Kelly, George [1905-1967]

George Kelly unterrichtete 1931 physiologische Psychologie am Fort Hays Kansas State College. Es war die Zeit der dust bowl und der Depression. Als er die Leiden und Sorgen der Farmerfamilien in diesem Teil von West-Zentral Kansas wahrnahm, entschloss er sich, etwas Humanitäreres in seinem Leben zu beginnen: Er beschloss, einen ländlichen klinischen Dienst einzurichten.

In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass es sich bei dieser Unternehmung kaum um ein profitables Unterfangen handeln konnte, denn viele seiner Klienten hatten kein Geld. Einige konnten gar nicht erst zu ihm kommen, daher reisten er und seine Studenten zu den Klienten, manchmal waren sie stundenlang unterwegs.

Zunächst schöpfte Kelly aus seinen Kenntnissen der Freudschen Theorie, die damals jeder Doktor der Psychologie beherrschte. Er ließ die Leute auf einer Couch liegen, ließ sie frei assoziieren und ihm ihre Träume schildern. Wenn er Widerstand oder Symbole sexueller und aggressiver Bedürfnisse erkannte, teilte er ihnen geduldig seine Eindrücke mit. Ihm erschien es erstaunlich, wie gerne die relativ ungebildeten Menschen seine Erklärung ihrer Probleme annahmen. Denn vor ihrem kulturellen Hintergrund sollte die Freudsche Deutung doch eigentlich eher bizarr erscheinen. Offensichtlich hatten sie großes Vertrauen in ihn als Profi.

Doch Kelly war sich selbst der standardisierten Erklärungen nach Freud nicht so sicher. Er fand sie ein wenig zu weit hergeholt, dem Leben einer Farmersfamilie in Kansas nicht angemessen. Und mit der Zeit stellte er fest, dass seine Traumanalysen immer unorthodoxer wurden. Er begann sogar, sich die Deutungen “auszudenken”! Seine Klienten hörten nach wie vor aufmerksam zu, glaubten ihm ebenso wie zuvor und machten dieselben kleinen doch stetigen Fortschritte.

Ihm dämmerte, dass diesen Menschen vor allem wichtig war, eine Erklärung für ihre Schwierigkeiten zu erhalten, dass sie einen Weg fanden, sie zu verstehen. Entscheidend war, dass ein wenig Ordnung in das “Chaos” ihres Lebens kam. Und Kelly entdeckte, dass jegliche Art der Ordnung und des Verstehens, die von einer Autorität vermittelt wurde, dankend angenommen wurde, doch Ordnung und Verstehen waren noch willkommener, wenn sie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenssituation gewonnen wurden.

Vor dem Hintergrund dieser Einsichten entwickelte Kelly seine Theorie und Philosophie. Auf die Theorie werden wir später zurückkommen. Die Philosophie, die er entwickelte, nannte er konstruktiven Alternativismus ( constructive alternativism ). Konstruktiver Alternativismus bedeutet, während es nur eine wahre Realität gibt, wird Realität immer aus der einen oder anderen Perspektive – dem alternativen Konstrukt – aus erfahren. Ich habe ein solches Konstrukt, Sie haben eines, ein Mensch auf der anderen Seite des Planeten hat eines, jemand, der vor langer Zeit lebte, hat eines, ein primitiver Mensch hat eines, ein moderner Wissenschaftler hat eines, jedes Kind hat eines, sogar jemand, der schwer psychisch krank ist, hat eines.

Einige Konstruktionen sind besser als andere. Meine, so hoffe ich, ist besser als die eines psychisch schwer kranken Menschen. Die Konstruktion meines Hausarztes bezogen auf meine Krankheiten ist, wie ich hoffe, besser als die des hiesigen Geistheilers. Dennoch ist niemandes Konstruktion jemals vollständig – die Welt ist einfach zu kompliziert, zu groß, als dass irgendjemand eine perfekte Perspektive haben könnte. Und niemandes Perspektive darf jemals völlig ignoriert werden. Im Grunde ist jede einzelne eine Perspektive der ultimativen Realität und hat ihren Wert für die betreffende Person zur jeweiligen Zeit am jeweiligen Ort.

Kelly geht davon aus, dass es eine unendliche Anzahl alternativer Konstruktionen bezogen auf die Welt gibt, und wenn sich unsere Konstruktion als wenig hilfreich erweist, nehmen wir eine andere!

Biographie

George Kelly ist am 28. 1905 auf einer Farm in der Nähe von Perth in Kansas geboren. Er war das einzige Kind von Theodore und Elfleda Kelly. Sein Vater war ursprünglich presbyterianischer Priester, der auf den Rat seines Arztes hin mit der Farmarbeit begonnen hatte. Seine Mutter hatte als Lehrerin gearbeitet.

George hatte bis dahin nur unregelmäßig die Schule besucht. Seine Familie zog nach Colorado, als er noch jung war, doch als das Wasser knapp wurde, waren sie gezwungen, nach Kansas zurückzukehren. Seither besuchte George zumeist Schulen, die nur einen Klassenraum hatten. Glücklicherweise engagierten sich die Eltern für seine Bildung. Im Alter von dreizehn Jahren wurde er schließlich nach Wichita ins Internat geschickt.

