
Freud, Sigmund [1856-1939]
Die Abwehrmechanismen
Das Ich arbeitet so gut es kann an den Forderungen von Wirklichkeit, Es und Über-Ich. Wird die Angst jedoch übermächtig, muss sich das Ich verteidigen. Dies geschieht, indem die Impulse unbewusst blockiert oder in eine Form gebracht werden, die akzeptabler und weniger bedrohlich ist. Freud, seine Tochter Anna und andere haben ziemlich viele Abwehrmechanismen des Ich entdeckt.
Verleugnung bedeutet, äußere Ereignisse werden vom Bewusstsein abgeblockt. Ist eine Situation schlicht zu viel, weigert sich die Person, die Situation zu erfahren. Wie Sie sich vorstellen können, handelt es sich um einen primitiven und gefährlichen Abwehrmechanismus – niemand ignoriert die Wirklichkeit und kommt damit davon! Der Mechanismus kann allein auftreten oder, was häufiger vorkommt, in Kombination mit anderen subtileren Mechanismen, die ihn unterstützen.
Einmal las ich ein Buch, während meine fünfjährige Tochter einen Cartoon ansah (The Smurfs, glaube ich). Wie es ihre Gewohnheit war, befand sie sich sehr nah am Fernsehgerät, als eine Werbeeinblendung kam. Offensichtlich passte bei den Fernsehmachern gerade niemand auf, denn es war Werbung für einen Horrorfilm, komplett mit blutigem Messer, Hockeymaske und Angstschreien. Nun war ich nicht in der Lage, mein Kind vor diesem Horror zu beschützen, also tat ich, was jeder gute Psychologen-Vater tun würde: Ich sprach mit ihr darüber. Ich sagte zu ihr “Mann, das war ein schrecklicher Werbespot, nicht wahr?” Sie sagte “Hä?” Ich sagte, “Dieser Spot vorhin … du hast dich geängstigt, ja?” Sie entgegnete “Welcher Spot denn?” Ich antwortete, “Der Werbespot der gerade eben lief, mit dem Blut und der Maske und den Schreien…!” Meine Tochter hatte das komplette Ereignis offenbar ausgeblendet.
Seither ist mir aufgefallen, dass kleine Kinder sich irgendwie selbst mit einer Schutzglasur überziehen, wenn sie mit Dingen konfrontiert sind, mit denen sie lieber nicht konfrontiert wären. Ich habe auch schon Menschen bei Autopsien in Ohnmacht fallen sehen, Menschen leugnen den Tod eines geliebten Menschen und Studierende holen ihre Testergebnisse nicht ab. Das ist Verleugnung.
Anna Freud erwähnt auch Verleugnung in der Fantasie: Das ist wenn Kinder in ihrer Vorstellungswelt einen “bösen” Vater in einen liebenden Teddybär umwandeln oder ein hilfloses Kind in einen mächtigen Superhelden.
Repression | Verdrängung, von Anna Freud auch als motiviertes Vergessen ( motivated forgetting ) bezeichnet, ist genau das: man ist nicht in der Lage, eine bedrohliche Situation, Person oder ein bedrohliches Ereignis zu erinnern. Auch dies ist gefährlich und Bestandteil der meisten andere Abwehrmechanismen.
Als Heranwachsender entwickelte ich eine ziemlich starke Furcht vor Spinnen, besonders vor den langbeinigen Vertretern. Ich wusste nicht, woher das kam, doch als ich zum College ging, wurde die Sache recht peinlich. Im College half mir ein Studienberater, darüber hinweg zu kommen (mit einer Technik, die systematische Desensibilisierung ( systematic desensitization ) genannt wird), aber ich hatte noch immer keine Ahnung, woher das alles kam. Jahre später hatte ich einen Traum, einen besonders klaren Traum, in dem es darum ging, dass ich in meiner Kindheit von meinem Kusin in einem Schuppen hinter dem Haus meiner Großeltern eingeschlossen wurde. Der Schuppen war klein, dunkel und der erdige Boden war übersät mit – Sie haben’s erraten – langbeinigen Spinnen.
