Horney, Karen [1885-1952]

Diskussion

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als haben Karen Horney Adlers beste Ideen geklaut. Es ist zum Beispiel klar, dass ihre drei Copingstrategien sehr eng an Adlers drei Typen angelehnt sind. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass sie von Adler beeinflusst worden ist. Doch wenn man sich anschaut, wie sie ihre drei Strategien entwickelt hat – indem sie nämlich Gruppen neurotischer Bedürfnisse zusammenlegte – erkennt man, dass sie einfach von einem anderen Zugang aus zu ähnlichen Ergebnissen gelangte. Keine Frage, dass Adler und Horney (und Fromm und Sullivan) eine inoffizielle Schule der Psychiatrie bilden. Sie werden oft als Neofreudianer bezeichnet, obgleich das nicht wirklich zutreffend ist. Leider ist eine andere verbreitete Bezeichnung “die Sozialpsychologen”, was ebenso unzutreffend bleibt, weil dieser Begriff bereits für eine ganze Studienrichtung reserviert ist.

Ich muss darauf hinweisen, dass Horneys Self-Theory Adlers Theorie der Differenzen zwischen gesundem und neurotischem Streben nach Perfektion bereichert, und (um ein wenig vor zu greifen) wie ähnlich diese Annahmen denen von Carl Rogers sind. Ich habe oft den Eindruck, dass wir uns einer wertvollen Sache nähern, wenn verschiedene Menschen relativ unabhängig voneinander ähnliche Ideen entwickeln – das ist meist ein sehr gutes Zeichen!

Karen Horney hatte weitere interessante Ideen, die hier Erwähnung finden sollen. Zum einen kritisierte sie Freuds Idee des Penisneids. Zwar räumte sie ein, dass dieses Phänomen bei neurotischen Frauen vorkommen kann, war allerdings der Überzeugung, dass es weit von einer universalen Gesetzmäßigkeit entfernt sei. Vielmehr schlug sie vor, was als Anzeichen für Penisneid gelten könnte, sei eher im Neid auf die Macht der Männer in dieser Welt begründet.

Sie ging sogar davon aus, dass es bei einigen Männern, die Frauen um die Fähigkeit, Kinder zu gebären, beneiden, ein männliches Pendant zum Penisneid geben könnte – Neid auf den Mutterleib ( womb envy ). Vielleicht soll das Streben der Männer nach Erfolgen und dem Fortbestand ihres Namens nach ihrem Tod ihre Unfähigkeit kompensieren, sich unmittelbarer in der Zukunft zu verankern, indem sie etwa ihre Kinder austragen, gebären und stillen!

Eine zweite Idee, die Karen Horney entwickelt hat, die aber bislang nur wenig Aufmerksamkeit in der psychologischen Gesellschaft findet, ist die der Selbstanalyse ( self-analysis ). Eines ihrer frühesten Werke war ein “Selbsthilfe”-Buch, in welchem sie die Auffassung vertritt, dass wir bei relativ geringfügigen neurotischen Schwierigkeiten unsere eigenen Psychiater sein können. Es ist leicht nachzuvollziehen, inwiefern diese Vorstellung einige der zarten Egos bedrohen mag, die ihren Lebensunterhalt als Therapeuten verdienen! Ich bin immer überrascht angesichts der negativen Reaktionen einiger meiner Kollegen, die sich über Menschen wie die berühmte Psychologie-Kolumnistin Joyce Brothers aufregen. Offenbar ist es so, dass Ihre Arbeit als Populärpsychologie (“pop-psych”) abgetan wird, wenn Sie nicht innerhalb der offiziellen Richtlinien arbeiten.

Die negative Anmerkung, die ich zu Karen Horney machen kann, ist dass ihre Theorie sich auf neurotische Personen beschränkt. Sie lässt nicht nur Psychotiker und andere Problemkonstellationen außer Acht, sondern beschäftigt sich auch nicht mit den wirklich gesunden Menschen. Da sie aber Neurose und Gesundheit als auf einem Kontinuum liegend begreift, spricht sie damit den Neurotiker in jedem von uns an.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Horney, Karen [1885-1952], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/horney

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