Horney, Karen [1885-1952]

Biographie

Karen Horney ist am 16. September 1885 als Tochter von Clotilde und Berndt Wackels Danielson geboren. Ihr Vater war Kapitän eines Schiffes, ein religiöser und autoritärer Mann. Seine Kinder nannten ihn the Bible thrower (jemand der mit der Bibel nach anderen wirft), weil er genau das tat, so seine Tochter Karen! Ihre Mutter trug den Spitznamen Sonni, eine ganz andere Person – Berndts zweite Ehefrau, 19 Jahre jünger als ihr Mann und bei weitem urbaner orientiert. Karen hatte einen älteren Bruder, der auch Berndt hieß; sie mochte ihn sehr, ebenso wenig die vier älteren Geschwister, die aus der vorherigen Ehe des Vaters hervorgegangen waren.

Karen Horneys Kindheit scheint von einer Art falscher Wahrnehmung der Wirklichkeit geprägt zu sein: Sie zeichnet zum Beispiel ein Bild von ihrem Vater als einem strengen Zuchtmeister, der ihren Bruder Berndt mehr liebte als Karen, dennoch aber brachte er seiner Tochter Geschenke aus der ganzen Welt mit und sie begleitete ihn sogar auf einer Seereise – zu dieser Zeit war es sehr ungewöhnlich, dass ein Schiffskapitän so etwas tat! Dennoch aber fühlte sich Karen benachteiligt, als fehle es ihr an Zuwendung seitens des Vaters, daher fühlte sie sich besonders der Mutter eng verbunden, und wurde her little lamb (ihr kleines Lamm), wie sie sich ausdrückte.

Im Alter von neun Jahren änderte Karen ihre Einstellung zum Leben und wurde ehrgeizig, sogar rebellisch. Sie sagte “If I couldn’t be pretty, I decided I would be smart” (Wenn ich nicht schön sein konnte, entschied ich mich, klug zu sein), das Ungewöhnliche daran aber ist, dass sie wirklich hübsch war! Während dieser Zeit verknallte sie sich zudem in ihren eigenen Bruder. Beschämt von ihren Aufmerksamkeiten, wie es von einem Teenager zu erwarten ist, wies ihr Bruder sie aber von sich. Dies führte zu einem ersten depressiven Anfall – ein Problem, das sie für den Rest ihres Lebens nicht loswerden würde.

Im frühen Erwachsenenalter kamen Jahre voller Stress auf Karen zu. 1904 ließ sich die Mutter scheiden und verließ den Vater zusammen mit Karen und Berndt. 1906 begann Karen an der medizinischen Hochschule zu studieren, obwohl dies gegen die Wünsche ihrer Eltern und auch gegen den guten Ton in der Gesellschaft dieser Zeit war. Während des Studiums lernte sie den Jurastudenten Oscar Horney kennen, den sie 1909 heiratete. 1910 brachte Karen ihre erste von drei Töchtern zur Welt, Brigitte. 1911 starb Karens Mutter Sonni. Diese Ereignisabfolge war für Karen so belastend, dass sie sich einer Psychoanalyse unterzog.

Wie Freud es hätte vorhersehen können, hatte Karen einen Mann geheiratet, der ihrem Vater nicht unähnlich war: Oscar war autoritär und streng zu seinen Kindern, wie der Kapitän zu seinen Kindern. Horney merkt an, dass sie nicht dazwischen gegangen sei, sondern die Atmosphäre als positiv für ihre Kinder empfunden hätte, da so deren Unabhängigkeit unterstützt würde. Erst viele Jahre später änderte Karen im Nachhinein ihre Einstellung zur Kindeserziehung.
1923 zerfiel Oskars Geschäft und er erkrankte an Meningitis. Er wurde zu einem gebrochenen Mann, verdrießlich und streitsüchtig. 1923 starb Karens Bruder im Alter von 40 Jahren an einer Lungenentzündung. Karen war so depressiv, dass sie sich mit Suizidgedanken trug.

