Jung, C. G. [1875-1961]

Diskussion

Sehr viele Menschen halten große Stücke auf Jungs Theorie. Unter anderem zum Beispiel Schriftsteller, Künstler, Musiker, Filmemacher, Theologen, Geistliche aller Konfessionen, Menschen, die Mythologie studieren, und natürlich auch einige Psychologen. Mir fällt zum Beispiel der Mythologe Joseph Campbell ein, der Filmemacher George Lucas und die Science Fiction Autorin Ursula K. Le Guin. Jeder, der sich für Kreativität, Spiritualität, psychische Phänomene, das Universelle und ähnliches interessiert, wird in Jung einen verwandten Geist finden.

Doch Wissenschaftler, auch die meisten Psychologen, haben größere Schwierigkeiten mit Jung. Denn er unterstützt nicht nur die teleologische Sichtweise (wie auch die meisten Persönlichkeitstheoretiker), sondern Jung geht noch einen Schritt weiter und spricht von der mystischen Verbundenheit der Synchronizität. Er postuliert nicht nur ein Unbewusstes, das empirischen Untersuchungen nicht so einfach zur Verfügung steht, sondern er postuliert ein kollektives Unbewusstes, das nie bewusst war und auch nie bewusst sein wird.

Im Grunde nimmt Jung eine Zugangsweise ein, die genau gegenteilig verläuft, wie die Zugangsweise des Mainstream-Reduktionismus. Jung beginnt mit den höchsten Stufen – sogar mit Spiritualismus – und leitet die niedrigeren Stufen der Psychologie und Physiologie von der Grundlage dieser höheren Stufen ab.

Doch auch Psychologen, die seiner Teleologie und antireduktionistischer Sichtweise Beifall spenden, kommen vielleicht nicht so gut mit seiner Theorie zurecht. Genau wie Freud versucht auch Jung, alles in sein System zu integrieren. Somit bleibt kaum Raum für Zufall oder Einwirkung äußerer Umstände. In Jungs Theorie scheint die Persönlichkeit – und das Leben insgesamt – “übermäßig erklärt” zu sein.

Nach meiner Erfahrung ist seine Theorie besonders für Studenten attraktiv, die selbst Schwierigkeiten im Umgang mit der Realität haben. Wenn die Welt, insbesondere die soziale Welt, zu schwierig wird, ziehen sich manche Menschen in die Fantasie zurück. Einige werden zum Beispiel so genannte Couch Potatoes. Doch andere wenden sich komplexen Ideologien zu, die vorgeben, alles erklären zu können. Manche treten gnostischen oder tantrischen Religionen bei, wo es verschlungene Systeme von Engeln und Dämonen, Himmeln und Höllen gibt, wo Symbole endlos diskutiert werden. Andere wenden sich Jung zu. Daran gibt es nicht auszusetzen; doch für jemanden, der den Kontakt zur Realität verloren hat, wird dieses System nicht besonders hilfreich sein.

Diese kritischen Anmerkungen entziehen Jungs Theorie natürlich nicht ihre Basis. Es geht nur darum, darauf hinzuweisen, dass man sich das Ganze auch eingehend überlegt.

positive Aspekte

Hier sind der Myers-Briggs sowie andere Tests basierend auf Jungs Typen und Funktionen zu nennen. Weil diese Tests die Menschen nicht auf Dimensionen zwischen “gut” und “böse” festlegen, sind sie weit weniger bedrohlich. Sie eignen sich vielmehr dazu, die Menschen zu ermutigen, sich ihrer selbst bewusst zu werden.

Die Archetypen scheinen auf den ersten Blick Jungs seltsamste Idee zu sein. Dennoch haben sie sich in der Analyse von Mythen, Märchen, Literatur allgemein, künstlerischer Symbole und religiöser Standpunkte als nützlich herausgestellt. Offensichtlich umfassen die Archetypen einige der grundlegenden “Einheiten” unseres Selbstausdrucks. Viele haben in diesem Kontext angemerkt, es gebe so viele Geschichten und Charaktere in der Welt, dass wir einfach nur fortlaufend die verschiedenen Details umorganisieren.