Nach dem High School Abschluss war Kelly ein gutes Beispiel für jemanden, der sich für alles interessierte und dabei grundsätzlich ohne feste Richtung war. 1926 erhielt er den Bachelor Abschluss für Physik und Mathematik am Park College, anschließend einen Masters Abschluss in Soziologie von der University of Kansas. Er zog nach Minnesota, wo er Labor Organizers und Bankern öffentliche Ansprachen zu halten lehrte und zudem Immigranten Unterricht in Bürgerrecht gab.

Dann zog er nach Sheldon, Iowa, um, wo er am Junior College Theaterwissenschaft unterrichtete; dort traf er auch seine zukünftige Frau Gladys Thompson. Nach einigen kurzen Anstellungen erhielt er den Status eines Fellows, so dass er die University of Edinburgh besuchen konnte; dort erhielt er einen Bachelor der Erziehungswissenschaften im Fach Psychologie. 1931 schloss er mit einem Ph.D. in Psychologie an der State University of Iowa ab.

Während der Depression arbeitete er am Fort Hays Kansas State College, wo er seine Theorie und die klinischen Techniken entwickelte. Während des Zweiten Weltkriegs diente Kelly in der Navy als Psychologe im Bereich Luftfahrt, gefolgt von einer kurzen Anstellung an der University of Maryland.

1946 ging er zur Ohio State University, ein Jahr nachdem Carl Rogers dort fortgegangen war, und wurde zum Direktor des dort ansässigen klinischen Programms ernannt. Hier reifte seine Theorie voll aus, hier schrieb er auch sein zweibändiges Werk The Psychology of Personal Constructs.

1965 nahm er eine Forschungsstelle an der Brandeis University an, wo auch Maslow arbeitete. Leider starb er kurz darauf am 6. März 1967.

Theorie

Kellys Theorie beginnt mit dem, was er seine “fruchtbare Metapher” ( fruitful metaphor ) nannte. Er hatte lange zuvor festgestellt, dass Wissenschaftler und Therapeuten oftmals eine besondere Einstellung den Menschen gegenüber an den Tag legten: Während sie gut von sich selbst dachten, neigten sie dazu, auf ihre Klienten und Forschungsprobanden hinabzusehen. Sich selbst sahen sie als Menschen, die sich mit den Künsten der Vernunft und der Empirie beschäftigten, gewöhnliche Menschen aber hielten sie für die Opfer ihrer sexuellen Energien oder für Opfer konditionierender Geschichte. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrung mit Studenten und Farmern in Kansas stellte Kelly fest, dass sich auch die gewöhnlichen Menschen mit Wissenschaft beschäftigten, auch sie versuchten zu verstehen, was um sie herum vorging.

KonstrukteFolglich sind die Leute – gewöhnliche Leute – Wissenschaftler. Sie haben Konstrukte ihrer Realität erschaffen, genau wie Wissenschaftler ihre Theorien zusammenstellen. Sie haben Hoffnungen und Erwartungen, die den Hypothesen der Wissenschaftler entsprechen. Sie ändern ihr Verhalten, um diese Erwartungen zu testen, wie bei den Experimenten der Wissenschaftler. Auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen verbessern sie ihr Verständnis der Realität, so wie Wissenschaftler ihre Theorien den Fakten anpassen. Von dieser Metapher stammt Kellys ganze Theorie.

fundamentales Postulat ( fundamental postulate )

Kelly teilte seine Theorie in ein fundamentales Postulat und 11 Korollarien (=Schlussfolgerungen) auf. Sein fundamentales Postulat ist folgendes:

“A person’s processes are psychologically channelized by the ways in which he anticipates events.”
(Die Prozesse eines Menschen sind psychologisch in der Weise kanalisiert, wie dieser Mensch Ereignissen entgegensieht.)

(Dieses Postulat sowie alle folgenden Zitate stammen aus Kelly: Die Psychologie der persönlichen Konstrukte ( The Psychology of Personal Constructs ) erschienen 1955.)

Die zentrale Bewegung im wissenschaftlichen Prozess verläuft folgendermaßen: von der Hypothese zum Experiment oder zur Beobachtung, also von Erwartung zu Erfahrung und Verhalten.

Mit Prozessen meint Kelly unsere Erfahrungen, Gedanken, Empfindungen, Verhaltensweisen und was immer sonst noch übrig ist. All diese Dinge sind determiniert, und zwar nicht nur von der Realität dort draußen, sondern auch von unseren Bemühungen, die Welt, andere Menschen und uns selbst zu antizipieren, von einem Moment zum anderen ebenso wie von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr.

Wenn ich also aus dem Fenster schaue, um die Quelle irgendwelcher störender Geräusche zu finden, dann sehe ich nicht einfach exakt und vollkommen das, was da draußen ist. Ich sehe das, was meinen Erwartungen entspricht. Ich bin vielleicht auf Vögel eingerichtet, oder auf spielende Kinder. Ich bin nicht vorbereitet auf einen Bulldozer, der quietscht, statt wie gewöhnlich zu dröhnen, oder auf eine fliegende Untertasse, die in meinem Hof landet. Wäre wirklich ein UFO die Quelle des Lärms, würde ich es zuerst nicht wirklich wahrnehmen. Zuerst nämlich würde ich “etwas” wahrnehmen. Ich wäre verwirrt und ängstlich. Ich würde herauszufinden versuchen, was ich mir da gerade ansehe. Ich würde alle möglichen Verhaltensweisen an den Tag legen, die mir helfen, das herauszufinden, oder mich von der Quelle meiner Angst wegbringen! Erst nach einer Weile würde ich die richtige Antizipation, die richtige Hypothese herausfinden: “Oh mein Gott, es ist ein UFO!”

