Jung, C. G. [1875-1961]

Die Dynamik der Psyche

Soviel zunächst zu den Inhalten der Psyche. Jetzt wenden wir uns ihrer Funktionsweise zu. Jung spricht von drei Prinzipien, beginnend mit dem Prinzip der Gegensätze. Jeder Wunsch legt sofort sein Gegenteil nahe. Wenn ich zum Beispiel einen guten Gedanken habe, kann ich nicht anders, als auch das schlechte Gegenteil zu denken. Hier handelt es sich um eine grundlegende Feststellung: um eine Vorstellung vom Guten zu haben, muss auch eine Vorstellung vom Bösen vorhanden sein, gleichfalls gibt es weiß nicht ohne schwarz oder hinauf nicht ohne hinunter.

Als ich elf Jahre alt war, kam mir diese Einsicht: Ich versuchte manchmal, armen unschuldigen Waldlebewesen zu helfen, die sich verletzt hatten – oft hatte ich dabei Sorge, sie versehentlich zu töten. Einmal wollte ich ein Rotkehlchenküken gesund pflegen. Als ich es in die Hand nahm, war ich so verwundert, wie leicht es sich anfühlte, dass mir der Gedanke kam, wie leicht es wäre, das Küken einfach in meiner Hand zu zerdrücken. Mir gefiel dieser Gedanke überhaupt nicht, und doch hatte sich der Gedanke eingeschlichen.

Gemäß Jungs Theorie erzeugen Gegensätzlichkeiten die Kraft (oder Libido) der Psyche. Ähnlich wie bei den beiden Polen einer Batterie, oder bei der Spaltung eines Atoms. Der Kontrast gibt Energie ab, ein starker Kontrast erzeugt viel Energie und ein schwacher nur wenig.

Das zweite Prinzip ist das Prinzip der Äquivalenz. Die Energie, die aus den Gegensätzen hervorgeht, wird gleichmäßig auf beide Seiten verteilt. Als ich also das Vogelbaby in der Hand hatte, gab es Energie, mich um das kleine Wesen zu kümmern um ihm zu helfen. Eine gleiche Menge Energie aber war vorhanden, das Küken einfach zu zerdrücken. Ich versuchte aber, ihm zu helfen, so dass die Energie in die verschiedenen Handlungen einfloss, mit denen ich den Vogel retten wollte. Doch was geschieht mit der anderen Energie?

Nun, das ist von Ihrer Einstellung zu dem Wunsch, dem Sie nicht nachgegeben haben, abhängig. Erkennen Siediesen anderen Gedanken an, konfrontieren Sie sich mit ihm, machen Sie ihn dem bewussten Denken zugänglich, dann wirkt die Energie sich zu einer allgemeinen Verbesserung Ihrer Psyche aus. Anders ausgedrückt: Sie wachsen.

Geben Sie aber vor, diesen bösen Wunsch nie empfunden zu haben, wenn Sie ihn unterdrücken und leugnent, dann trägt die Energie zur Ausbildung eines Komplexes bei. Ein Komplex ist ein Muster unterdrückter Gedanken und Empfindungen, die sich um ein archetypisches Thema herum zusammenballen. Wenn Sie leugnen, jemals daran gedacht zu haben, den kleinen Vogel einfach zu zerdrücken, mag es sein, dass Sie dem Gedanken so letztlich die Form eines Schattens geben (Ihrer “dunklen Seite”). Oder wenn ein Mann seine emotionale Seite verleugnet, kann es sein, dass seine Emotionalität in den Anima-Archetypen eingeht und so weiter..

Und hier tauchen nun die Schwierigkeiten auf: Wenn Sie Ihr ganzes Leben lang vorgeben, nur gut zu sein, wenn Sie so tun, als könnten Sie überhaupt nicht lügen, stehlen und töten, dann geht Ihre andere Seite bei jeder guten Tat in einen Komplex um den Schatten herum ein. Dieser Komplex entwickelt dann ein Eigenleben und er wird Sie verfolgen. Sie leiden zum Beispiel an Alpträumen, in denen Sie auf Vogelküken herumtrampeln!

Wenn dies lange genug so weiter geht, kann der Komplex auch die Macht an sich reißen, von Ihnen Besitz ergreifen – und Sie haben am Ende eine multiple Persönlichkeit. In dem Film The Three Faces of Eve porträtiert Joanne Woodward eine sanftmütige liebe Frau, die plötzlich feststellt, dass sie samstags ausging und wie wild Partys feierte. Sie rauchte nicht, fand aber Zigaretten in ihrer Handtasche; sie trank nicht, und wachte doch mit einem Kater auf; sie war eher bieder, und fand sich in sexy Outfits wieder. Eine multiple Persönlichkeit ist selten, doch sie enthält tatsächlich derartig kontrastreiche Extreme.

Das letzte Prinzip ist das Prinzip der Entropie. Dabei handelt es sich um die Neigung, dass unsere Gegensätze zusammenkommen, wobei die Energie im Laufe eines Lebens stetig abnimmt. Jung entlehnt diesen Begriff aus der Physik, dort wird unter Entropie die Tendenz verstanden, dass alle physikalischen Systeme “herunterfahren”, alle Energie verteilt sich gleichmäßig. Steht eine Wärmequelle in einer Ecke des Raumes, wird nach und nach der ganze Raum gleichmäßig warm.

Während unserer Jugend sind die Gegensätze in uns eher extrem ausgeprägt, somit haben wir eher viel Energie. In der Adoleszenz überzeichnen wir die Unterschiede zwischen männlich und weiblich – Jungen versuchen, harte Machos zu sein und Mädchen extrem feminin. Somit fließt sehr viel Energie in ihre sexuellen Aktivitäten! Und Adoleszente pendeln häufig von einem Extrem zum anderen, eben noch waren sie wild und verrückt und eine Minute später entdecken sie die Religion für sich.

Während wir älter werden, kommen wir auch mit unseren unterschiedlichen Facetten besser zurecht. Wir sind etwas weniger naiv-idealistisch und stellen fest, dass wir alle eher eine Mischung von gut und böse in uns haben. Wir fühlen uns vom anderen Geschlecht in uns nicht mehr so bedroht und werden androgyner. Auch physisch ähneln sich alte Männer und Frauen wieder mehr. Dieser Prozess, in dessen Verlauf wir uns über unsere Gegensätze erheben und beide Seiten unseres Seins wahrnehmen, wird als Transzendenz bezeichnet.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Jung, C. G. [1875-1961], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/jung

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