
Fromm, Erich [1900-1980]
Das gesellschaftlich Unbewusste
Doch unsere Familien reflektieren im Grunde unsere Gesellschaft und Kultur. Fromm betonte, dass wir unsere Gesellschaft mit der Muttermilch aufnehmen. Sie ist uns so nah, dass wir gern vergessen, dass unsere Gesellschaft nur einer von unzähligen Wegen ist, mit den Aufgaben des Lebens umzugehen. Wir denken oft, unsere Art zu handeln sei der einzige Weg, der natürliche Weg. Wir haben so gut gelernt, dass alles unbewusst ist – das gesellschaftlich Unbewusste, um genau zu sein. So kommt es, dass wir oftmals nur Befehle ausführen, an die wir so sehr gewöhnt sind, dass wir sie nicht mehr als solche wahrnehmen, dabei denken wir aber, wir handelten im Einklang mit unserem eigenen freien Willen.
Fromm ist der Auffassung, das gesellschaftliche Unbewusste sei am besten zu verstehen, wenn man die wirtschaftlichen Systeme untersucht. Er definiert und benennt sogar fünf Persönlichkeitstypen, die er Orientierungen nennt, mit wirtschaftlichen Begriffen! Wer möchte, kann sogar einen Persönlichkeitstest machen, der aus Listen von Adjektiven besteht, welche Fromm zur Beschreibung seiner Orientierungen verwendet hat.
1. Die rezeptive Orientierung ( receptive orientation ) Das sind Menschen, die erwarten, das zu bekommen, was sie brauchen. Wenn sie es nicht sofort bekommen können, warten sie darauf. Sie glauben, alle Güter und Befriedigungen kämen von außerhalb ihrer selbst. Dieser Typ ist in der Landbevölkerung am verbreitetsten. Man findet ihn auch in Kulturen, die besonders viele natürliche Ressourcen haben, so dass man nicht hart arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern (obwohl die Natur ihr Geschenk auch plötzlich zurückziehen kann!). Zudem findet man diesen Typ auch in der untersten Schicht jeder Gesellschaft: Sklaven, Familien, die von Sozialhilfe leben, Migranten … sie alle leben von der Gnade anderer.
Diese Orientierung wird mit symbiotischen Familien assoziiert, insbesondere mit Konstellationen, in denen die Kinder von den Eltern “verschluckt” werden, sowie mit der masochistischen (passiven) Form des authoritarianism. Sie ähnelt Freuds oral passiver, Adlers leaning-getting und Horneys compliant personality. In extremer Ausprägung kann diese Orientierung mit Adjektiven wie unterwürfig und sehnsuchtsvoll charakterisiert werden. In moderater Form sind Adjektive wie hinnehmend und optimistisch angebrachter.
2. Die ausbeutende Orientierung ( exploitative orientation ) Diese Menschen gehen davon aus, dass sie sich nehmen müssen, was sie brauchen. Was sie von anderen Menschen genommen haben, hat für sie sogar noch höheren Wert: Reichtum ist bevorzugt gestohlener Reichtum, Ideen sind plagiarisiert, Liebe erzwungen. Dieser Typ herrschte unter den Mitgliedern der Aristokratie vergangener Jahrhunderte sowie in den höheren gesellschaftlichen Schichten der Kolonialreiche vor. Denken wir nur an die Briten in Indien: Ihre Position basierte vollkommen auf ihrer Macht, den Einheimischen etwas zu nehmen. Zu ihren charakteristischen Qualitäten zählt die Fähigkeit, sich wohl dabei zu fühlen, wenn sie andere herumkommandieren! Wir können diesen Typ auch in Populationen finden, die sich durch Raubzüge bereichern, etwa bei den Wikingern.
Die ausbeutende Orientierung wird mit der “verschluckenden” Seite in einer symbiotischen Familie sowie mit dem masochistischen Stil des authoritarianism verbunden . Sie entspricht Freuds oral-aggressivem, Adlers herrschend-dominantem und Horneys aggressivem Typ. In extremer Ausprägung sind diese Menschen aggressiv, eingebildet und verführend. Mit gesünderen Qualitäten vermischt, sind sie bestimmend, stolz und einnehmend.
3. Die hortende Orientierung ( hoarding orientation ) Hortende Menschen erwarten, alles zu erhalten. Sie betrachten die Welt im Bezug auf Besitz und potentiellen Besitz. Sogar geliebte Menschen sind für sie Dinge, die man besitzt, behält oder kauft. Mit Referenz zu Karl Marx verbindet Fromm diesen Typ mit dem Bürgertum, den Kaufleuten der Mittelklasse sowie der wohlhabenden Landbevölkerung und den Handwerkern. Er assoziiert ihn insbesondere mit der protestantischen Arbeitsethik und zum Beispiel mit den nordamerikanischen Puritanern.
Das Horten ist mit der kalten Form der sich zurückziehenden Familie sowie mit Zerstörungswünschen assoziiert. Ich könnte noch hinzufügen, dass es auch eine klare Verbindung zum Perfektionismus gibt. Freud hätte dies als anal-retentiven Typen bezeichnet, Adler (in gewissem Maße) als vermeidenden Typ und Horney (etwas deutlicher) als withdrawing type. In reiner Form bedeutet es, dass Sie stur, geizig und phantasielos sind. In milderer Form sind diese Menschen standhaft, ökonomisch und praktisch veranlagt.