Das Freudsche Verständnis dieser Phobie ist ziemlich einfach: Ich verdrängte das traumatische Ereignis – die Geschichte im Schuppen – doch wenn ich Spinnen sah, lebte die Angst des Ereignisses auf, ohne dass die Erinnerung daran auflebte.
Es gibt unzählige weitere Beispiele. Anna Freud liefert ein Beispiel, das uns heute drollig vorkommt: Ein junges Mädchen, schuldbewusst wegen ihrer recht starken sexuellen Wünsche, neigt dazu, den Namen ihres Freundes zu vergessen, selbst als sie ihn der Familie vorstellen will! Oder ein Alkoholiker, der seinen Suizidversuch nicht erinnern kann und behauptet, er müsse einen Blackout gehabt haben. Oder jemand ist als Kind beinahe ertrunken, kann sich aber nicht an das Ereignis erinnern, selbst dann nicht, wenn andere ihn daran zu erinnern versuchen – aber er hat diese Furcht vor offenem Wasser!
Hinweis: Um ein echtes Beispiel für einen Abwehrmechanismus zu sein, sollte er unbewusst ablaufen. Mein Bruder hatte als Kind Angst vor Hunden, daran war aber kein Abwehrmechanismus beteiligt: er war von einem Hund gebissen worden und wollte die Erfahrung um keinen Preis erneut machen müssen! Gewöhnlich sind es jene irrationale Ängste, die wir als Phobien bezeichnen, welche ihren Ursprung in verdrängten Traumata haben.
Asketismus ( aseticism ) oder die Ablehnung von Bedürfnissen ist ein Abwehrmechanismus, von dem die meisten noch nie gehört haben. Heute erlangt er neue Relevanz im Zusammenhang mit dem Auftreten einer Erkrankung namens Anorexie. Wenn sie sich von ihren aufkeimenden sexuellen Bedürfnissen bedroht fühlen, neigen Präadoleszente dazu, sich unbewusst selbst zu schützen, indem sie nicht nur ihre sexuellen Bedürfnisse negieren sondern alle Bedürfnisse. Sie beginnen eine Art asketischen Lebensstil (ein Mönchsleben), wobei sie ihrem Interesse an den Dingen abschwören, die anderen Menschen Freude machen.
Bei Jungen gibt es derzeit erhebliches Interesse an der Selbstdisziplin der Kampfsportarten. Glücklicherweise werden sie vom Kampfsport nicht nur nicht (zu sehr) verletzt, er mag ihnen sogar helfen. Leider entwickeln die Mädchen unserer Gesellschaft oftmals erhebliches Interesse daran, ein exzessives und künstlich dünnes Schönheitsideal zu erreichen. Nach der Freudschen Theorie ist ihre Verneinung ihres Bedürfnisses nach Nahrung im Grunde ein Mäntelchen für ihre Verneinung ihrer sexuellen Entwicklung. Unsere Gesellschaft konspiriert mit ihnen: Was in den meisten Gesellschaften als normale Figur für eine erwachsene Frau gilt, gilt in unserer Gesellschaft als 20 Pounds (9,08kg) Übergewicht!
Anna Freud diskutiert zudem eine mildere Variante dieses Abwehrmechanismus namens restriction of ego. Hier verliert jemand das Interesse an einem Aspekt des Leben und konzentriert sich auf etwas anderes, um die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu vermeiden. Ein junges Mädchen, das von dem Objekt ihrer Zuneigung zurückgewiesen worden ist, könnte sich von femininen Dingen abwenden und eine “sexlose Intellektuelle” werden, oder ein Junge, der eine Bloßstellung vor dem Football Team befürchtet, könnte sich unerklärlicher Weise intensiv mit Gedichten auseinander setzen.
