Jung, C. G. [1875-1961]

«Anyone who wants to know the human psyche will learn next to nothing from experimental psychology. He would be better advised to abandon exact science, put away his scholar’s gown, bid farewell to his study, and wander with human heart through the world. There in the horrors of prisons, lunatic asylums and hospitals, in drab suburban pubs, in brothels and gambling-hells, in the salons of the elegant, the Stock Exchanges, socialist meetings, churches, revivalist gatherings and ecstatic sects, through love and hate, through the experience of passion in every form in his own body, he would reap richer stores of knowledge than text-books a foot thick could give him, and he will know how to doctor the sick with a real knowledge of the human soul.» [Carl Jung]

Freud postulierte, das Ziel der Therapie sei es, das Unbewusste bewusst zu machen. Dies hat er auch zum Ziel seiner Arbeit als Theoretiker gemacht. Dennoch gibt dies dem Unbewussten zumindest einen unangenehmen Beigeschmack, um es vorsichtig auszudrücken: Es ist ein Kessel voll schäumender Begierden, eine bodenlose Grube voll perverser und inzestuöser Sehnsüchte, ein Friedhof für einschüchternde Erfahrungen, die dennoch wiederkehren und uns erschrecken. Ehrlich, das klingt nicht nach etwas, das ich gerne bewusst machen möchte!

Einer von Freuds jüngeren Kollegen, Carl Jung, machte sich die Erkundung dieses “inneren Raums” zur Lebensaufgabe. Ausgerüstet mit dem Hintergrundwissen der Freudschen Theorie und einer offenbar unerschöpflichen Kenntnis von Mythologie, Religion und Philosophie ging er zu Werke. Jung kannte sich besonders gut in den Symbolen komplexer mystischer Traditionen wie etwa dem Gnostizismus, der Alchemie, der Kabbala und ähnlichen Traditionen in Hinduismus und Buddhismus aus. Wenn jemand etwas über das Unbewusste und darüber, warum es sich nur in symbolischer Form ausdrückte, herausfinden konnte, so war das Carl Jung.

Hinzu kam seine Kapazität für besonders klare Träume und gelegentliche Visionen. Im Herbst 1913 hatte er die Vision einer “monströsen Flut”, die einen Großteil Europas verschlang und bis an die Berge seiner Heimat der Schweiz reichte. Er sah Tausende Menschen ertrinken und die Zivilisation zerfallen. Dann verwandelte sich das Wasser in Blut. Auf diese Vision folgten in den nächsten Tagen Träume von ewigen Wintern und Flüssen aus Blut. Jung befürchtete, psychotisch zu werden.

Doch am ersten August desselben Jahres begann der Erste Weltkrieg. Jung stellte fest, dass es irgendeine Verbindung zwischen ihm selbst als Individuum und der Menschheit im Allgemeinen gab, die nicht wegzudiskutieren war. Bis zum Jahre 1928 durchlief er einige eher schmerzliche Prozesse der Selbsterkundung, die zur Basis all seiner späteren Theorien werden sollten.

Er notierte seine Träume, Fantasien und Visionen sorgfältig, zeichnete und malte sie sogar auf und stellte sie plastisch dar. Er fand heraus, dass seine Erfahrungen die Tendenz hatten, sich als Personen zu formieren, beginnend mit einem weisen alten Mann und seiner Begleiterin, einem kleinen Mädchen. In der Folge einiger Träume entwickelte sich der weise alte Mann zu einer Art spirituellem Guru. Das kleine Mädchen wurde zu “Anima”, der weiblichen Seele, die als Hauptmedium bei der Kommunikation mit den tieferen Regionen seines Unbewussten diente.

Ein ledriger brauner Zwerg tauchte auf und wies den Weg zum Unbewussten. Er war “der Schatten”, ein primitiver Begleiter für Jungs Ich. Jung träumte, dass er mit dem Zwerg zusammen einen schönen blonden Jüngling tötete, den er Siegfried nannte. Aus Jungs Perspektive war dies eine Warnung vor den Gefahren der Verehrung von Ruhm und Heldentum, die schon bald so viel Leid über ganz Europa bringen würde – eine Warnung vor den Gefahren einiger seiner eignen Neigungen zur Heldenverehrung – der Verehrung seines Lehrers Sigmund Freud!

Jung träumte viel von den Toten, dem Land der Toten und der Auferstehung von den Toten. Die Toten repräsentierten das Unbewusste an sich – nicht das “kleine” persönliche Unbewusste, mit dem sich Freud so ausgiebig beschäftigt hatte, sondern ein neues kollektives Unbewusstes der Menschheit an sich, das Unbewusste, das alle Toten enthielt, nicht nur unsere persönlichen Geister. Jung begann die psychisch Kranken als Menschen zu sehen, die von diesen Geistern geplagt wurden, zu einer Zeit in der niemand mehr an diese Geister glaubte. Wenn wir unsere Mythologien wiederfänden, könnten wir diese Geister verstehen, mit den Toten auskommen und unsere psychischen Krankheiten heilen.

Kritiker warfen ein, Jung sei schlicht und einfach selbst krank gewesen, als all dies geschah. Doch Jung war der Auffassung, dass man sich nicht damit zufrieden geben kann, nahe der Küste hin und her zu segeln, wenn man den Dschungel kennen lernen will. Man muss in den Dschungel hinein, egal wie seltsam und gefährlich es auch erscheinen mag.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Jung, C. G. [1875-1961], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/jung

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