Karen zog 1926 mit ihren Töchtern Oskars Haus aus und zog vier Jahre später in die USA, wo sie sich in Brooklyn niederließ. Heute mag das seltsam klingen, aber in den dreißiger Jahren war Brooklyn die intellektuelle Hauptstadt der Welt, zumeist wegen der vielen jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland. Hier fand Karen Horney Freunde wie die Intellektuellen Erich Fromm und Harry Stack Sullivan, mit ersterem hatte sie sogar eine Affäre. In Brooklyn hat sie auch ihre Theorien zur Neurose entwickelt, basierend auf ihren Erfahrungen als Psychotherapeutin. Sie praktizierte, unterrichtete und schrieb bis zu ihrem Tod 1952.

Theorie

Horneys Theorie ist die vielleicht beste Theorie der Neurosen, die wir haben. Zunächst schlug sie eine andere Sichtweise im Bezug auf Neurosen vor. Anders als vorherige Theoretiker, stellte sie die Kontinuität im normalen Leben heraus. Insbesondere betrachtete sie die Neurose als einen Versuch, das Leben erträglicher zu machen, als eine Form von interpersonaler Kontrolle und Coping ( interpersonal control and coping ). Natürlich ist dies genau das, was wir alle tagtäglich zu tun versuchen, nur scheint es den meisten von uns zu glücken, während die an einer Neurose Erkrankten zunichte zu gehen scheinen.

Vor dem Hintergrund ihrer klinischen Erfahrungen unterschied Karen Horney zehn einzelne Muster neurotischer Bedürfnisse. Sie basieren auf Dingen, die wir alle brauchen, doch durch die Schwierigkeiten im Leben einiger Menschen sind diese Bedürfnisse in verschiedenster Weise verzerrt worden:

Nehmen wir als Beispiel das erste Bedürfnis nach Zuwendung ( affection ) und Anerkennung ( approval ).
Wir alle brauchen Zuwendung, was aber lässt dieses Bedürfnis neurotisch werden? Zunächst ist das Bedürfnis unrealistisch, sinnlos, willkürlich. Wir brauchen beispielsweise alle Zuwendung, doch wir fordern sie nicht von jedem beliebigen Menschen ein, der uns über den Weg läuft. Nicht einmal von unseren engen Freunden und Verwandten erwarten wir, mit Zuwendung überschüttet zu werden. Wir erwarten nicht von denen, die wir lieben, dass sie uns die ganze Zeit unter allen Umständen Zuwendung schenken. Zum Beispiel wenn unsere Partner gerade an der Steuererklärung arbeiten, erwarten wir keine derartigen Liebesbeweise. Und zudem erkennen wir, dass es im Leben Zeiten geben kann, in denen wir unabhängig sein müssen.

Zweitens ist das Bedürfnis einer neurotischen Person weit intensiver, und es entsteht überwältigende Angst, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden oder wenn es auch nur den Anschein hat, als würden die Bedürfnisse in Zukunft nicht mehr erfüllt werden. So kommt die unrealistische Note des Bedürfnisses zustande. Um das Beispiel wieder aufzunehmen, muss Zuwendung zu jeder Zeit klar und deutlich gezeigt werden unter allen Umständen und von allen Menschen, anderenfalls entsteht Panik. Eine neurotische Person hat dem Bedürfnis eine viel zu zentrale Stellung in ihrer Existenz gegeben.

Im Folgenden die neurotischen Bedürfnisse:

1. Das neurotische Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung, das unterschiedslose Bedürfnis, anderen zu gefallen und von ihnen gemocht zu werden.

2. Das neurotische Bedürfnis nach einem Partner, nach jemandem, der das eigene Leben in Besitz nimmt. Darin eingeschlossen ist die Vorstellung, dass Liebe alle Probleme lösen wird. Doch wir alle wünschen uns einen Partner, mit dem wir unser Leben teilen können, eine neurotische Person hingegen geht einen oder auch zwei Schritte zu weit.

3. Das neurotische Bedürfnis, das eigene Leben durch enge Grenzen zu beschränken, keine Forderungen zu stellen, mit wenig zufrieden und unauffällig zu sein. Auch hierzu gibt es eine gesunde Variante. Wer hat nicht schon das Bedürfnis verspürt, das eigene Leben simpler zu gestalten, wenn es zu viel Stress gibt; das Bedürfnis, ins Kloster zu gehen, in der Routine zu verschwinden oder in den Mutterleib zurück zu kehren?