Isolation (auch Intellektualisierung) bedeutet, dass die Emotion von einer schwierigen Erinnerung oder einem bedrohlichen Impuls abgelöst wird. Jemand mag in sehr ritterlicher Manier anerkennen, dass sie/er als Kind missbraucht worden ist oder eine rein intellektuelle Neugier für ihre neu entdeckte sexuelle Orientierung zeigen. Man geht also mit etwas, das eine große Sache sein müsste, so um, als sei es kein großes Ding.
In Notfallsituationen sind viele Menschen vollendet ruhig und gesammelt bis der Notfall vorüber ist, erst dann fallen sie in sich zusammen. Irgend etwas sagt Ihnen, Sie können es sich nicht leisten, in der Notfallsituation zusammen zu brechen. Man findet es häufig, dass jemand sich total in die gesellschaftlichen Obliegenheiten vertieft, die mit dem Tod eines geliebten Menschen verbunden sind. Ärzte und Krankenhauspersonal müssen lernen, ihre natürlichen Reaktionen auf Blut, Wunden, Nadeln und Skalpelle abzutrennen und die Patienten vorübergehend so behandeln, als seien sie weniger als ein warmes, wundervolles menschliches Wesen mit Freunden und Familie. Adoleszente machen oft eine Phase durch, in der sie von Horrorfilmen besessen sind, vielleicht um mit ihren eigenen Ängsten zurecht zu kommen. Nicht verdeutlicht Isolation besser als ein Theater voller hysterisch lachender Menschen, während auf der Bühne jemand verstümmelt wird.
Verschiebung ist die Umleitung eines Impulses auf ein Ersatzziel. Wenn Sie mit dem Impuls, dem Bedürfnis, zurecht kommen, die Person aber, auf welche sich das Bedürfnis richtet, zu bedrohlich ist, können Sie es auf jemanden oder etwas verschieben, das als symbolischer Ersatz dient. Jemand, der die eigene Mutter hasst, mag diesen Hass unterdrücken, ihn aber statt dessen auf, sagen wir, Frauen insgesamt richten. Jemand, der nie Gelegenheit hatte, jemanden zu lieben, mag Katzen und Hunde als Ersatz für Menschen nehmen. Jemand, der sich mit ihrem/seinem sexuellen Verlangen nach einer anderen Person unwohl fühlt, mag einen Fetisch als Ersatz nehmen. Jemand, der von Vorgesetzten frustriert ist, mag nach hause gehen und den Hund treten oder ein Familienmitglied verprügeln.
Wendung gegen das Selbst ( turning against the self ) ist eine spezielle Form der Verschiebung, bei welcher die Person selbst Ersatzziel wird. Gewöhnlich wird dieser Abwehrmechanismus im Bezug auf Hass, Wut und Aggression statt im Bezug auf positivere Impulse verwendet und stellt die Freudsche Erklärung für viele unserer Gefühle der Minderwertigkeit, der Schuld und der Depression dar. Der Gedanke, Depression sei oft das Ergebnis des Ärgers, den wir uns anzuerkennen weigern, wird von vielen akzeptiert, von Freudianern wie von Nicht-Freudianern.
Es gab eine Zeit, als ich nicht eben in Hochform war, da verschüttete meine fünfjährige Tochter ein volles Glas Kakao im Wohnzimmer. Ich ging verbal auf sie los, sagte ihr sie sei tolpatschig und müsse lernen, vorsichtiger zu sein, und wie oft ich ihr schon gesagt hatte … nunja, Sie wissen schon. Sie stand ganz steif da mit einer Art glühendem Blick und vor allem klopfte sie sich selbst mehrfach auf den Kopf! Offenbar hätte sie lieber mir auf den Kopf geklopft, aber, naja, so etwas tut man einfach nicht, richtig? Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich mich seither schuldig fühlte.
Projektion, von Anna Freud auch als displacement outward bezeichnet, ist fast das komplette Gegenteil der Wendung gegen das Selbst. Es geht um die Neigung, die eigenen inakzeptablen Bedürfnisse in anderen Menschen zu sehen. Anders ausgedrückt, die Bedürfnisse sind noch da, aber es sind nicht länger Ihre eigenen Bedürfnisse. Ich muss gestehen, immer wenn ich höre, wie jemand sich darüber aufregt, wie aggressiv die Leute sind, oder wie pervers alle sind, neige ich zu der Überlegung, ob dieser Jemand nicht eine aggressive oder sexuelle Ader hat, die sie/er lieber nicht anerkennen will.
