Kelly, George [1905-1967]

Individualitätskorollar ( individuality corollary )

“Persons differ from each other in their construction of events.”
(Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Ereignisse konstruieren.)

Da jeder unterschiedliche Erfahrungen hat, ist auch die Konstruktion von Realität unterschiedlich. Wir erinnern uns, dass Kelly seine Theorie als Theorie der persönlichen Konstrukte bezeichnet. Kelly hält nichts von klassifizierenden Systemen, Persönlichkeitstypen oder Persönlichkeitstests. Wir werden noch sehen, dass der berühmte “Rep Test”, den er entwickelt hat, kein Test im traditionellen Sinne ist.

Gemeinschaftskorollar ( communality corollary )

“To the extent that one person employs a construction of experience which is similar to that employed by another, his psychological processes are similar to the other person.”
(In dem Maße, in dem jemand ein Erfahrungskonstrukt verwendet, welches dem einer anderen Person ähnelt, sind dessen psychologische Prozesse ähnlich denen der anderen Person.)

Nur weil wir alle unterschiedlich sind, heißt das nicht, dass wir nicht auch ähnlich sein können. Wenn unser System der Konstrukte – unser Verständnis der Realität – ähnlich ist, sind auch unsere Erfahrungen, Verhaltensweisen und Empfindungen ähnlich. Wenn wir zum Beispiel die Kultur gemeinsam haben, werden wir die Dinge ähnlich sehen und je näher wir uns sind, desto ähnlicher werden wir sein.

Kelly stellt fest, dass wir viel Zeit damit verbringen, von anderen Menschen Bestätigung zu erhalten. Ein Mann, der sich mit einem Seufzer “Frauen!” an den Tresen setzt, tut dies in der Erwartung, dass sein Nachbar reagiert und diese Weltsicht teilt; was er gerade dringend braucht ist: “Oh ja, Frauen! Du kannst nicht mit und auch nicht ohne.” Dieses Szenario trifft nach angemessenen Änderungen ebenso auf Frauen zu. Und ähnliche Szenarien treffen auf Kindergartenkinder, adoleszente Gangs, den Klan, politische Parteien, wissenschaftliche Konferenzen und wo weiter zu. Wir suchen bei den Menschen, die uns ähnlich sind, nach Unterstützung. Nur sie können wissen, wie wir wirklich empfinden!

Fragmentierungskorollar ( fragmentation corollary )

“A person may successively employ a variety of construction subsystems which are inferentially incompatible with each other.”
(Ein Mensch mag nacheinander eine Reihe von Konstrukt-Subsystemen anwenden, welche in ihrer Schlussfolgerung nicht miteinander kompatibel sind.)

Wir können demnach uns selbst gegenüber inkonsistent sein. Jemand, der “alles auf der Reihe hat” und jederzeit, überall als eine einheitliche Persönlichkeit funktioniert, ist eher selten. Zum Beispiel haben alle von uns verschiedene Rollen, die wir im Leben spielen: Ich bin ein Mann, Ehemann, Vater, Sohn, Professor; ich habe bestimmte ethnische, religiöse und philosophische Identifikationen; manchmal bin ich Patient, oder Gast, oder Gastgeber, oder Kunde. Und in all diesen Rollen bin ich nicht ganz derselbe.

Oft sind diese Rollen durch äußere Umstände voneinander getrennt. Ein Mann kann nachts Polizist sein und sich unerbittlich, autoritär, effizient verhalten. Doch tagsüber ist er Vater und verhält sich sanft, hingebungsvoll, zart. Da die situativen Umstände voneinander getrennt sind, geraten die Rollen nicht in Konflikt. Doch Gott bewahre – der Mann erlebt eine Situation, in der er sein eigenes Kind verhaften muss! Oder ein Elternteil behandelt ein Kind wie einen Erwachsenen, eine Minute später zanken sie herum und im nächsten Moment hält das Elternteil das Kind wie ein Baby im Arm. Wer die Szene beobachtet, runzelt vielleicht angesichts der Inkonsequenz die Stirn. Doch für die meisten Menschen gilt, dass diese Unbeständigkeit auf höheren Ebenen integriert sind: In jeder Situation mag das Elternteil Liebe zu und Sorge um das Kind ausdrücken.

Einige Nachfolger haben eine alte Idee wieder in das Studium der Persönlichkeit eingeführt, dass nämlich jeder von uns eine Gemeinschaft von Selbsten ist, statt nur ein einziges Selbst. Das mag wahr sein. Doch andere Theoretiker würden entgegnen, dass eine vereinte Persönlichkeit gesünder ist, und dass eine Gemeinschaft von Selbsten einfach zu nah an der multiplen Persönlichkeit liegt, um als Konzept hilfreich zu sein!

Geselligkeitskorollar ( sociality corollary )

“To the extent that one person construes the construction processes of another, he may play a role in a social process involving the other person.”
(In dem Maße, in dem eine Person den Konstruktsprozess einer anderen interpretiert, mag sie eine Rolle in einem sozialen Prozess der anderen Person spielen.)

Auch wenn Sie einer anderen Person nicht wirklich ähnlich sind, können Sie sich dennoch zu ihr in Beziehung setzen. Sie können im Grunde “interpretieren, wie jemand anders interpretiert”, “jemanden psychisch durchleuchten”, “in den Kopf der anderen Person kriechen” und “wissen, was der andere bedeutet”. Mit anderen Worten, ich kann einen Teil von mir selbst beiseite legen (möglich durch das fragmentation corollary ), um jemand anders zu “sein”.

Darin liegt ein wichtiger Aspekt des Rollenspiels, denn immer wenn Sie eine Rolle spielen, tun Sie es für oder mit jemandem, jemand, den Sie verstehen müssen, um sich zu ihm in Beziehung setzen zu können. Kelly hielt diesen Punkt für so wichtig, dass er seine Theorie beinahe Rollentheorie genannt hätte, nur war dieser Name bereits vergeben. Die Idee stammt aus einer Richtung der Soziologie, die George Herbert Mead gegründet hat.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Kelly, George [1905-1967], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/kelly

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