Wären UFOs in meiner Welt hingegen ein alltägliches Vorkommnis, würde ich bei kreischenden Geräuschen Vögel, Kinder oder ein UFO vermuten, eine Antizipation, die dann durch einen Blick aus dem Fenster leicht bestätigt werden könnte.

Konstruktkorollar ( construction corollary )

“A person anticipates events by construing their replications.”
(Man antizipiert Ereignisse, indem man ihre Replikationen übersetzt.)

Das bedeutet, dass wir unsere Antizipationen mit Hilfe unserer vergangenen Erfahrungen konstruieren. Wir sind grundlegend konservative Geschöpfe; wir erwarten, dass die Dinge so geschehen, wie sie zuvor schon geschehen sind. Wir suchen in unseren Erfahrungen nach den Mustern, nach Konsistenz. Wenn ich meinen Wecker stelle, gehe ich davon aus, dass er zur richtigen Zeit klingeln wird, wie er es immer tut. Wenn ich mich jemandem gegenüber nett verhalte, erwarte ich, dass er mich auch nett behandelt.

Das ist der Schritt von der Theorie zur Hypothese, also von Konstrukt (Wissen, Verständnis) zu Antizipation.

Erfahrungskorollar ( experience corollary )

“A person’s construction system varies as he successively construes the replication of events.”
(Das Konstruktsystem eines Menschen variiert, während er erfolgreich die Replikation der Ereignisse konstruiert.”

Wenn die Dinge nicht wie in der Vergangenheit geschehen, müssen wir Anpassungen vornehmen, rekonstruieren. Diese neue Erfahrung ändert unsere zukünftigen Antizipationen. Wir lernen.

Das ist der Schritt von Experiment und Beobachtung zur Validierung oder Rekonstruktion: Basierend auf den Ergebnissen unseres Experiments – unserem Verhalten – oder unserer Beobachtung – unseren Erfahrungen – behalten wir entweder unser Vertrauen in unsere Theorie der Wirklichkeit, oder ändern die Theorie.

Dichotomiekorollar ( dichotomy corollary )

“A person’s construction system is composed of a finite number of dichotomous constructs.”
(Das Konstruktsystem eines Menschen setzt sich aus einer endlichen Anzahl dichotomer Konstrukte zusammen.)

Wir speichern unsere Erfahrungen in Form von Konstrukten, Kelly nannte sie auch “hilfreiche Konzepte”, “bequeme Fiktionen” und “transparente Schablonen”. Wir “legen” diese Schablonen auf die Welt und sie leiten unsere Wahrnehmungen und Verhaltensweisen.

Kelly bezeichnet sie oftmals als persönliche Konstrukte, damit betont er, dass sie Ihre individuellen Konstrukte sind, ganz allein Ihre, niemand hat sie mit Ihnen gemeinsam. Ein Konstrukt ist kein Label, keine Schublade, keine Dimension, die ich als Psychologe auf einen gewöhnlichen Menschen lege. Es ist ein kleines Stück von dem, wie Sie die Welt sehen.

Außerdem bezeichnet er sie als bipolare Konstrukte, um zu unterstreichen, dass sie dichotomer Natur sind. Sie haben zwei Enden oder Pole: Wo es dürr gibt, gibt es auch fett, wo es groß gibt, gibt es auch klein, wo es aufwärts gibt, gibt es auch abwärts und so weiter. Wäre jeder fett, würde das Fettsein bedeutungslos oder gleichbedeutend mit “jeder”. Es muss einige dünne Leute geben, damit der Begriff fett überhaupt eine Bedeutung hat und umgekehrt!

Im Grunde ist das eine sehr alte Einsicht. Im alten China beschäftigten sich die Philosophen sehr intensiv mit Yin und Yang, den Gegensätzen, die zusammen ein Ganzes bilden. In jüngerer Vergangenheit hat sich auch C. G. Jung ausgiebig damit beschäftigt. Linguisten und Anthropologen nehmen diese Einsicht als gegebenen Bestandteil von Sprache und Kultur an.

Eine Reihe Psychologen, insbesondere Gestaltpsychologen, haben darauf hingewiesen, dass wir nicht so sehr separate Dinge assoziieren, wir differenzieren vielmehr die Dinge vor dem Hintergrund eines Ganzen. Zuerst sieht man eine Menge undifferenziertes “Zeug” ( buzzing, blooming confusion, wie William James es nannte). Dann lernt man, aus diesem “Zeug” die Dinge herauszupicken, die wichtiger sind, die für uns Bedeutung haben. Ein kleines Kind kümmert es nicht, ob du fett oder dünn bist, schwarz oder weiß, reich oder arm; erst wenn die Menschen um das Kind herum ihre Vorurteile zum Besten geben, beginnt ein Kind, diese Unterschiede wahrzunehmen.

Zahlreiche Konstrukte haben Namen oder sind einfach zu bezeichnen: gut-schlecht, fröhlich-traurig, introvertiert-extrovertiert …. Doch das muss nicht sein! Sie können auch namenlos sein. Babys, sogar Tiere, haben Konstrukte wie: Nahrung-die-ich-mag versus Nahrung-die-ich-ausspucke, Gefahr versus Sicherheit, Mama versus Fremder.