Lassen Sie mich Ihnen einige Beispiele nennen: Ein Ehemann, ein guter, treuer Mann, fühlt sich von der charmanten, koketten Nachbarin unwiderstehlich angezogen. Doch statt seine eigenen Lüste, die wohl schwerlich abnorm zu nennen sind, anzuerkennen, wird er immer eifersüchtiger im Bezug auf seine Gattin, ständig macht er sich Sorgen über ihre Treue und so weiter. Oder eine Frau stellt fest, dass sie vage sexuelle Gefühle für ihre Freundinnen hegt. Statt diese Gefühle als ziemlich normal anzuerkennen, macht sie sich zunehmend Sorgen darum, dass es in ihrer Gemeinde Lesben gibt.
Altruistische Selbstaufgabe ( altruistic surrender ) ist eine Form der Projektion, die auf den ersten Blick wie ihr Gegenteil ausschaut: Hier versucht die Person ihre Bedürfnisse stellvertretend zu erfüllen, und zwar durch andere Menschen.
Ein bekanntes Beispiel ist der Freund (wir alle hatten einen solchen Freund), der zwar selbst keine Beziehung will, dafür aber unentwegt andere verkuppelt, dabei ist er besonders neugierig zu erfahren, “was letzte Nacht geschehen ist” und “wie die Dinge laufen”. Das Extrembeispiel altruistischer Selbstaufgabe ist die Person, welche ihr gesamtes Leben für und durch eine andere Person lebt.
Reaktionsbildung, von Anna Freud als believing the opposite bezeichnet, bedeutet, einen inakzeptablen Impuls in sein Gegenteil zu verkehren. Ein Kind, das auf seine Mutter wütend ist, könnte sich besonders liebevoll um sie bemühen und sie geradezu theatralisch mit Zuneigung überschütten. Ein misshandeltes Kind könnte sich dem Elternteil zuwenden, von dem die Misshandlungen ausgehen. Oder jemand, der den eigenen homosexuellen Impuls nicht akzeptieren kann, könnte behaupten, Homosexuelle zu verachten.
Das vielleicht bekannteste und deutlichste Beispiel einer Reaktionsbildung findet man bei Kindern zwischen sieben und etwa elf Jahren: Die meisten Jungen werden Ihnen recht direkt mitteilen, wie ekelhaft Mädchen sind, und Mädchen werden mit ebensolcher Deutlichkeit klarmachen, wie grob Jungen sind. Erwachsene, die ihre Interaktionen beobachten, können dennoch ziemlich leicht sehen, was ihre wahren Gefühle sind!
Ungeschehenmachen meint “magische” Gesten oder Rituale, die dazu gedacht sind, unangenehme Gedanken oder Gefühle zu streichen, nachdem sie bereits aufgetreten sind. Anna Freud erwähnt beispielsweise einen Jungen, der immer das Alphabet rückwärts aufsagte, wenn er einen sexuellen Gedanken hatte, oder er drehte sich um und spuckte aus, wenn er einen Jungen traf, der seine Vorliebe für Masturbation teilte.
Bei “normalen” Menschen geschieht das Ungeschehenmachen bewusster, wir würden etwa eine Bußhandlung für eine Verhaltensweise begehen oder formal um Verzeihung bitten. Doch bei manchen Menschen ist die Wiedergutmachtungshandlung keineswegs bewusst. Denken wir an einen alkoholkranken Vater, der nach einem Jahr voller verbaler und vielleicht sogar physischer Attacken den besten und größten Christbaum für seine Kinder aufstellt! Nach den Festtagen und nachdem die Kinder seiner magischen Geste nicht so recht auf den Leim gegangen sind, kehrt er mit Klagen über die Undankbarkeit der eigenen Familie zu seinem Kneipenwirt zurück, dort klagt er darüber, dass sie ihn zum Trinken bringen.
