
Freud, Sigmund [1856-1939]
Die Entwicklungsphasen
Wie ich zuvor schon erwähnte, war der Sexualtrieb nach Freuds Ansicht die wichtigste motivierende Kraft. Tatsächlich ging Freud davon aus, dass es nicht nur für Erwachsene die vorrangige motivierende Kraft sei, sondern auch für Kinder und sogar Kleinkinder. Als er seine Theorie der infantilen Sexualität der Wiener Öffentlichkeit seiner Zeit vorstellte, war man dort kaum darauf vorbereitet, über die Sexualität Erwachsener zu sprechen, von kindlicher Sexualität ganz zu schweigen!
Es ist wahr, dass die Orgasmusfähigkeit neurologisch von Geburt an vorhanden ist. Doch Freud sprach nicht nur vom Orgasmus. Sexualität bedeutete nicht nur Geschlechtsverkehr, sondern jegliche angenehme Empfindung der Haut. Selbst die Prüdesten unter uns müssen zugeben, dass Babys, Kinder und natürlich auch Erwachsene taktile Erfahrungen genießen, etwa Streicheln, Küssen und so weiter.
Freud stellte fest, dass uns in verschiedenen Phasen unseres Lebens bestimmte Hautpartien die größte Lust bereiten. Später sollten Theoretiker diese als erogene Zonen bezeichnen. Freud kam es so vor, als empfände das Kleinkind die größte Lust beim Lutschen, insbesondere beim Saugen an der Brust. Und tatsächlich nehmen Babys ja alles, was in ihrer Reichweite ist, in den Mund. Etwas später im Leben konzentriert sich das Kind auf die anale Lust, die im Festhalten und Loslassen besteht. Im Alter von drei oder vier Jahren mag das Kind das Berühren oder Reiben der Genitalien als Lustquelle entdeckt haben. Erst später, im Zustand sexueller Reife, empfinden wir die größte Lust beim Geschlechtsverkehr. Aus diesen Beobachtungen entstand Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung.
Die orale Phase dauert vom Zeitpunkt der Geburt bis etwa zum 18. Monat an. Das Lustzentrum ist natürlich der Mund. Saugen und Beißen sind die bevorzugten Handlungen.
Die anale Phase dauert etwa vom 18. Monat bis zum Alter von drei oder vier Jahren. Das Lustzentrum ist der Anus. Zurückhalten und Ausscheiden werden als große Lustempfindung erlebt.
Die phallische Phase dauert vom dritten oder vierten bis zum fünften, sechsten oder siebten Lebensjahr. Das Lustzentrum sind die Genitalien. Masturbation ist gebräuchlich.
Die Latenzphase dauert vom fünften, sechsten oder siebten Lebensjahr bis zur Pubertät, also etwa bis zum Alter von 12 Jahren. Während dieser Phase, so nahm Freud an, wird der sexuelle Impuls zugunsten des Lernens unterdrückt. Ich muss anmerken, dass die meisten Grundschulkinder zwar sexuell recht ruhig sind, etwa ein Viertel aber ist ziemlich damit beschäftigt zu masturbieren und Doktorspiele zu spielen. In Freuds eher repressiver Ära waren Kinder diesen Alters zumindest ruhiger als dies heute der Fall ist.
Die genitale Phase beginnt in der Pubertät und repräsentiert das Wiederauftauchen des Sexualtriebes in der Adoleszenz, hier liegt der Fokus spezifischer auf Geschlechtsverkehr. Freud meinte, dass Masturbation, Oralverkehr, Homosexualität und andere Praktiken, die wir für Erwachsene als angemessen betrachten, unreifes Verhalten darstellten.
Hier handelt es sich um ein echtes Phasenmodell, denn Freud ging davon aus, dass wir alle die Entwicklungsphasen in dieser Reihenfolge und recht nah an den zeitlichen Markierungen orientiert durchlaufen.
