Kelly, George [1905-1967]

Empfindungen

Bis hier her klingt die Theorie sehr kognitiv, sehr viel Betonung liegt auf Konstrukten und viele haben das als wichtigsten Kritikpunkt gegen Kellys Theorie angeführt. Doch Kelly ließ sich nicht gern als Kognitionspsychologen bezeichnen. Seiner Auffassung nach ging es vielmehr um traditionelle Gedanken der Wahrnehmung, des Verhaltens und der Empfindung, sowie eben auch um Kognition.

Was Sie und ich Emotionen nennen würden (oder Affekt, oder Gefühle), bezeichnete Kelly als Konstrukte des Übergangs ( constructs of transition ), weil es sich um die Erfahrungen handelt, die wir machen, wenn wir die Welt oder uns selbst oder andere nicht mehr auf eine bestimmte Weise betrachten.

Wenn Sie plötzlich feststellen, dass Ihre Konstrukte nicht gut funktionieren, empfinden Sie Angst. Dabei kann es sich um alles mögliche handeln – Ihr Konto ist im roten Bereich, Sie vergessen jemandes Namen, Sie erleben einen unerwarteten halluzinogenen Trip oder vergessen Ihren eigenen Namen. Wenn nicht eintrifft, was wir erwarten, empfinden wir Angst. Wer sich mit Sozialpsychologie beschäftigt hat, wird hierin das Konzept der kognitiven Dissonanz wiedererkennen.

Bezieht sich die Angst auf Erwartung großer Veränderungen für die eigenen Kernkonstrukte – die Konstrukte, die uns am wichtigsten sind, – wird es zur Bedrohung. Wenn Sie sich zum Beispiel nicht wohl fühlen, denken Sie, es könnte eine ernste Erkrankung sein. Sie gehen zum Arzt. Er untersucht, schüttelt den Kopf, untersucht erneut. Er wirkt ernst, ruft einen Kollegen hinzu…. Das ist “Bedrohung”. Etwas ähnliches empfinden wir, wenn wir die Hochschule abschließen, heiraten, das erste Kind bekommen und auch während einer Therapie.

Wenn Sie Dinge tun, die nicht im Einklang mit Ihren Konstrukten sind – mit Ihrer Vorstellung davon, wer Sie sind und wie Sie sich verhalten sollten – empfinden Sie Schuldgefühle. Darin liegt eine neuartige und nützliche Definition von Schuld, weil hier Situationen eingeschlossen sind, von denen man weiß, dass sie Schuldgefühle beinhalten, ohne jedoch wirklich unmoralisch zu sein. Wenn Ihr Kind in ein Loch fällt, mag das gar nicht Ihre Schuld sein, trotzdem empfinden Sie Schuldgefühle, denn es verletzt Ihre Überzeugung, es sei Ihre Pflicht, derartige Unfälle zu verhindern. In ähnlicher Weise fühlen sich Kinder oftmals schuldig, wenn ein Elternteil krank wird oder die Eltern sich scheiden lassen. Und wenn ein Krimineller etwas tut, das nicht seinem Charakter entspricht, etwas, das die übrige Welt als gut ansehen würde, fühlt auch er sich deswegen schuldig!

Jetzt haben wir ausführlich dargelegt, dass wir uns der Welt anpassen, wenn unsere Konstrukte nicht mit der Realität übereinstimmen, doch es gibt noch einen anderen Weg: Sie können ebenso gut versuchen, die Realität Ihren Konstrukten anzupassen. Kelly bezeichnet dies als Aggression. Die eigentliche Aggression ist hierin enthalten: Wenn jemand sich über meine Krawatte aufregt, kann ich ihn umhauen, in diesem Fall kann ich meine Krawatte in Frieden tragen. Doch mit eingeschlossen sind auch Dinge, die wir heute wohl bevorzugt als Bestimmtheit bezeichnen würden: Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie sein sollten, und wir sollten sie unseren Idealen anpassen. Ohne diese Bestimmtheit gäbe es keinen gesellschaftlichen Fortschritt!

Wieder kann aus Aggression Feindseligkeit werden, wenn es um unsere Konstrukte geht. Bei der Feindseligkeit geht es darum, darauf zu beharren, dass die eigenen Konstrukte gültig sind, und zwar trotz der überwältigenden Beweise für das Gegenteil. Beispiele sind unter anderem ein älterer Boxer, der darauf besteht, immer noch “der Größte” zu sein, oder ein Spinner, der wirklich glaubt, ein Don Juan zu sein, oder jemand in einer Therapiesituation, der sich strikt weigert anzuerkennen, dass es überhaupt irgendein Problem gibt.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Kelly, George [1905-1967], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/kelly

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