
Jung, C. G. [1875-1961]
Archetypen
Die Inhalte des kollektiven Unbewussten werden als Archetypen bezeichnet. Jung nannte sie Dominanten, Imagos, mythologische oder primordiale Urbilder, doch der Begriff Archetyp hat sich durchgesetzt. Ein Archetyp ist eine nicht erlernte Neigung, Dinge in einer gewissen Weise zu erfahren.
Ein Archetyp hat keine Form an sich, sondern er wirkt als “organisierendes Prinzip” auf das ein, was wir sehen oder was wir tun. Er funktioniert also ähnlich wie die Triebe in Freuds Theorie: Erst möchte das Baby nur etwas zu essen, ohne zu wissen, was es will. Es verspürt ein eher undefiniertes Verlangen, das dennoch nur von ganz bestimmten Dingen befriedigt werden kann, und von anderen eben nicht. Später, vor dem Hintergrund weiterer Erfahrungen, verlangt das Kind nach etwas bestimmterem, wenn es Hunger hat – ein Fläschchen, einen Keks, einen gegrillten Hummer, ein Stück New York Style Pizza.
Der Archetyp ist eine Art schwarzes Loch im All: Sie wissen, dass es da ist, weil Sie erkennen können, wie es Materie und Licht anzieht.
Mutter
Der Mutterarchetyp ist ein besonders gutes Beispiel. All unsere Vorfahren hatten Mütter. Wir sind in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es eine Mutter oder einen Mutterersatz gab. Als wir noch hilflose Babys waren, hätten wir ohne eine Verbindung zu einer nährenden Person nicht überleben können. Es ist unzweifelhaft, dass wir in einer Weise “gebaut” sind, welche dieses evolutionäre Umfeld widerspiegelt: Wir kommen zur Welt und suchen die Mutter, wollen sie erkennen und uns mit ihr beschäftigen.
Somit ist der Archetyp der großen Mutter unsere angeborene Fähigkeit, eine gewisse Beziehung wiederzuerkennen, “bemuttert zu werden”. Jung meint, dies sei eher abstrakt und wir neigten dazu, den Archetyp nach außen in die Welt auf eine bestimmte Person zu projizieren, gewöhnlich auf unsere eigenen Mütter. Auch wenn für einen Archetyp keine bestimmte reale Person zur Verfügung steht, neigen wir dazu, den Archetypen zu personifizieren, indem wir ihn in einen mythologischen “Märchenbuch”-Charakter verwandeln. Dieser Charakter symbolisiert für uns dann diesen Archetyp.
Der Mutterarchetyp wird von der Urmutter oder mythologischen “Mutter Erde” symbolisiert, in westlichen Traditionen von Eva und Maria, aber auch von weniger personalen Symbolen wie etwa der Kirche, der Nation, von einem Wald oder dem Meer. Jung ist der Auffassung, dass jemand, dessen Mutter seinen Bedürfnissen nicht hinreichend entsprechen konnte, sein Leben oft damit verbringen mag, in der Kirche Trost zu suchen, oder Trost zu finden, indem er sich mit dem “Mutterland” identifiziert, oder indem er über die Mutter Maria meditiert oder auch indem er direkt am Meer lebt.
Mana
Zunächst muss man verstehen, dass die Archetypen keine wirklich biologischen Größen sind, wie etwa bei Freuds Trieblehre. Es handelt sich eher um spirituelle Anforderungen. Wenn man zum Beispiel von langen Dingen träumt, wäre Freud wohl davon ausgegangen, dass diese Dinge den Phallus und damit letztlich Sex repräsentieren. Doch Jung hätte dies ganz anderes interpretiert. Auch wenn man sehr spezifische Träume von einem Penis hat, muss das nicht unbedingt viel mit dem unerfüllten Bedürfnis nach Sex zu tun haben.
Interessant ist, dass phallische Symbole in primitiven Kulturen gewöhnlich gar nicht auf Sex bezogen sind. Sie symbolisieren meist Mana, oder spirituelle Kraft. Diese Symbole wurden zu ganz bestimmten Anlässen gezeigt, wenn man etwa die Geister anrief, damit sie die Kornernte verbesserten, oder die Fischbeute oder auch dann, wenn jemand geheilt werden sollte. Die Verbindung von Penis und Stärke, zwischen menschlichem und pflanzlichem Samen, zwischen Befruchtung und Fruchtbarkeit werden von den meisten Kulturen verstanden.