4. Das neurotische Bedürfnis nach Macht, nach Kontrolle über andere, nach einer Fassade der Omnipotenz. Wir alle suchen nach Stärke, doch eine neurotische Person sucht geradezu verzweifelt danach. Hier handelt es sich um Dominanz um ihrer selbst willen, oft gepaart mit Abscheu gegenüber den Schwachen, sowie mit unerschütterlichem Glauben an die eigenen rationalen Kapazitäten.

5. Das neurotische Bedürfnis, andere auszubeuten und Nutzen aus ihnen zu ziehen. Bei gewöhnlichen Menschen mag das dem Wunsch entsprechen, Wirkung zu haben, Einfluss ausüben zu können, beachtet zu werden. Für neurotische Menschen kann es sich in Manipulation äußern, in der Einstellung, dass andere Menschen dazu da sind, benutzt zu werden. Darin kann sich auch die Furcht versteckt halten, selbst benutzt zu werden, dumm zu wirken. Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass Menschen, die gerne Witze auf Kosten anderer machen, einen Witz auf eigene Kosten gar nicht gut vertragen können!

6. Das neurotische Bedürfnis nach sozialer Anerkennung oder Prestige. Wir sind soziale und sexuelle Wesen und möchten geliebt werden. Doch Neurotiker sind zum Beispiel übermäßig mit ihrem eigenen Auftreten und ihrer Beliebtheit beschäftigt. Sie fürchten, ignoriert zu werden, für simpel gehalten zu werden, “uncool” oder “out” zu sein.

7. Das neurotische Bedürfnis nach persönlicher Bewunderung. Wir wollen sowohl für unsere inneren als auch für unsere äußeren Qualitäten bewundert werden. Wir möchten uns wichtig und wertvoll fühlen. Andere Menschen aber sind in dieser Hinsicht geradezu verzweifelt und müssen jeden daran erinnern, wie wichtig sie doch sind – “Niemand erkennt ein Genie”, “Ich bin derjenige, der hinter den Kulissen die Fäden zieht, weißt du”, und ähnliches mehr. Sie fürchten, jemand könnte sie für einen Niemand halten, für unwichtig, bedeutungslos.

8. Das neurotische Bedürfnis nach persönlichen Erfolgen. Auch hier ist im Grunde nun wirklich nichts an Erfolgen auszusetzen! Doch manche Menschen sind davon geradezu besessen. Bei allem, was sie tun, müssen sie unbedingt die Nummer Eins sein. Und weil dies nun mal ein schwieriges Unterfangen ist, werten diese Menschen alles ab, worin sie nicht Nummer Eins sein können! Wenn sie gute Läufer sind, sind Disziplinen wie Diskus- und Hammerwerfen “eher was für Kinder”. Wenn akademische Fähigkeiten zu ihren Stärken zählen, sind physische Fähigkeiten völlig unwichtig und so weiter.

9. Das neurotische Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Wir alle sollten ein gewisses Maß an Autonomie kultivieren, manche Menschen jedoch sind der Auffassung, dass sie niemals einen anderen Menschen wirklich brauchen sollten. Sie neigen dazu, Hilfe abzulehen und zögern lange, bevor sie sich auf eine Beziehung einlassen.

10. Das neurotische Bedürfnis nach Perfektion und Unangreifbarkeit. Wenn wir im Leben und in unseren speziellen Interessengebieten immer besser werden möchten, kann man das wohl kaum als neurotisch bezeichnen, doch manche Menschen setzen sich selbst dem Zwang aus, perfekt sein zu müssen und fürchten nichts so sehr wie eine Niederlage. Niemand kann ihnen je einen Fehler nachweisen, sie müssen immer alles im Griff haben.

Als Karen Horney diese neurotischen Bedürfnisse untersuchte, fiel ihr nach und nach auf, dass sie in drei breite Copingstrategien unterteilt werden können:

  • I. Unterwürfigkeit ( compliance ), hier sind die Bedürfnisse eins, zwei und drei eingeschlossen.
  • II. Aggression, eingeschlossen sind die Bedürfnisse vier bis acht.
  • III. Zurückgezogenheit ( withdrawal ), hier sind die Bedürfnisse neun, zehn und drei eingeschlossen. Sie hat Punkt drei hier hinzugefügt, weil es für die Illusion völliger Unabhängigkeit und Perfektion unerlässlich ist, die Freiheit des eigenen Lebens möglichst einzuschränken!

