]
«It is a mistake to believe that a science consists in nothing but conclusively proved propositions, and it is unjust to demand that it should. It is a demand only made by those who feel a craving for authority in some form and a need to replace the religious catechism by something else, even if it be a scientific one. Science in its catechism has but few apodictic precepts; it consists mainly of statements which it has developed to varying degrees of probability. The capacity to be content with these approximations to certainty and the ability to carry on constructive work despite the lack of final confirmation are actually a mark of the scientific habit of mind.» [Freud]
Wie die meisten Geschichten beginnt auch Freuds Geschichte mit Geschichten anderer Menschen. Es handelt sich um seinen Mentor und Freund Dr. Joseph Breuer und Breuers Patientin mit dem Pseudonym Anna O.
Anna O. war zwischen 1880 und 1882 Joseph Breuers Patientin. Die Zwanzigjährige verbrachte die meiste Zeit damit, ihren kranken Vater zu pflegen. Sie litt an Husten, der keine physische Ursache hatte. Dann entwickelte sie Sprachschwierigkeiten, sie wurde stumm und sprach nur noch in Englisch, statt ihrer Muttersprache.
Nachdem ihr Vater verstorben war, verweigerte sie das Essen und entwickelte eine ungewöhnliche Mischung von Symptomen. Sie verlor das Gespür in Händen und Füßen, litt an Lähmungserscheinungen und Spasmen. Außerdem litt sie an Halluzinationen und Tunnelblick. Doch als man Spezialisten hinzu zog, konnte man keine physischen Ursachen für ihre Erkrankung ausmachen.
Als ob all das noch nicht genug wäre, bildete sie Märchenfantasien aus, litt an dramatischen Stimmungsschwankungen und unternahm einige Suizidversuche. Breuers Diagnose lautete, sie sei an Hysterie erkrankt, wie man es damals nannte (heute bezeichnet man das Krankheitsbild als Konversionsneurose), das bedeutete, dass ihre Symptome nur physischen Ursprungs zu sein schienen, es in der Tat aber nicht waren.
Abends verfiel Anna in Zustände, die Breuer “spontane Hypnose” nannte, Anna selbst bezeichnete es als clouds (Wolken). Breuer fand heraus, dass sie in diesem Zustand ihre Tagtraumfantasien und andere Erlebnisse erläutern konnte und dass sie sich anschließend besser fühlte. Anna nannte diese Episoden chimney sweeping (Schornsteinfegen) und the talking cure (Redekur).
Manchmal wurde während des chimney sweeping ein emotionales Erlebnis erinnert, das einem bestimmten Symptom Sinn gab. Das erste Beispiel trug sich zu, nachdem sie sich zu trinken geweigert hatte: Sie erinnerte sich eine Frau dabei beobachtet zu haben, wie sie aus einem Glas trank, aus dem eben erst ein Hund getrunken hatte. Während des Erinnerns empfand sie heftigen Ekel … und dann wollte sie ein Glas Wasser trinken! Anders gesagt, ihr Symptom – die Vermeidung von Wasser – verschwand, sobald sie das zugrunde liegende Erlebnis erinnert hatte. Da erst empfand sie die starke Emotion, die dem Erlebnis angemessen war. Breuer nannte dies die Katharsis, abgeleitet vom griechischen Ausdruck für Reinigung.
Elf Jahre darauf schrieben Breuer und sein Assistent Sigmund Freud ein Buch über Hysterie. Darin erläuterten sie ihre Theorie: Jeder Fall von Hysterie ist das Ergebnis eines traumatischen Erlebnisses, das nicht in das Weltverständnis einer Person integriert werden kann. Die mit dem Trauma natürlicherweise verbundenen Emotionen werden nicht direkt ausgedrückt, doch sie verpuffen nicht einfach: Sie drücken sich in Verhaltensweisen aus , die in abgeschwächter Form noch eine Reaktion auf das Trauma darstellen. Diese Symptome sind somit bedeutsam. Kann der Patient sich die Bedeutung seiner Symptome bewusst machen (durch Hypnose beispielsweise), werden die unterdrückten Emotionen frei und brauchen sich nicht länger in Symptomen zu äußern. Es ist, als würde man ein Geschwür aufstechen.
Auf diese Weise wurde Anna nach und nach ihre Symptome los. Man muss darauf hinweisen, dass sie Breuer dazu brauchte: Wenn sie sich in hypnotischen Zuständen befand, musste sie nach seiner Hand tasten, bevor sie erzählen konnte, um sicher zu sein, dass er da war. Und leider tauchten bald neue Probleme auf.
Freud zufolge fiel Breuer auf, dass sie sich in ihn verliebt hatte und er sich in sie zu verlieben begann. Außerdem erzählte sie jedem, sie erwarte ein Kind von ihm. Man könnte sagen, sie wünschte es sich so sehr, dass ihr Kopf ihrem Körper sagte, sie sei wirklich schwanger; sie entwickelte eine hysterische Schwangerschaft. Als verheirateter Mann in der viktorianischen Zeit brach Breuer ihre Sitzungen sofort ab und verlor jegliches Interesse an der Hysterie. Man sollte darauf verweisen, dass neuere Forschungen darauf schließen lassen, dass viele dieser Vorkommnisse, eingeschlossen der hysterischen Schwangerschaft und Breuers abrupter Abkehr, vermutlich Freuds “Einwirkungen” auf die Wirklichkeit waren!
Freud sollte der Theorie später hinzufügen, was Breuer nicht öffentlich zugeben wollte – dass geheime sexuelle Wünsche die Wurzel all dieser hysterischen Neurosen waren.
Um Annas Geschichte zuende zu erzählen: sie verbrachte einige Zeit in einem Sanatorium. Später wurde sie eine respektierte und aktive Figur – die erste Sozialarbeiterin Deutschlands – und zwar unter ihrem echten Namen, Bertha Pappenheim. Sie starb 1936. Man wird sich an sie erinnern, nicht nur ihrer eigenen Errungenschaften wegen, sondern als Inspiration der einflussreichsten Persönlichkeitstheorie.
Zitation
Einleitung « | » Freud, Anna [1895-1982]
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