Vermutlich sind die meisten unserer Konstrukte nonverbal. Denken wir nur an die Gewohnheiten, die wir haben, aber nicht benennen; zum Beispiel die einzelnen Bewegungen beim Autofahren. Denken wir an die Dinge, die wir wiedererkennen, aber nicht benennen, wie etwa die Form unterhalb der Nase? (Es heißt Philtrum) Oder all die subtilen Dinge, die geschehen, wenn man sich “verliebt”.

Hier nähert sich Kellys Theorie der Unterscheidung von Bewusstem und Unbewusstem: Konstrukte mit Namen lassen sich leichter denken. Und mit Sicherheit kann man leichter über sie sprechen! Es ist, als wäre ein Name ein Griff, mit dem man ein Konstrukt greifen, bewegen und anderen zeigen kann. Und dennoch ist ein Konstrukt ohne Namen in gleicher Weise “da” und kann eine ebenso große Bedeutung in unserem Leben haben!

Gelegentlich ist es so, dass ein Konstrukt zwar Namen hat, wir aber so tun, als würde einer der Pole keinen Bezug zu einer Sache oder einer Person haben. Beispielsweise wenn jemand sagt, es gebe keine wirklich schlechten Menschen auf der Welt. Kelly würde sagen, dass derjenige, der so etwas sagt, den betreffenden Pol verborgen hält – ähnlich der Verdrängung.

Es könnte zum Beispiel sein, dass wenn diese Person die Bedeutung von “schlecht” anerkennen müsste, sie auch noch eine Reihe anderer Dinge anerkennen müsste: Vielleicht wäre dann auch Mama “schlecht”, oder Papa, oder ich selbst! Statt also etwas derartiges zuzugeben, würde diese Person lieber das ganze Konstrukt verwerfen. Leider ist das Konstrukt nach wie vor vorhanden und wird in den Verhaltensweisen und Empfindungen der Person sichtbar.

Eine weitere Differenzierung die Kelly bezogen auf Konstrukte vornimmt, ist die Unterscheidung von peripheren und zentralen Konstrukten ( peripheral and core constructs ). Die meisten Konstrukte in der Welt, bezogen auf andere und uns selbst, zählen zu den peripheren Konstrukten. Zentrale Konstrukte hingegen sind diejenigen, welche für uns selbst die größte Bedeutung haben, sie definieren mehr oder weniger, wer wir sind. Wenn wir die ersten 10 oder 20 Adjektive aufschreiben, die uns zu uns selbst einfallen, könnten sie unsere zentralen Konstrukte sehr gut widerspiegeln. Zentrale Konstrukte sind Kellys Annäherung an das Selbst.

Ordnungskorollar ( organization corollary )

“Each person characteristically evolves, for his convenience in anticipating events, a construction system embracing ordinal relationships between constructs.”
(Jeder Mensch entwickelt für seine Zwecke der Antizipation von Ereignissen in charakteristischer Weise ein System von Konstrukten, das ordinale Beziehungen zwischen Konstrukten umfasst.)

Konstrukte bestehen nicht unabhängig voneinander. Wenn dem so wäre, könnten wir nicht eine Information zur Erlangung einer anderen verwenden – wir könnten nicht antizipieren! Wenn Ihnen jemand ein Blinddate aufschwatzt und lang und breit von der großartigen Persönlichkeit des Menschen spricht, den Sie dort treffen werden, dann können Sie sicher sein, Sie wissen es einfach, dass Ihr Blinddate wie Quasimodo aussehen wird. Und wie sind Sie von der “großartigen Persönlichkeit” zu “Quasimodo” gekommen? Ordnung!

Einige Konstrukte sind anderen untergeordnet. Davon gibt es zwei Versionen. Zunächst gibt es eine taxonomische Art der Unterordnung – wie bei “Bäumen” –, welche die Verwandtschaft von Tier- und Pflanzenarten darstellt. Es gibt beispielsweise die Unterscheidung zwischen lebenden versus nicht lebenden Dingen; bei den lebenden Dingen unterscheidet man Pflanzen und Tiere; in der Gruppe der Pflanzen unterscheidet man Bäume und Blumen; in der Gruppe der Bäume gibt es wiederum Nadel- und Laubbäume; und so weiter.

Hinweis: Hier handelt es sich um persönliche Konstrukte, nicht um wissenschaftliche, damit handelt es sich hier um eine persönliche Taxonomie. Sie mag mit den Vorgaben im Biologiebuch übereinstimmen oder auch nicht. In der Gruppe der Nadelbäume gibt es für mich übrigens noch den Weihnachtsbaum.

Hinzu kommt eine definitorische Art der Unterordnung, die als Konstellation bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um Stapel von Konstrukten, deren Pole alle in einer Reihe liegen. Beispiel: Unterhalb der Unterscheidung Nadel- versus Laubbäume kann man noch zwischen Weich- und Hartholz unterscheiden, zwischen Nadel- und Laubbäumen, Bäume, die Zapfen oder Blüten hervorbringen und so weiter.

Darin liegt auch die Grundlage für Stereotype: “Wir” sind gut, sauber, schlau, moralisch etc. während “die anderen” schlecht, dumm, unmoralisch etc. sind.
Zahlreiche Konstrukte sind natürlich unabhängig von einander. Pflanzen-Tiere ist unabhängig von fluoreszent-weißglühend, um ein offensichtliches Beispiel zu nennen.

Manchmal ist die Beziehung zwischen zwei Konstrukten sehr eng. Wird ein Konstrukt fortwährend dazu verwendet, ein anderes vorauszusagen, haben wir ein enges Konstrukt. Vorurteile sind hier ein Beispiel: Sobald man einen Label für jemanden gefunden hat, wird man automatisch auch andere Eigenschaften dieser Person vorweg nehmen. Man zieht “voreilige Schlüsse”.