Ein klassisches Beispiel des Ungeschehenmachens betrifft die Körperhygiene nach dem Sex: Es macht absolut Sinn, sich nach dem Sex zu waschen. Immerhin könnte man verschwitzt sein! Doch wenn jemand den Drang hat, drei- oder viermal zu duschen und grobkörnige Seife zu verwenden – dann gefällt ihr/ihm der Sex vielleicht nicht so wirklich.
Introjektion, manchmal auch als Identifikation bezeichnet, bedeutet, dass man die Charaktereigenschaften eines anderen in die eigene Persönlichkeit übernimmt, weil dies mehr emotionale Schwierigkeiten löst. Beispielsweise könnte ein Kind, das oft allein gelassen wird, irgendwie versuchen, “Mama” zu werden, um die eigenen Ängste zu verringern. Sie ertappen solche Kinder manchmal dabei, wie sie ihren Puppen oder Plüschtieren sagen, sie bräuchten sich nicht zu fürchten. Und wir finden diesen Abwehrmechanismus bei den älteren Kindern oder Teenagern, die in dem Bemühen, eine Identität aufzubauen, den favorisierten Schauspieler, Musiker oder Sportler imitieren.
Ein ungewöhnlicheres Beispiel ist eine Frau, die im Haus neben meinen Großeltern wohnte. Ihr Ehemann war verstorben und sie begann, seine Kleidung zu tragen, wohlgemerkt auf ihre Körpermaße umgeschneidert. Sie nahm einige seiner Gewohnheiten an, rauchte zum Beispiel Pfeife. Obwohl die Nachbarn das alles seltsam fanden und sie als “die Mann-Frau” bezeichneten, litt sie nicht an einer Verwirrung ihrer sexuellen Identität. Tatsächlich nämlich heiratete sie später erneut, behielt indes bis zuletzt die Anzüge und Pfeifen ihrer Männer!
Ich muss an dieser Stelle hinzufügen, dass Identifikation in der Freudschen Theorie ein sehr wichtiger Mechanismus ist, durch welchen wir unser Über-Ich entwickeln.
Identifizierung mit dem Angreifer ist eine Version der Introjektion, die sich auf das Annehmen nicht der allgemeinen oder positiven Merkmale, sondern der negativen oder gefürchteten Merkmale richtet. Wenn Sie sich vor jemandem fürchten, können Sie dieser Furcht teilweise beikommen, indem Sie mehr wie diese Person werden. Zwei meiner Töchter, die mit einer besonders launischen Katze aufwuchsen, konnte man oft dabei beobachten, wie sie miauten, fauchten, spuckten und einen Buckel machten, um die besagte Katze davon abzuhalten, aus einem Schrank oder einer dunklen Ecke hervor zu springen und auf ihre Knöchel loszugehen.
Ein dramatischeres Beispiel wird als Stockholm Syndrom bezeichnet. Nach einer Entführung in Stockholm waren Psychologen überrascht, als sie herausfanden, dass die Entführungsopfer nicht nur nicht so schrecklich wütend auf die Entführer waren, sondern ihnen oftmals geradezu Sympathie entgegen brachten. Bei einem neueren Vorkommnis geht es um eine junge Frau namens Patty Hearst, ein Mitglied der wohlhabenden und einflussreichen Hearstfamilie. Sie wurde von einer sehr kleinen Gruppe selbsternannter Revolutionäre entführt, die sich als Symbionese Liberation Army bezeichneten. Sie wurde in Schränken versteckt gehalten, vergewaltigt und anderweitig misshandelt. Doch sie entschied sich offenbar, sich ihnen anzuschließen, sie fertigte kleine Propagandafilme für sie an und fuchtelte während eines Bankraubs sogar mit einer Maschinenpistole herum. Als sie später vor Gericht stand, waren Psychologen der festen Überzeugung, sie sei ein Opfer, keine Kriminelle. Sie wurde dennoch wegen des Bankraubs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach zwei Jahren wurde ihre Strafe von Präsident Carter umgewandelt.