Darin aber liegt der Hinweis darauf, dass die Archetypen sich tatsächlich auf einige tiefe Strukturen des menschlichen Verstandes beziehen. Zumindest aus der physiologischen Perspektive aus betrachtet, kommen wir mit einer bestimmten Struktur auf diese Welt: Wir sehen in bestimmter Weise, hören in bestimmter Weise und verhalten uns in bestimmter Weise, weil unsere Neuronen, Drüsen und Muskeln eine bestimmte Struktur aufweisen. Mindestens ein Vertreter der kognitiven Psychologie hat vorgeschlagen, nach Strukturen Ausschau zu halten, die Jungs Archetypen entsprechen!

Letztlich hat Jung uns auch im Bezug auf die Unterschiede zwischen der Kindheitsentwicklung und der Entwicklung des erwachsenen Menschen die Augen geöffnet. Kinder betonen beim Lernen eindeutig die Differenzierung – es geht darum, ein Ding vom anderen zu trennen. “Was ist das?” “Warum ist es so und nicht so?”, “Welche anderen Formen gibt es?” Kinder suchen aktiv nach Unterschieden. Und viele Menschen – Psychologen eingeschlossen – waren davon so beeindruckt, dass sie annahmen, bei allen Lernvorgängen gehe es um Differenzierung, also darum, mehr und mehr “Dinge” zu lernen.

Jung hingegen hat darauf hingewiesen, dass Erwachsene mehr nach Integration suchen, danach, Gegensätze zu überbrücken. Erwachsene suchen nach der Verbindung zwischen Dingen, danach, wie die Dinge zusammenpassen, wie sie interagieren, wie sie zum Ganzen beitragen. Wir wollen allem einen Sinn abringen, die Bedeutung finden, den Zweck des Ganzen. Kinder entwirren die Welt; Erwachsene knüpfen alles wieder zusammen.

Verbindungen

Einerseits steht Jung noch in der Tradition seiner Freudianischen Wurzeln. Er betont das Unbewusste sogar noch mehr als die Freudianer. Man kann ihn im Grunde als die logische Erweiterung von Freuds Tendenz betrachten, die Gründe für alles in die Vergangenheit zu verlagern. Auch Freud sprach von Mythen – zum Beispiel von Ödipus – und davon, welche Bedeutung diese Mythen für die moderne Psyche haben.

Andererseits hat Jung vieles mit Neofreudianern, Humanisten und Existentialisten gemeinsam. Er geht davon aus, dass wir uns fortentwickeln, uns in eine positive Richtung bewegen statt uns nur anzupassen, wie Freudianer und Behavioristen es sehen würden. Jungs Vorstellung der Selbsterkenntnis ähnelt eindeutig der Vorstellung der Selbstverwirklichung.

Das Balancieren oder Transzendieren von Gegensätzen findet auch Entsprechungen in anderen Theorien. Alfred Adler, Otto Rank, Andreas Angyal, David Bakan, Gardner Murphy und Rollo May sprechen alle von der Balance zweier gegensätzlicher Neigungen, die eine in Richtung individueller Entwicklung und die andere hin zur Entwicklung von Mitgefühl oder sozialem Interesse. Rollo May spricht davon, dass die Psyche aus vielen “daimons” (kleinen Göttern) besteht, wie etwa das Bedürfnis nach Sex oder Liebe oder Macht. All diese sind positiv, sollte eines dieser Bedürfnisse jedoch die gesamte Persönlichkeit beherrschen, haben wir es mit einer “daimonischen Besessenheit” (daimonic possession) oder psychischer Krankheit zu tun!

Und zu guter Letzt haben wir durch Jungs Arbeit eine breitere Interpretationspalette zum Beispiel der Symptome oder Träume oder freier Assoziation erhalten. Während Freud mehr oder weniger rigide (insbesondere sexuelle) Interpretationen entwickelte, fand Jung eher freie “mythologische” Interpretationen, in denen irgendwie alles alles mögliche bedeuten könnte. Insbesondere die existentialistische Analyse hat von Jungs Vorstellungen profitiert.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Jung, C. G. [1875-1961], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/jung

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