Der Schatten
Natürlich finden Sex und Lebenstriebe allgemeine Repräsentationen irgendwo in Jungs System. Sie sind Bestandteil des Archetypen, der als Schatten bezeichnet wird. Er leitet sich aus unserer vormenschlichen, tierischen Vergangenheit ab, als es uns noch vornehmlich ums Überleben und um die Fortpflanzung ging, damals waren wir uns unserer selbst noch nicht bewusst.
Es ist die “dunkle Seite” des Ich und oft findet sich dort auch das Böse, dessen wir fähig sind. Eigentlich ist der Schatten amoralisch – weder gut noch schlecht, genau wie bei den Tieren. Ein Tier ist in der Lage, sich zärtlich um seinen Nachwuchs zu kümmern, und ebenso in der Lage, brutal seine Nahrung zu jagen, doch ein Tier entscheidet sich nicht bewusst, das eine oder das andere zu tun. Ein Tier tut einfach was es tut. Es ist “unschuldig”. Doch aus unserer menschlichen Perspektive schaut die Tierwelt eher brutal, unmenschlich aus, somit wird der Schatten etwas wie ein Mülleimer für die Anteile unserer selbst, die wir nicht so einfach eingestehen können.
Symbole für den Schatten sind zum Beispiel die Schlange (wie im Garten Eden), der Drache, Monster und Dämonen. Dieses Tier bewacht oft den Eingang einer Höhle oder einen See, womit das kollektive Unbewusste symbolisiert wird. Wenn Sie also wieder davon träumen, mit dem Teufel zu ringen, mag es sein, dass Sie eigentlich mit sich selbst ringen!
Persona
Die Persona repräsentiert das eigene öffentliche Bild. Der Begriff leitet sich recht offensichtlich von dem Wort “Person / Persönlichkeit” ab und kommt von dem lateinischen Wort für Maske. Die Persona ist also die Maske, die Sie anlegen, bevor Sie sich der äußeren Welt zeigen. Obgleich sie als Archetyp entwickelt wird, ist es der Teil von uns, der dem kollektiven Unbewussten am entferntesten ist, sobald wir die Wahrnehmung der eigenen Persona halbwegs abgeschlossen haben.
Im besten Fall ist die Persona in etwa der “gute Eindruck”, den wir alle hinterlassen möchten, während wir die Rollen spielen, die die Gesellschaft von uns erwartet. Doch sie kann auch der “falsche Eindruck” sein, den wir verwenden, um die Meinung und das Verhalten anderer zu manipulieren. Im schlimmsten Fall kann es sein, dass die Persona mit unserer wahren Natur verwechselt wird – auch von uns selbst: Manchmal nämlich glauben wir selbst, was wir in Wirklichkeit nur vorgeben zu sein!
Anima und Animus
Ein Bestandteil unserer Persona ist die männliche oder weibliche Rolle, die wir spielen müssen. Für die meisten Menschen ist diese Rolle durch ihr biologisches Geschlecht festgelegt. Wie Freud, Adler und andere war auch Jung der Überzeugung, dass wir unserer Natur gemäß eher bisexuell sind. Zu Beginn unseres Lebens, als Fötus, haben wir noch keine ausdifferenzierten Geschlechtsorgane, denn diese bilden sich erst nach und nach unter dem Einfluss bestimmter Hormone aus, später dann werden wir entweder weibliche oder männliche Wesen. Desgleichen beginnen wir auch unser soziales Leben als Kinder, weder männlich noch weiblich im sozialen Sinne. Doch sobald uns entweder rosa oder blaue Schuhe angezogen werden, geraten wir unter den formenden Einfluss der Gesellschaft, die uns so von außen zu Männern und Frauen macht.