Regression ist eine psychologische Rückentwicklung, die auftritt, wenn man Stress ausgesetzt ist. Wenn wir Probleme haben oder uns fürchten, wird unser Verhalten oft kindlicher oder primitiver. Ein Kind, das für einige Zeit im Krankenhaus bleiben muss, könnte wieder anfangen, am Daumen zu lutschen oder sich einzunässen. Teenager könnten unkontrolliert Kichern, wenn sie in eine gesellschaftliche Situation kommen, in der das andere Geschlecht eine Rolle spielt. Ein Freshman im College mag vielleicht ein altes Spielzeug von daheim brauchen. Eine Ansammlung zivilisierter Menschen mag zum gewalttätigen Mob werden, wenn sie der Auffassung sind, dass es um ihr Leben geht. Oder ein alter Mann, der nach zwanzig Jahren Dienst abserviert wird, mag sich auf seinen Sessel zurückziehen und in kindlicher Weise von seiner Frau abhängig werden.
Wohin ziehen wir uns zurück, wenn wir Stress erfahren? Nach Freuds Theorie begeben wir uns in die letzte Phase im Leben, in der wir uns sicher fühlten.
Rationalisierung ist die kognitive Verzerrung der “Fakten”, um ein Ereignis oder einen Impuls weniger bedrohlich zu machen. Wir verfahren oft genug auf ziemlich bewusster Ebene so, indem wir uns mit Entschuldigungen versorgen. Doch für manche Menschen mit sensiblem Ich finden sich die Entschuldigungen so leicht, dass sie sich dessen niemals wirklich bewusst sind. Anders ausgedrückt sind viele von uns geradezu darauf vorbereitet, eigene Lügen zu glauben.
Ein hilfreicher Weg die Abwehrmechanismen zu verstehen besteht darin, sie als Kombination von Verneinung oder Verdrängung mit verschiedenen Arten der Rationalisierung zu betrachten. Alle Abwehrmechanismen sind selbstverständlich Lügen, selbst wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind. Doch das macht sie nicht weniger gefährlich – tatsächlich nämlich macht es sie sogar gefährlicher. Wie Ihre Großmutter Ihnen gesagt haben mag, “Oh what a tangled web we weave …” Lügen bringen Lügen hervor und führen uns immer weiter von der Wahrheit weg, von der Realität weg. Nach einer Weile kann das Ich nicht mehr den Ansprüchen des Es nachkommen oder auf die Ansprüche des Über-Ich eingehen. Die Ängste stürzen auf uns ein und wir brechen zusammen.
Und dennoch hielt Freud die Abwehrmechanismen für notwendig. Man kann kaum von einem Menschen, geschweige denn von einem Kind, erwarten, dass die Schmerzen und Kümmernisse des Lebens in vollem Umfang angenommen werden! Während einige seiner Gefolgsleute meinten, alle Abwehrmechanismen ließen sich positiv nutzen, meinte Freud selbst, es gebe einen positiven Abwehrmechanismus, den er als Sublimierung bezeichnete.
Sublimierung ist die Transformation eines inakzeptablen Impulses, sei es Sex, Wut, Angst oder was auch immer, in eine gesellschaftlich akzeptable, ja sogar produktive Form. So könnte jemand mit einem hohen Maß an Feindseligkeit Jäger werden, Schlachter, Football-Spieler oder Söldner. Jemand, der angesichts einer verwirrenden Welt an gesteigerter Angst leidet, könnte Organisator werden, Geschäftsperson oder Wissenschaftler. Jemand mit mächtigen sexuellen Bedürfnissen könnte Künstler, Photograph oder Schriftsteller werden und so fort. Für Freud galten kreative Aktivitäten als Sublimierungen, vornehmlich des Sexualtriebes.
Zitation
Einleitung « | » Freud, Anna [1895-1982]
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