
Kelly, George [1905-1967]
Modulationskorollar ( modulation corollary )
“The variation in a person’s construction system is limited by the permeability of the constructs within whose range of convenience the variants lie.”
(Für einen Menschen ist die Variationsbreite des Systems von Konstrukten durch die Durchlässigkeit der Konstrukte begrenzt, in deren Reichweite diese Varianten liegen.)
Einige Konstrukte sind “elastisch”, sie “modulieren”, sie sind durchlässig, was bedeutet, dass sie für Erweiterungen offen sind. Andere Konstrukte sind relativ undurchlässig.
Für die meisten von uns ist beispielsweise gut-schlecht recht durchlässig. Wir fügen fortlaufend neue Elemente hinzu: Vielleicht haben wir nie zuvor einen Computer gesehen, oder einen CD Player, oder ein Faxgerät, doch sobald wir ein solches Gerät gesehen haben, wollen wir herausfinden, welches die beste Marke ist. Wenn jemand nach einem Stein sucht, weil kein Hammer in Reichweite ist, verwendet diese Person das Konstrukt “Gegenstände, mit denen man hämmern kann” in durchlässiger Weise.
Andererseits ist floureszent-weißglühend relativ undurchlässig: Man kann es auf Lichtquellen anwenden, doch nur wenige andere Bereiche sind zulässig. Menschen, die Ihnen nicht erlauben, auf dem Tisch zu sitzen, halten ihr Konstrukt für “Dinge, auf denen man sitzen kann” sehr undurchlässig.
Falls dies so scheint, als sei es nur ein anderer Weg, über zufällige versus allgemeine Konstrukte zu sprechen, so sollten wir festhalten, dass man allgemeine und zugleich undurchlässige Konstrukte haben kann – wie etwa wenn jemand sagt “Was ist nur aus der guten alten Zeit geworden? Es gibt heutzutage einfach keine ehrlichen Menschen mehr.” Anders ausgedrückt ist hier “ehrlich” zwar umfassend konzipiert, dennoch aber geschlossen. Ebenso gibt es zufällige Konstrukte, die in durchlässiger Weise angewendet werden, wenn man etwa sagt “Oh du schaust heute aber weißglühend aus!” Durchlässigkeit ist die Seele der Dichtkunst!
Wenn es keine “Elastizität” mehr in den eigenen Konstrukten gibt, muss man sich eventuell drastischeren Maßnahmen zuwenden. Erweiterungen finden statt, wenn man die Reichweite der eigenen Konstrukte ausdehnt. Angenommen Sie glauben nicht an außersinnliche Wahrnehmung ( extrasensory perception ; ESP). Sie gehen auf eine Party, hören plötzlich eine Stimme in Ihrem Kopf und bemerken, wie einer der Partygäste Sie verschwörerisch anschaut! Sie wären gezwungen, die Reichweite Ihrer Konstrukte bezogen auf außersinnliche Wahrnehmung sehr schnell zu erweitern.
Andererseits zwingen uns manche Ereignisse, die Reichweite eines Konstrukts ebenso drastisch einzuschränken. Dies wird als Konstriktion ( constriction ) bezeichnet. Ein Beispiel wäre, wenn man die Realitäten des Krieges erlebt, nachdem man das ganze Leben hindurch glaubte, Menschen seien moralische Wesen. Das Konstrukt, das die “Moral” beinhaltet, könnte ins Grenzenlose zusammenschrumpfen.
Wir halten fest, dass Erweiterung und Konstriktion eher emotionaler Natur sind. So kann man Depression und manische Zustände leichter verstehen. Eine manische Person hat Konstrukte bezüglich des eigenen Glücklickseins enorm erweitert und schreit “Ich hätte nie gedacht, dass das Leben so sein könnte!” Jemand, der unter Depressionen leidet, hat hingegen die Konstrukte bezüglich des Lebens und der guten Dinge des Lebens darauf eingeschränkt, allein im Dunkeln zu sitzen.
Auswahlkorollar ( choice corollary )
“A person chooses for himself that alternative in a dichotomized construct through which he anticipates the greater possibility for extension and definition of his system.”
(Man wählt die Alternative eines dichotomen Konstrukts, von dem man sich die größte wahrscheinliche Möglichkeit zur Ausdehnung und Definition des eigenen Systems verspricht.)
Angesichts all dieser Konstrukte und all dieser Pole, wie wählen wir unsere Verhaltensweise aus? Kelly sagt, dass wir das auswählen, was wahrscheinlich zum Ausbau unseres Systems von Konstrukten beitragen wird, also etwas, das unser Verständnis und unsere Fähigkeit, Entwicklungen vorauszusehen, verbessern wird. Die Wirklichkeit limitiert die Reichweite dessen, was wir erfahren oder tun, doch wir wählen, wie wir diese Wirklichkeit interpretieren oder übersetzen. Und wir suchen uns eine Interpretation aus, die uns am hilfreichsten erscheint.
Gewöhnlich hat man zwischen einer abenteuerlichen und einer sicheren Alternative zu wählen. Wir könnten zum Beispiel unser Verständnis heterosexueller menschlicher Interaktion (Partyleben) dadurch erweitern, dass wir die abenteuerliche Wahl treffen, mehr Partys besuchen, mehr Leute kennen lernen, mehr Bekanntschaften schließen und so weiter.
Andererseits könnten wir unser Verständnis auch dadurch erweitern, dass wir den sicheren Weg wählen: zu Hause bleiben, darüber nachdenken, was mit dem letzten Partner schief gelaufen ist. Welche Wahl wir treffen, hängt davon ab, was wir zu brauchen meinen.
Wo wir uns schon so intensiv mit den eigenen Auswahlmöglichkeiten beschäftigen, könnte man sich fragen, was Kelly zu freiem Willen versus Determinismus zu sagen hat. Was er zu sagen hat, ist sehr interessant: Er betrachtet Freiheit als ein relatives Konzept. Wir sind nicht “frei” oder “unfrei”; einige von uns sind freier als andere; wir sind in manchen Situationen freier als in anderen; wir sind von einigen Einflüssen freier als von anderen; und wir sind unter manchen Konstrukten freier als unter anderen.
Zitation
Piaget, Jean [1896-1980] « | » Bandura, Albert [*1925 ]
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