In ihren Schriften hat Karen Horney eine Reihe anderer Bezeichnungen für diese drei Strategien verwendet. Die erste Strategie hat sie neben Unterwürfigkeit ( compliance ) auch als die moving-toward strategy und die self-effacing solution bezeichnet. Hier ist darauf hinzuweisen, dass dies Adlers getting oder leaning approach oder der phlegmatischen Persönlichkeit entspricht.

Die zweite Strategie ist auch als moving-against und expansive solution bezeichnet worden. Sie entspricht Adlers ruling oder dominant type, oder der cholerischen Persönlichkeit.

Und die dritte Strategie wird neben Zurückgezogenheit ( withdrawal ) von Karen Horney auch als the third moving-away-from und the resigning solution bezeichnet. Diese Strategie ähnelt Adlers avoiding type und der melancholischen Persönlichkeit.

Entwicklung

Es ist zutreffend, dass einige Menschen, die als Kinder missbraucht oder vernachlässigt worden sind, als Erwachsene an einer Neurose erkranken. Es wird aber oft vergessen, dass die meisten Menschen keine Neurose entwickeln.

Wenn Ihr Vater gewalttätig ist, oder Ihre Mutter schizophren, oder wenn Sie von einem Onkel sexuell belästigt werden, gibt es vermutlich andere Familienmitglieder, die Sie lieben, auf Sie aufpassen und Sie vor weiterem Schaden beschützen. Sie wachsen zu einem gesunden glücklichen Erwachsenen heran. Es ist hingegen sogar so, dass der Großteil neurotischer Erwachsener nicht unter Vernachlässigung oder Missbrauch in der Kindheit zu leiden hatte! So stellt sich die Frage, wenn nicht Vernachlässigung oder Missbrauch eine Neurose auslösen, was sind dann die auslösenden Faktoren?

Horneys Antwort, die sie als das grundlegend Böse ( basic evil ) bezeichnete, ist die Indifferenz der Eltern, ein Mangel an Wärme und Zuwendung in der Kindheit. Sogar gelegentliche Schläge oder eine frühe sexuelle Erfahrung können verarbeitet werden, wenn sich das Kind gewollt und geliebt fühlt.

Der Schlüssel zum Verständnis elterlicher Indifferenz liegt darin, dass dies eine Frage der kindlichen Wahrnehmung und nicht der elterlichen Absichten ist. “The road to Hell”, wie es so schön heißt “is paved with good intentions” (Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert). Ein Elternteil mit guten Absichten kann Kindern jene Indifferenz zum Beispiel dadurch mitteilen, dass ein Kind vorgezogen wird, dass ein Kind für etwas gerade stehen muss, wofür es gar nicht verantwortlich ist, dass Versprechen vergessen werden, dass die Freundschaften, die ein Kind geknüpft hat, gestört werden, dass man sich über das Denken des Kindes lustig macht und so weiter. Ich weise darauf hin, dass viele Eltern – auch die guten Eltern – sich dabei wiederfinden, wie sie diese Dinge tun, weil sie unter verschiedenerlei Druck stehen. Andere Eltern tun derartiges, weil sie selbst neurotisch sind und ihre eigenen Bedürfnisse über die ihrer Kinder stellen.

Horney stellte fest, dass Kinder entgegen des Stereotyps vom schwachen und passiven Kind, auf elterliche Indifferenz mit Ärger reagieren; eine Reaktion, die Horney als grundlegende Feindseligkeit ( basic hostility ) bezeichnet. Zunächst frustriert zu reagieren, führt zu dem Versuch, gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren!

Für einige Kinder erweist sich die Feindseligkeit als effektiv, mit der Zeit wird sie zu einer gewohnten Antwort auf die Schwierigkeiten des Lebens. Anders ausgedrückt, die Kinder entwickeln eine aggressive Copingstrategie. Sie sagen sich “Wenn ich Macht habe, kann mir niemand wehtun.”

