
Jung, C. G. [1875-1961]
Introversion und Extraversion
Jung hat eine Typologie der Persönlichkeit entwickelt, die so populär wurde, dass kaum jemand bemerkte, dass er noch weit mehr erarbeitet hat! Am Anfang steht die Unterscheidung von Introversion und Extraversion.
Introvertierte Menschen bevorzugen ihre innere Welt der Gedanken, Empfindungen, Fantasien, Träume und so weiter, währen extrovertierte Menschen die äußere Welt der Dinge, Menschen und Aktivität bevorzugen.
Diese Begriffe sind mit anderen Konzepten wie etwa Scheu und Geselligkeit durcheinander gebracht worden, zum Teil daher, weil introvertierte Menschen eher scheu und extrovertierte Menschen eher gesellig sind. Doch in Jungs Verständnis geht es darum, ob Sie (das Ich) sich öfter der Persona und der äußeren Realität zuwenden, oder dem kollektiven Unbewussten und den Archetypen. In diesem Sinne ist die introvertierte Person in gewisser Hinsicht reifer als die extrovertierte. In unserer Kultur jedoch schätzt man extrovertierte Menschen weit mehr. Jung warnte, dass wir alle dazu neigen, die Ausprägung am höchsten zu bewerten, die unserer eigenen entspricht!
Heute finden wir die Dimension introvertiert-extrovertiert in zahlreichen Theorien wieder, insbesondere bei Hans Eysenck, wenngleich sie oft hinter anderen Bezeichnungen wie Geselligkeit ( sociability ) und surgency verborgen ist.
Die Funktionen
Ob wir nun introvertiert oder extrovertiert sind, müssen wir doch alle mit der Welt umgehen, sowohl der inneren als auch der äußeren Welt. Und jeder von uns bevorzugt bestimmte Wege, wie er oder sie das tut, wie wir uns sicher fühlen oder womit wir uns gut auskennen. Jung geht davon aus, dass es vier grundsätzliche Wege oder Funktionen gibt:
Die erste Funktion ist die Sinneswahrnehmung ( sensing ): Informationen werden über unsere Sinne aufgenommen. Eine Person, die diesen Weg bevorzugt, kann gut beobachten und zuhören, generell die Welt kennen lernen. Jung nannte dies eine der irrationalen Funktionen, das bedeutet, es geht hier mehr um die Wahrnehmung als um die Bewertung von Informationen.
Der zweite ist das Denken ( thinking ). Denken bedeutet, dass man Informationen oder Ideen rational, logisch auswertet. Jung bezeichnete dies als rationale Funktion, weil es darum geht, Entscheidungen zu treffen oder Bewertungen vorzunehmen, statt nur Informationen aufzunehmen.
Der dritte Weg ist die Intuition ( intuiting ). Damit ist eine Art der Wahrnehmung gemeint, die außerhalb der gewohnten bewussten Prozesse stattfindet. Wie die Sinneswahrnehmung ist sie irrational oder perzeptual, stammt jedoch aus der komplexen Integration großer Informationsmengen, und nicht nur aus dem Gehörten oder Gesehenen. Jung sagte, es sei ähnlich wie ein Blick um die Ecke herum.
Der vierte Weg ist das Fühlen ( feeling ). Wie das Denken ist das Fühlen eine Frage der Informationsauswertung, und zwar dadurch, dass man die eigene allgemeine emotionale Reaktion auswertet. Jung bezeichnet diesen Weg als rational, offensichtlich nicht im wörtlichen Sinne.
Wir alle verfügen über diese Funktionen. Nur eben jeder in anderer Zusammensetzung, könnte man sagen. Jeder hat eine übergeordnete Funktion, die in uns am besten ausgebildet ist, eine sekundäre Funktion, derer wir uns bewusst sind, und die wir zur Unterstützung der bevorzugten Funktion verwenden, eine tertiäre Funktion, die nur etwas weniger gut ausgeprägt ist, dennoch aber nicht in vollem Umfang bewusst und eine untergeordnete Funktion, die nur gering ausgebildet ist und so weit unbewusst, dass wir ihre Existenz in uns leugnen könnten.
Die meisten von uns entwickeln nur ein oder zwei dieser Funktionen, doch es sollte unser Ziel sein, alle vier auszubilden. Nochmals: Jung betrachtet die Transzendenz von Gegensätzen als Ideal.
Zitation
Erikson, Erik [1902-1994] « | » Rank, Otto [1884–1939]
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