In allen Gesellschaften unterscheiden sich die Erwartungen an einen Mann von den Erwartungen an eine Frau, zumeist bezogen auf die unterschiedlichen reproduktiven Rollen, zusätzlich ergänzt durch zahlreiche Details, die rein traditioneller Natur sind. Auch in unserer heutigen Gesellschaft gibt es Überbleibsel dieser traditionellen Erwartungen. Bei Frauen geht man gemeinhin davon aus, dass sie sich eher kümmern und weniger aggressiv reagieren; bei Männern hingegen geht man davon aus, dass sie stark sind und die emotionale Seite des Lebens weitgehend ignorieren. Aus Jungs Sicht weist dies darauf hin, dass wir nur die eine Hälfte unseres Potential entwickelt haben.
Anima stellt den weiblichen Aspekt dar, der im kollektiven Unbewussten der Männer präsent ist, und Animus steht für den männlichen Aspekt im kollektiven Unbewussten der Frauen. Beide Begriffe zusammengenommen werden als chymisch (syzygy) bezeichnet. Anima kann zum Beispiel als junges, sehr spontanes und intuitives Mädchen personifiziert sein oder als Hexe, oder als Erdenmutter. Die dazu gehörenden Assoziationen sind zum Beispiel tiefe Emotionalität sowie die Macht des Lebens an sich. Der Animus kann als weiser alter Mann personifiziert werden, oder als Zauberer, oder auch als Gruppe von Männern; damit werden unter anderem Logik, oft auch Rationalität assoziiert.
Anima oder Animus ist der Archetyp, mittels dessen man mit dem kollektiven Unbewussten allgemein kommuniziert, und es ist wichtig, mit der eigenen Anima/dem eigenen Animus in Kontakt zu treten. Dies ist zudem der Archetyp, der für einen Großteil unseres Liebeslebens verantwortlich ist: Wie der antike griechische Mythos verrät, sind wir immer auf der Suche nach unserer zweiten Hälfte, der Hälfte, die Gott uns genommen hat, und zwar suchen wir die beim anderen Geschlecht. Wenn wir uns auf den ersten Blick verlieben, haben wir oft jemanden gefunden, der unseren Anima oder Animus Archetyp besonders gut vervollständigt!
weitere Archetypen
Jung sagt, es gebe keine festzusetzende Anzahl von Archetypen, die wir einfach auflisten und auswendig lernen könnten. Sie überschneiden sich und gehen ineinander über, wie es gerade erforderlich ist, zudem entspricht ihre Logik nicht der gewöhnlichen Logik. Doch hier ein paar weitere Archetypen, die Jung erwähnt:
Neben der Mutter gibt es weitere Familien-Archetypen. Natürlich gibt es auch den Vater, der oft von einem Begleiter oder einer Autoritätsperson symbolisiert wird. Es gibt auch den Archetyp Familie, er repräsentiert die Vorstellung von Blutsverwandtschaft sowie von Bindungen, die tiefer reichen als die bewusst begründbaren Bindungen.
Daneben gibt es das Kind, in Mythologie und Kunst von Kindern und kleinen Wesen dargestellt. Das Christkind, das an Weihnachten gefeiert wird, ist eine Manifestation des Kind-Archetyps und repräsentiert die Zukunft, das Werden, Wiedergeburt und Erlösung. Interessant ist, dass Weihnachten zur Wintersonnenwende gefeiert wird, wobei die Wintersonnenwende in primitiven Kulturen des Nordens gleichfalls Zukunft und Wiedergeburt repräsentiert. Früher entzündeten die Menschen Freudenfeuer und hielten Zeremonien ab, um die Sonne zur Rückkehr zu ermutigen. Der Kind-Archetyp verschmilzt oft mit anderen Archetypen und bildet den Kind-Gott oder den Kind-Helden.
Viele Archetypen sind Figuren aus Geschichten. Wie zum Beispiel der Held – er ist die Mana-Persönlichkeit und Verteidiger gegen böse Drachen. Er repräsentiert im Grunde das Ich – wir neigen alle dazu, uns mit dem Helden einer Geschichte zu identifizieren – und befindet sich sehr oft im Kampf mit dem Schatten in Form von Drachen oder anderen Monstern. Trotzdem ist der Held nicht selten völlig dumm. Denn letztlich weiß er nichts von den Wegen des kollektiven Unbewussten. Luke Skywalker aus den Star Wars Filmen ist ein perfektes Beispiel für einen Helden dieser Art.