Die meisten Kinder jedoch werden von einer Grundangst ( basic anxiety ) überwältigt, was bei Kindern zumeist die Furcht vor Hilflosigkeit und Verlassenheit umschließt. Um überleben zu können, müssen die grundlegende Feindseligkeit unterdrückt und die Eltern besiegt werden. Wenn sich das für das Kind als besser herausstellt, kann es zur bevorzugten Copingstrategie werden – Unterwerfung ( compliance ). Sie sagen sich “Wenn ich dich dazu bringen kann, mich zu lieben, wirst du mir nicht wehtun.

Einige Kinder finden heraus, dass weder Aggression noch Unterwerfung dem Eindruck elterlicher Indifferenz entgegenwirken. Sie “lösen” das Problem, indem sie sich von der Familie zurückziehen und sich nur mit sich selbst beschäftigen – die dritte Copingstrategie. Sie sagen sich “Wenn ich mich zurückziehe, kann nichts und niemand mir wehtun.”

Selbsttheorie ( self-theory )

Horney hat noch einen weiteren Zugang zu Neurosen entwickelt – und zwar im Zusammenhang mit Selbstbildern ( self images ). Für Horney ist das Selbst der Kern Ihrer Existenz, Ihr Potential. Wenn man gesund ist, hat man ein zutreffendes Bild davon, wer wir sind, dann ist man frei, dieses Potential umzusetzen ( self-realization ).

Eine neurotische Person hat einen anderen Standpunkt. Das Selbst der neurotischen Person ist in ein verachtetes Selbst ( despised self ) und ein ideales Selbst ( ideal self ) “gespalten”. Andere Theoretiker postulieren ein looking-glass Selbst, es stellt uns so dar, wie wir annehmen, dass andere uns sehen. Wenn man sich umschaut und bemerkt (ob zutreffend oder nicht), dass andere Sie verachten, dann nehmen Sie diesen Eindruck in sich auf, als ein angenommenes wirkliches Ich. Andererseits, wenn Ihnen etwas fehlt, dann folgt daraus, dass es bestimmte Ideale gibt, um die Sie sich bemühen sollten. Aus dem, was Sie sein “sollten”, bauen Sie sich ein ideales Selbst.

Hier muss darauf hingewiesen werden, dass dieses ideale Selbst kein positives Ziel ist; es handelt sich um ein unrealistisches und letztlich unmögliches Ziel. So kommt es, dass die neurotische Person hin und her pendelt zwischen Selbsthass und vorgetäuschter Perfektion.

Horney hat die Spannung zwischen dem verachteten und dem idealen Selbst als the tyranny of the shoulds und neurotisches Streben nach Ruhm ( striving for glory ) beschrieben:

  • Die unterwürfige Person glaubt “Ich sollte niedlich, aufopferungsvoll und heilig sein”.
  • Die aggressive Person sagt “Ich sollte mächtig, geachtet, ein Gewinnertyp sein”.
  • Die zurückgezogene Person glaubt “Ich sollte unabhängig, abgelöst, perfekt sein”.

Und weil die neurotische Person zwischen diesen beiden unmöglich zu erreichenden Ausprägungen des Selbst hin und her gerissen ist, ist sie von ihrem wirklichen Kern entfremdet und wird so davon abgehalten, die eigenen tatsächlichen Potentiale zu verwirklichen.

Diskussion

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als haben Karen Horney Adlers beste Ideen geklaut. Es ist zum Beispiel klar, dass ihre drei Copingstrategien sehr eng an Adlers drei Typen angelehnt sind. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass sie von Adler beeinflusst worden ist. Doch wenn man sich anschaut, wie sie ihre drei Strategien entwickelt hat – indem sie nämlich Gruppen neurotischer Bedürfnisse zusammenlegte – erkennt man, dass sie einfach von einem anderen Zugang aus zu ähnlichen Ergebnissen gelangte. Keine Frage, dass Adler und Horney (und Fromm und Sullivan) eine inoffizielle Schule der Psychiatrie bilden. Sie werden oft als Neofreudianer bezeichnet, obgleich das nicht wirklich zutreffend ist. Leider ist eine andere verbreitete Bezeichnung “die Sozialpsychologen”, was ebenso unzutreffend bleibt, weil dieser Begriff bereits für eine ganze Studienrichtung reserviert ist.