Die ödiale Krise
Zu jeder Phase gehören bestimmte schwierige Aufgaben, die das Auftauchen von Problemen wahrscheinlicher machen. Für die orale Phase ist es die Entwöhnung. Für die anale Phase ist es die Reinlichkeitserziehung. Für die phallische Phase ist es die ödipale Krise, benannt nach dem antiken griechischen König Ödipus, der seinen Vater umbrachte und die Mutter heiratete.
Und so funktioniert die ödipale Krise: Unser erstes Liebesobjekt ist die Mutter. Wir wollen ihre Aufmerksamkeit, ihre Zuneigung, ihre Zärtlichkeit, wir wollen sie in sexueller Hinsicht – im weitesten Sinne. Doch für den Jungen ist der Vater der Rivale im Kampf um die Zuneigung der Mutter! Der Vater ist größer, stärker, klüger, und er schläft mit der Mutter, während Junior allein in seinem Bett bleibt. Papa ist der Feind.
Wenn der kleine Junge diese archetypische Situation erkennt, sind ihm einige der subtileren Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bereits bekannt, und dabei geht es nicht um die Haarlänge und die Klamotten. Von einem kindlichen Standpunkt aus besteht der Unterschied darin, dass er einen Penis hat und die Mädchen nicht. Für das Kind gilt es als besser, etwas zu haben, als etwas nicht zu haben, deshalb freut es sich, dass die Dinge so sind wie sie sind.
Doch dann entsteht die Frage: Wo ist der Penis des Mädchens? Vielleicht hat sie ihn irgendwie verloren. Vielleicht wurde er abgeschnitten. Vielleicht könnte ihm das auch passieren! Das ist der Beginn der Kastrationsangst, eine seltsam üble Bezeichnung für die Angst, den eigenen Penis zu verlieren.
Um zur Geschichte zurück zu kehren: Wenn der Junge die Übermacht des Vaters anerkennt und sich um seinen eigenen Penis sorgt, kommen einige seiner Abwehrmechanismen zum Einsatz: Er verschiebt seinen sexuellen Impuls von der Mutter hin zu Mädchen und später zu Frauen; und er identifiziert sich mit dem Aggressor, Papa, und versucht ihm immer mehr zu gleichen, also ein Mann zu werden. Nach einigen Jahren der Latenz beginnt die Adoleszenz und damit die Welt erwachsener Heterosexualität.
Auch das Mädchen ist zu Beginn in die Mutter verliebt, da besteht das Problem, dass sie ihre Zuneigung auf den Vater übertragen muss, bevor die ödipalen Prozesse stattfinden können. Freud gelingt dies mit der Theorie des Penisneids: Auch das kleine Mädchen hat den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen erkannt und meint nun, dass es irgendwie nicht hinreichend ausgestattet ist. Sie hätte auch gerne einen Penis und damit all die Macht, die damit assoziiert ist. Sie hätte wenigstens gern einen Ersatz für den Penis, ein Baby nämlich. Wie jedes Kind weiß, braucht man einen Vater und eine Mutter, um ein Kind zu haben, also konzentriert sich das kleine Mädchen auf Papa.
Papa ist natürlich schon vergeben. Das kleine Mädchen verschiebt seine Bedürfnisse von ihm auf Jungen und später auf Männer und identifiziert sich mit Mama, der Frau also, die den Mann bekommen hat, den es selbst gern hätte. Wir stellen fest, dass hier etwas fehlt: Das Mädchen leidet nicht unter der mächtigen Kastrationsangst, da sie nicht verlieren kann, was sie nicht hat. Freud stellte es so dar, dass das Fehlen dieser großen Angst die Ursache dafür ist (so sah er es), dass Frauen sowohl weniger heterosexuell sind als Männer als auch weniger moralisch eingestellt.
Bevor sich nun jemand über diese nicht eben charmante Darstellung weiblicher Sexualität aufregt, kann ich beruhigen: es haben sich schon viele dazu geäußert. Ich werde ihre Einwände im Abschnitt Diskussion behandeln.
Zitation
Einleitung « | » Freud, Anna [1895-1982]
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