Bewegen wir uns im Bereich der Wissenschaft, müssen wir mit engen Konstrukten arbeiten. Wir bezeichnen das als rigorous thinking und es ist eine gute Sache. Wer würde nämlich einen Ingenieur Brücken bauen lassen auf der Basis wissenschaftlicher Gesetze, die nur vielleicht funktionieren? Menschen, die sich selbst für realistisch halten, bevorzugen oftmals enge Konstrukte.

Doch es ist nur ein kleiner Schritt von rigoros und realistisch zu rigide. Und diese Rigidität kann pathologisch werden, so dass eine obsessiv-zwanghafte Person bestimmte Dinge “genau so” tun muss, um keine Panikattacke zu erleiden.

Andererseits kann die Beziehung zwischen Konstrukten auch locker sein: Es gibt zwar eine Verbindung, doch keine absolute, keine, die unerlässlich wäre. Diese lockeren Konstrukte sind eine flexiblere Art, Konstrukte zu verwenden. Wenn wir zum Beispiel ins Ausland reisen, nehmen wir einen Satz von Vorannahmen über die Bewohner des Landes mit. Diese Vorannahmen wären vorurteilsbelastete Stereotype, wenn wir sie sehr eng konstruiert haben. Doch wenn wir mit diesen Vorannahmen locker umgehen, helfen sie uns nur dabei, uns in der fremden Kultur angemessener zu verhalten.

Wir verwenden lockere Konstrukte, wenn wir phantasieren und träumen, wenn die Antizipationen frei und auch ungewöhnliche Kombinationen erlaubt sind. Doch verwenden wir lockere Konstrukte zu oft und unangemessen, wirken wir nicht mehr flexibel. Treibt man es zu weit, bringt einen das lockere Konstrukt in eine geschlossene Anstalt.

Der Kreislauf der Kreativität macht von diesen Gedanken Gebrauch. Wenn wir kreativ sind, lockern wir zuerst unsere Konstrukte – Phantasieren und Brainstorming bringen so alternative Konstruktionen hervor. Finden wir dabei ein neuartiges Konstrukt, das Potential zu haben scheint, konzentrieren wir uns darauf und engen das Konstrukt wieder ein. Offensichtlich greifen wir im Bereich der Kunst auf den Kreislauf der Kreativität zurück. Zuerst lockern wir uns und geraten, schlicht ausgedrückt, in den kreativen Prozess hinein; dann engen wir die Konstrukte wieder ein und verleihen unseren Schöpfungen Substanz. Wir gelangen zu einer Idee und geben ihr dann Form.

Auch in der Therapie machen wir von dem Kreislauf der Kreativität Gebrauch. Wir lassen viele unserer erfolglosen Modelle der Realität los, lassen unsere Konstrukte treiben, finden eine neue Konfiguration, verleihen dieser eine Form und probieren sie aus! Darauf kommen wir später zurück.

Korollar der Reichweite ( range corollary )

“A construct is convenient for the anticipation of a finite range of events only.”
(Ein Konstrukt ist nur für die Antizipation einer endlichen Bandbreite von Ereignissen hilfreich.)

Kein Konstrukt ist für alles hilfreich. Das Genderkonstrukt (männlich-weiblich) ist für die meisten von uns nur im Zusammenhang mit Menschen sowie einigen höher entwickelten Tieren wie etwa unseren Haus- und Nutztieren von Belang. Nur wenige interessiert es, welches Geschlecht Fliegen, Eidechsen oder Gürteltiere haben. Und ich schätze, niemand wendet Geschlecht auf geologische Formationen oder politische Parteien an. Diese Dinge sind abseits dessen, was das Geschlechterkonstrukt erleichtern kann.

Einige Konstrukte sind sehr allgemein oder weitreichend in der Anwendbarkeit. Gut-schlecht ist vielleicht das allgemeinste Konstrukt von allen, anwendbar auf fast alles. Andere Konstrukte sind sehr zufällig oder eng. Floureszent-weißglühend ist zum Beispiel recht eng gefasst, anwendbar nur auf Glühbirnen.

Doch was für Sie relativ eng erscheinen mag, kann für mich relativ breit gefasst sein. Ein Biologe interessiert sich vielleicht für das Geschlecht von Fliegen, Eidechsen, Gürteltieren, Apfelbäumen, Philodendron und so weiter. Oder ein Philosoph mag den Gebrauch von gut-schlecht auf spezifische moralische Verhaltensweisen anwenden, statt auf alle möglichen Dinge, Menschen oder Annahmen.

Modulationskorollar ( modulation corollary )

“The variation in a person’s construction system is limited by the permeability of the constructs within whose range of convenience the variants lie.”
(Für einen Menschen ist die Variationsbreite des Systems von Konstrukten durch die Durchlässigkeit der Konstrukte begrenzt, in deren Reichweite diese Varianten liegen.)

Einige Konstrukte sind “elastisch”, sie “modulieren”, sie sind durchlässig, was bedeutet, dass sie für Erweiterungen offen sind. Andere Konstrukte sind relativ undurchlässig.