Ich muss darauf hinweisen, dass Horneys Self-Theory Adlers Theorie der Differenzen zwischen gesundem und neurotischem Streben nach Perfektion bereichert, und (um ein wenig vor zu greifen) wie ähnlich diese Annahmen denen von Carl Rogers sind. Ich habe oft den Eindruck, dass wir uns einer wertvollen Sache nähern, wenn verschiedene Menschen relativ unabhängig voneinander ähnliche Ideen entwickeln – das ist meist ein sehr gutes Zeichen!

Karen Horney hatte weitere interessante Ideen, die hier Erwähnung finden sollen. Zum einen kritisierte sie Freuds Idee des Penisneids. Zwar räumte sie ein, dass dieses Phänomen bei neurotischen Frauen vorkommen kann, war allerdings der Überzeugung, dass es weit von einer universalen Gesetzmäßigkeit entfernt sei. Vielmehr schlug sie vor, was als Anzeichen für Penisneid gelten könnte, sei eher im Neid auf die Macht der Männer in dieser Welt begründet.

Sie ging sogar davon aus, dass es bei einigen Männern, die Frauen um die Fähigkeit, Kinder zu gebären, beneiden, ein männliches Pendant zum Penisneid geben könnte – Neid auf den Mutterleib ( womb envy ). Vielleicht soll das Streben der Männer nach Erfolgen und dem Fortbestand ihres Namens nach ihrem Tod ihre Unfähigkeit kompensieren, sich unmittelbarer in der Zukunft zu verankern, indem sie etwa ihre Kinder austragen, gebären und stillen!

Eine zweite Idee, die Karen Horney entwickelt hat, die aber bislang nur wenig Aufmerksamkeit in der psychologischen Gesellschaft findet, ist die der Selbstanalyse ( self-analysis ). Eines ihrer frühesten Werke war ein “Selbsthilfe”-Buch, in welchem sie die Auffassung vertritt, dass wir bei relativ geringfügigen neurotischen Schwierigkeiten unsere eigenen Psychiater sein können. Es ist leicht nachzuvollziehen, inwiefern diese Vorstellung einige der zarten Egos bedrohen mag, die ihren Lebensunterhalt als Therapeuten verdienen! Ich bin immer überrascht angesichts der negativen Reaktionen einiger meiner Kollegen, die sich über Menschen wie die berühmte Psychologie-Kolumnistin Joyce Brothers aufregen. Offenbar ist es so, dass Ihre Arbeit als Populärpsychologie (“pop-psych”) abgetan wird, wenn Sie nicht innerhalb der offiziellen Richtlinien arbeiten.

Die negative Anmerkung, die ich zu Karen Horney machen kann, ist dass ihre Theorie sich auf neurotische Personen beschränkt. Sie lässt nicht nur Psychotiker und andere Problemkonstellationen außer Acht, sondern beschäftigt sich auch nicht mit den wirklich gesunden Menschen. Da sie aber Neurose und Gesundheit als auf einem Kontinuum liegend begreift, spricht sie damit den Neurotiker in jedem von uns an.

Literatur

Karen Horneys bestes Buch ist Neurosis and Human Growth, 1950. Es ist sogar das beste aller Bücher über Neurosen, zumindest meiner Meinung nach.

Sie schrieb mehrere “Pop-Versionen”:

Der neurotische Mensch in unserer Zeit ( The Neurotic Personality of our Time ), 1937, deutsch 1951, und Unsere inneren Konflikte ( Our Inner Conflicts ), 1945, deutsch 1954.

Ihr Gedankengut bezogen auf die Therapie findet sich in Neue Wege der Psychoanalyse ( New Ways in Psychoanalysis ), 1939, deutsch 1951.

Frühe Einsichten zur feministischen Psychologie gibt es in Feminine Psychology, 1967.

Und ihre Ideen zur Selbstanalyse sind in Self-Analysis, 1942, zusammengefasst.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Horney, Karen [1885-1952], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/horney

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