4. Die marketing Orientierung ( marketing orientation ) Diese Orientierung ist darauf ausgerichtet, zu verkaufen. Erfolg ist eine Frage der eigenen Fähigkeit, sich zu verkaufen, zu verpacken, für sich selbst zu werben. Meine Familie, Schulausbildung, Jobs, meine Klamotten – alles Werbung und alles muss “richtig” sein. Auch die Liebe wird als Transaktion betrachtet. Diese Orientierung beschäftigt sich auch mit dem Ehevertrag, in dem festgelegt wird, wer wem was und wie viel zukommen lässt. Hält einer der Partner sich nicht an die Vereinbarung, ist die Heirat nichtig – keine Boshaftigkeiten (vielleicht können wir Freunde bleiben!). Nach Fromm ist das die Orientierung der modernen Industriegesellschaft. Das ist unsere Orientierung!
Dieser moderne Typ entspringt der kühlen withdrawing family und neigt dazu, die automaton conformity als Flucht vor der Freiheit zu nutzen. Adler und Horney haben hierzu keinen entsprechenden Typ entwickelt, doch Freud vielleicht: dies ist zumindest eine Hälfte der vagen phallischen Persönlichkeit. In extremer Ausprägung sind Menschen dieser Orientierung opportunistisch, kindisch, taktlos. Weniger extrem sind sie jugendlich, zielstrebig, sozial. Ich möchte auf die heutigen Wertvorstellungen hinweisen, die uns die Massenmedien vorgeben: Mode, Fitness, ewige Jugend, Abenteuer, Mut, Innovation, Sexualität… es sind die Interessen der “Yuppies” und ihrer weniger wohlhabenden Bewunderer. Die Oberfläche ist alles! Lass uns zum Bungee-Jumping gehen!
5. Die produktive Orientierung ( productive orientation ) Es gibt auch eine gesunde Persönlichkeit, die Fromm gelegentlich als Mensch ohne Maske bezeichnet. Dies sind Menschen, die nicht vor Freiheit oder Verantwortung zurückschrecken, und dabei ihre biologische und soziale Natur nicht verleugnen. Sie kommen aus einer Familie, die liebt, ohne das Individuum zu überwältigen, eine Familie, die Vernunft den Regeln und Freiheit der Konformität vorzieht.
Die Gesellschaft, die den produktiven Typ hervorbringt (und zwar mehr als nur zufällig), existiert noch nicht, so Fromm. Aber er hat eine Vorstellung davon, wie diese Gesellschaft aussehen würde. Er bezeichnet sie als humanistisch kommunitären Sozialismus ( humanistic communitarian socialism ). Das ist schon allerhand, zudem besteht die Bezeichnung aus Begriffen, die in den USA nicht besonders populär sind, doch lassen Sie mich erklären: Humanistisch bedeutet, an den Menschen orientiert, nicht an einer höheren Einheit – also nicht der übermächtige Staat oder eine spezielle Konzeption von Gott. Kommunitär bedeutet aus kleinen Gesellschaften zusammengesetzt, im Gegensatz zu großen Regierungen oder Korporationen. Sozialismus bedeutet, dass jeder für das Wohlergehen jedes Mitmenschen verantwortlich ist. Versteht man die Bezeichnung vor dem Hintergrund dieser Definitionen, kann man Fromms Idealismus wohl kaum noch diskutieren!
Fromm sagt, die ersten vier Orientierungen (die andere vielleicht als neurotisch bezeichnet hätten) leben im Besitzmodus ( having mode ). Sie konzentrieren sich darauf, zu konsumieren, zu erlangen, zu besitzen … Sie definieren sich über das, was sie haben. Fromm sagt auch, dass “ich habe es” in “es hat mich” umschlagen kann, so dass wir von unseren Besitztümern beherrscht werden!
Auf der anderen Seite lebt die produktive Orientierung im Seinsmodus ( being mode ). Was Sie sind, definiert sich über Ihre Handlungen in dieser Welt. Sie leben ohne Maske, erleben das Leben, setzen sich zu anderen Menschen in Beziehung, sind Sie selbst.
Fromm meint, die meisten Menschen haben sich so an den Besitzmodus gewöhnt, dass sie das Wort “haben” auch dazu verwenden, ihre Probleme zu umschreiben “Doktor, ich habe ein Problem: Ich habe Schlafstörungen. Obwohl ich ein schönes Zuhause, wunderbare Kinder und eine glückliche Ehe habe, habe ich viele Sorgen.” Dieser Mensch will, dass der Therapeut die schlechten Sachen einfach entfernt und ihm die guten übrig lässt, das ist in etwa so, als bitte man einen Chirurgen, die Gallenblase zu entfernen. Was wir statt dessen sagen könnten, wäre zum Beispiel: “Ich bin besorgt. Ich bin glücklich verheiratet, aber dennoch kann ich nicht schlafen …” Indem man sagt, man habe ein Problem, vermeidet man nämlich die Tatsache, dass man selbst das Problem ist – i.e. man vermeidet wieder, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Zitation
Horney, Karen [1885-1952] « | » Skinner, B. F. [1904-1990]
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.