Für die meisten von uns ist beispielsweise gut-schlecht recht durchlässig. Wir fügen fortlaufend neue Elemente hinzu: Vielleicht haben wir nie zuvor einen Computer gesehen, oder einen CD Player, oder ein Faxgerät, doch sobald wir ein solches Gerät gesehen haben, wollen wir herausfinden, welches die beste Marke ist. Wenn jemand nach einem Stein sucht, weil kein Hammer in Reichweite ist, verwendet diese Person das Konstrukt “Gegenstände, mit denen man hämmern kann” in durchlässiger Weise.

Andererseits ist floureszent-weißglühend relativ undurchlässig: Man kann es auf Lichtquellen anwenden, doch nur wenige andere Bereiche sind zulässig. Menschen, die Ihnen nicht erlauben, auf dem Tisch zu sitzen, halten ihr Konstrukt für “Dinge, auf denen man sitzen kann” sehr undurchlässig.

Falls dies so scheint, als sei es nur ein anderer Weg, über zufällige versus allgemeine Konstrukte zu sprechen, so sollten wir festhalten, dass man allgemeine und zugleich undurchlässige Konstrukte haben kann – wie etwa wenn jemand sagt “Was ist nur aus der guten alten Zeit geworden? Es gibt heutzutage einfach keine ehrlichen Menschen mehr.” Anders ausgedrückt ist hier “ehrlich” zwar umfassend konzipiert, dennoch aber geschlossen. Ebenso gibt es zufällige Konstrukte, die in durchlässiger Weise angewendet werden, wenn man etwa sagt “Oh du schaust heute aber weißglühend aus!” Durchlässigkeit ist die Seele der Dichtkunst!

Wenn es keine “Elastizität” mehr in den eigenen Konstrukten gibt, muss man sich eventuell drastischeren Maßnahmen zuwenden. Erweiterungen finden statt, wenn man die Reichweite der eigenen Konstrukte ausdehnt. Angenommen Sie glauben nicht an außersinnliche Wahrnehmung ( extrasensory perception ; ESP). Sie gehen auf eine Party, hören plötzlich eine Stimme in Ihrem Kopf und bemerken, wie einer der Partygäste Sie verschwörerisch anschaut! Sie wären gezwungen, die Reichweite Ihrer Konstrukte bezogen auf außersinnliche Wahrnehmung sehr schnell zu erweitern.

Andererseits zwingen uns manche Ereignisse, die Reichweite eines Konstrukts ebenso drastisch einzuschränken. Dies wird als Konstriktion ( constriction ) bezeichnet. Ein Beispiel wäre, wenn man die Realitäten des Krieges erlebt, nachdem man das ganze Leben hindurch glaubte, Menschen seien moralische Wesen. Das Konstrukt, das die “Moral” beinhaltet, könnte ins Grenzenlose zusammenschrumpfen.

Wir halten fest, dass Erweiterung und Konstriktion eher emotionaler Natur sind. So kann man Depression und manische Zustände leichter verstehen. Eine manische Person hat Konstrukte bezüglich des eigenen Glücklickseins enorm erweitert und schreit “Ich hätte nie gedacht, dass das Leben so sein könnte!” Jemand, der unter Depressionen leidet, hat hingegen die Konstrukte bezüglich des Lebens und der guten Dinge des Lebens darauf eingeschränkt, allein im Dunkeln zu sitzen.

Auswahlkorollar ( choice corollary )

“A person chooses for himself that alternative in a dichotomized construct through which he anticipates the greater possibility for extension and definition of his system.”
(Man wählt die Alternative eines dichotomen Konstrukts, von dem man sich die größte wahrscheinliche Möglichkeit zur Ausdehnung und Definition des eigenen Systems verspricht.)

Angesichts all dieser Konstrukte und all dieser Pole, wie wählen wir unsere Verhaltensweise aus? Kelly sagt, dass wir das auswählen, was wahrscheinlich zum Ausbau unseres Systems von Konstrukten beitragen wird, also etwas, das unser Verständnis und unsere Fähigkeit, Entwicklungen vorauszusehen, verbessern wird. Die Wirklichkeit limitiert die Reichweite dessen, was wir erfahren oder tun, doch wir wählen, wie wir diese Wirklichkeit interpretieren oder übersetzen. Und wir suchen uns eine Interpretation aus, die uns am hilfreichsten erscheint.

Gewöhnlich hat man zwischen einer abenteuerlichen und einer sicheren Alternative zu wählen. Wir könnten zum Beispiel unser Verständnis heterosexueller menschlicher Interaktion (Partyleben) dadurch erweitern, dass wir die abenteuerliche Wahl treffen, mehr Partys besuchen, mehr Leute kennen lernen, mehr Bekanntschaften schließen und so weiter.

Andererseits könnten wir unser Verständnis auch dadurch erweitern, dass wir den sicheren Weg wählen: zu Hause bleiben, darüber nachdenken, was mit dem letzten Partner schief gelaufen ist. Welche Wahl wir treffen, hängt davon ab, was wir zu brauchen meinen.

Wo wir uns schon so intensiv mit den eigenen Auswahlmöglichkeiten beschäftigen, könnte man sich fragen, was Kelly zu freiem Willen versus Determinismus zu sagen hat. Was er zu sagen hat, ist sehr interessant: Er betrachtet Freiheit als ein relatives Konzept. Wir sind nicht “frei” oder “unfrei”; einige von uns sind freier als andere; wir sind in manchen Situationen freier als in anderen; wir sind von einigen Einflüssen freier als von anderen; und wir sind unter manchen Konstrukten freier als unter anderen.