Zudem ist der Held oft unterwegs, um die Jungfrau zu retten. Sie wiederum repräsentiert Reinheit, Unschuld und auch Naivität. Zu Beginn der Star Wars Geschichte ist Prinzessin Leia die Jungfrau. Später jedoch wird sie zur Anima, sie entdeckt die Kräfte der Macht – des kollektiven Unbewussten – und wird ein gleichgestellte Partner von Luke, von dem schließlich bekannt wird, dass er ihr Bruder ist.
Der Held wird von dem weisen Alten geführt. Dieser ist eine Form des Animus und enthüllt dem Helden die Natur des kollektiven Unbewussten. In Star Wars wird der weise Alte von Obi Wan Kenobi und später von Yoda gespielt. Beide vermitteln Luke Wissen über die Macht; und während Luke erwachsen wird, sterben sie und werden ein Teil von ihm.
Jetzt interessiert uns natürlich, welchen Archetyp Darth Vader der “dunkle Vater” wohl repräsentiert. Er ist der Schatten und der Meister der dunklen Seite der Macht. Es stellt sich zudem heraus, dass er Lukes und Leias Vater ist. Als er stirbt, wird er einer der weisen alten Männer.
Es gibt auch einen Tier-Archetypen, welcher die Beziehungen zwischen Menschheit und Tierwelt repräsentiert. Das treue Pferd des Helden wäre ein gutes Beispiel. Oft verkörpern Schlangen den Tier-Archetypen, sie gelten als besonders weise. Letztlich stehen Tiere in engerem Kontakt mit ihrer Natur, als das bei uns Menschen der Fall ist.
Dann gibt es noch den Schwindler, oft von einem Clown oder einem Magier repräsentiert. Seine Rolle ist es, die Entwicklung des Helden zu hemmen und insgesamt für Schwierigkeiten zu sorgen. In der nordischen Mythologie beginnen viele der Abenteuer, die die Götter erleben, damit, dass der Halbgott Loki ihnen einen Streich spielt.
Andere Archetypen sind schwieriger in Worte zu fassen. Zum Beispiel der Urmann ( original man ), in den westlichen Religionen von Adam verkörpert. Oder der Gott-Archetyp, der unser Bedürfnis, das Universum zu verstehen, repräsentiert, unser Bedürfnis, allen Geschehnissen eine Bedeutung zuzuschreiben, hinter allem einen Sinn und eine Richtung zu vermuten.
Der Hermaphrodit, männlich und weiblich in einer Person, repräsentiert die Einheit von Gegensätzen, eine wichtige Vorstellung in Jungs Theorie. Manche religiösen Darstellungen zeigen zum Beispiel auch Jesus als einen recht femininem Mann. Ähnlich wie eine Figur aus der chinesischen Tradition Kuan Yin, die als männlicher Heiliger galt (der Bodhisattva Avalokiteshwara), dann aber in so femininer Weise porträtiert wurde, dass man die Figur später als die weibliche Gottheit des Mitgefühls betrachtete!
Der wichtigste Archetyp von allen ist das Selbst. Das Selbst ist die ultimative Einheit der Persönlichkeit und wird von einem Kreis, dem Kreuz und den Mandalas symbolisiert, die Jung gerne malte.
Ein Mandala ist ein Bild, das zur Meditation verwendet werden kann, weil es die Aufmerksamkeit des Betrachters immer wieder zum Zentrum lenkt. Dabei kann es sich um eine ganz schlichte geometrische Figur handeln oder um das hoch kompliziert angelegte Kreismuster eines Kirchenfensters. Die Figuren, die das Selbst am besten personifizieren, sind Christus und Buddha, zwei Menschen, von denen man sagt, sie hätten Perfektion erreicht. Jung hingegen geht davon aus, dass die wahre Perfektion der Persönlichkeit nur im Tod erreicht werden kann.
Zitation
Erikson, Erik [1902-1994] « | » Rank, Otto [1884–1939]
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