Individualitätskorollar ( individuality corollary )

“Persons differ from each other in their construction of events.”
(Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Ereignisse konstruieren.)

Da jeder unterschiedliche Erfahrungen hat, ist auch die Konstruktion von Realität unterschiedlich. Wir erinnern uns, dass Kelly seine Theorie als Theorie der persönlichen Konstrukte bezeichnet. Kelly hält nichts von klassifizierenden Systemen, Persönlichkeitstypen oder Persönlichkeitstests. Wir werden noch sehen, dass der berühmte “Rep Test”, den er entwickelt hat, kein Test im traditionellen Sinne ist.

Gemeinschaftskorollar ( communality corollary )

“To the extent that one person employs a construction of experience which is similar to that employed by another, his psychological processes are similar to the other person.”
(In dem Maße, in dem jemand ein Erfahrungskonstrukt verwendet, welches dem einer anderen Person ähnelt, sind dessen psychologische Prozesse ähnlich denen der anderen Person.)

Nur weil wir alle unterschiedlich sind, heißt das nicht, dass wir nicht auch ähnlich sein können. Wenn unser System der Konstrukte – unser Verständnis der Realität – ähnlich ist, sind auch unsere Erfahrungen, Verhaltensweisen und Empfindungen ähnlich. Wenn wir zum Beispiel die Kultur gemeinsam haben, werden wir die Dinge ähnlich sehen und je näher wir uns sind, desto ähnlicher werden wir sein.

Kelly stellt fest, dass wir viel Zeit damit verbringen, von anderen Menschen Bestätigung zu erhalten. Ein Mann, der sich mit einem Seufzer “Frauen!” an den Tresen setzt, tut dies in der Erwartung, dass sein Nachbar reagiert und diese Weltsicht teilt; was er gerade dringend braucht ist: “Oh ja, Frauen! Du kannst nicht mit und auch nicht ohne.” Dieses Szenario trifft nach angemessenen Änderungen ebenso auf Frauen zu. Und ähnliche Szenarien treffen auf Kindergartenkinder, adoleszente Gangs, den Klan, politische Parteien, wissenschaftliche Konferenzen und wo weiter zu. Wir suchen bei den Menschen, die uns ähnlich sind, nach Unterstützung. Nur sie können wissen, wie wir wirklich empfinden!

Fragmentierungskorollar ( fragmentation corollary )

“A person may successively employ a variety of construction subsystems which are inferentially incompatible with each other.”
(Ein Mensch mag nacheinander eine Reihe von Konstrukt-Subsystemen anwenden, welche in ihrer Schlussfolgerung nicht miteinander kompatibel sind.)

Wir können demnach uns selbst gegenüber inkonsistent sein. Jemand, der “alles auf der Reihe hat” und jederzeit, überall als eine einheitliche Persönlichkeit funktioniert, ist eher selten. Zum Beispiel haben alle von uns verschiedene Rollen, die wir im Leben spielen: Ich bin ein Mann, Ehemann, Vater, Sohn, Professor; ich habe bestimmte ethnische, religiöse und philosophische Identifikationen; manchmal bin ich Patient, oder Gast, oder Gastgeber, oder Kunde. Und in all diesen Rollen bin ich nicht ganz derselbe.

Oft sind diese Rollen durch äußere Umstände voneinander getrennt. Ein Mann kann nachts Polizist sein und sich unerbittlich, autoritär, effizient verhalten. Doch tagsüber ist er Vater und verhält sich sanft, hingebungsvoll, zart. Da die situativen Umstände voneinander getrennt sind, geraten die Rollen nicht in Konflikt. Doch Gott bewahre – der Mann erlebt eine Situation, in der er sein eigenes Kind verhaften muss! Oder ein Elternteil behandelt ein Kind wie einen Erwachsenen, eine Minute später zanken sie herum und im nächsten Moment hält das Elternteil das Kind wie ein Baby im Arm. Wer die Szene beobachtet, runzelt vielleicht angesichts der Inkonsequenz die Stirn. Doch für die meisten Menschen gilt, dass diese Unbeständigkeit auf höheren Ebenen integriert sind: In jeder Situation mag das Elternteil Liebe zu und Sorge um das Kind ausdrücken.

Einige Nachfolger haben eine alte Idee wieder in das Studium der Persönlichkeit eingeführt, dass nämlich jeder von uns eine Gemeinschaft von Selbsten ist, statt nur ein einziges Selbst. Das mag wahr sein. Doch andere Theoretiker würden entgegnen, dass eine vereinte Persönlichkeit gesünder ist, und dass eine Gemeinschaft von Selbsten einfach zu nah an der multiplen Persönlichkeit liegt, um als Konzept hilfreich zu sein!

Geselligkeitskorollar ( sociality corollary )

“To the extent that one person construes the construction processes of another, he may play a role in a social process involving the other person.”
(In dem Maße, in dem eine Person den Konstruktsprozess einer anderen interpretiert, mag sie eine Rolle in einem sozialen Prozess der anderen Person spielen.)

Auch wenn Sie einer anderen Person nicht wirklich ähnlich sind, können Sie sich dennoch zu ihr in Beziehung setzen. Sie können im Grunde “interpretieren, wie jemand anders interpretiert”, “jemanden psychisch durchleuchten”, “in den Kopf der anderen Person kriechen” und “wissen, was der andere bedeutet”. Mit anderen Worten, ich kann einen Teil von mir selbst beiseite legen (möglich durch das fragmentation corollary ), um jemand anders zu “sein”.

Darin liegt ein wichtiger Aspekt des Rollenspiels, denn immer wenn Sie eine Rolle spielen, tun Sie es für oder mit jemandem, jemand, den Sie verstehen müssen, um sich zu ihm in Beziehung setzen zu können. Kelly hielt diesen Punkt für so wichtig, dass er seine Theorie beinahe Rollentheorie genannt hätte, nur war dieser Name bereits vergeben. Die Idee stammt aus einer Richtung der Soziologie, die George Herbert Mead gegründet hat.

Empfindungen

Bis hier her klingt die Theorie sehr kognitiv, sehr viel Betonung liegt auf Konstrukten und viele haben das als wichtigsten Kritikpunkt gegen Kellys Theorie angeführt. Doch Kelly ließ sich nicht gern als Kognitionspsychologen bezeichnen. Seiner Auffassung nach ging es vielmehr um traditionelle Gedanken der Wahrnehmung, des Verhaltens und der Empfindung, sowie eben auch um Kognition.

Was Sie und ich Emotionen nennen würden (oder Affekt, oder Gefühle), bezeichnete Kelly als Konstrukte des Übergangs ( constructs of transition ), weil es sich um die Erfahrungen handelt, die wir machen, wenn wir die Welt oder uns selbst oder andere nicht mehr auf eine bestimmte Weise betrachten.

Wenn Sie plötzlich feststellen, dass Ihre Konstrukte nicht gut funktionieren, empfinden Sie Angst. Dabei kann es sich um alles mögliche handeln – Ihr Konto ist im roten Bereich, Sie vergessen jemandes Namen, Sie erleben einen unerwarteten halluzinogenen Trip oder vergessen Ihren eigenen Namen. Wenn nicht eintrifft, was wir erwarten, empfinden wir Angst. Wer sich mit Sozialpsychologie beschäftigt hat, wird hierin das Konzept der kognitiven Dissonanz wiedererkennen.

Bezieht sich die Angst auf Erwartung großer Veränderungen für die eigenen Kernkonstrukte – die Konstrukte, die uns am wichtigsten sind, – wird es zur Bedrohung. Wenn Sie sich zum Beispiel nicht wohl fühlen, denken Sie, es könnte eine ernste Erkrankung sein. Sie gehen zum Arzt. Er untersucht, schüttelt den Kopf, untersucht erneut. Er wirkt ernst, ruft einen Kollegen hinzu…. Das ist “Bedrohung”. Etwas ähnliches empfinden wir, wenn wir die Hochschule abschließen, heiraten, das erste Kind bekommen und auch während einer Therapie.

Wenn Sie Dinge tun, die nicht im Einklang mit Ihren Konstrukten sind – mit Ihrer Vorstellung davon, wer Sie sind und wie Sie sich verhalten sollten – empfinden Sie Schuldgefühle. Darin liegt eine neuartige und nützliche Definition von Schuld, weil hier Situationen eingeschlossen sind, von denen man weiß, dass sie Schuldgefühle beinhalten, ohne jedoch wirklich unmoralisch zu sein. Wenn Ihr Kind in ein Loch fällt, mag das gar nicht Ihre Schuld sein, trotzdem empfinden Sie Schuldgefühle, denn es verletzt Ihre Überzeugung, es sei Ihre Pflicht, derartige Unfälle zu verhindern. In ähnlicher Weise fühlen sich Kinder oftmals schuldig, wenn ein Elternteil krank wird oder die Eltern sich scheiden lassen. Und wenn ein Krimineller etwas tut, das nicht seinem Charakter entspricht, etwas, das die übrige Welt als gut ansehen würde, fühlt auch er sich deswegen schuldig!

Jetzt haben wir ausführlich dargelegt, dass wir uns der Welt anpassen, wenn unsere Konstrukte nicht mit der Realität übereinstimmen, doch es gibt noch einen anderen Weg: Sie können ebenso gut versuchen, die Realität Ihren Konstrukten anzupassen. Kelly bezeichnet dies als Aggression. Die eigentliche Aggression ist hierin enthalten: Wenn jemand sich über meine Krawatte aufregt, kann ich ihn umhauen, in diesem Fall kann ich meine Krawatte in Frieden tragen. Doch mit eingeschlossen sind auch Dinge, die wir heute wohl bevorzugt als Bestimmtheit bezeichnen würden: Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie sein sollten, und wir sollten sie unseren Idealen anpassen. Ohne diese Bestimmtheit gäbe es keinen gesellschaftlichen Fortschritt!

Wieder kann aus Aggression Feindseligkeit werden, wenn es um unsere Konstrukte geht. Bei der Feindseligkeit geht es darum, darauf zu beharren, dass die eigenen Konstrukte gültig sind, und zwar trotz der überwältigenden Beweise für das Gegenteil. Beispiele sind unter anderem ein älterer Boxer, der darauf besteht, immer noch “der Größte” zu sein, oder ein Spinner, der wirklich glaubt, ein Don Juan zu sein, oder jemand in einer Therapiesituation, der sich strikt weigert anzuerkennen, dass es überhaupt irgendein Problem gibt.

Psychopathologie und Therapie

Damit ist der Übergang zu Kellys Definition einer psychologischen Störung hergestellt:

“Any personal construction which is used repeatedly in spite of consistent invalidation.”
(Jedes persönliche Konstrukt, die trotz fortwährender Ungültigkeit wiederholt verwendet wird.)

Die Verhaltensweisen und Gedanken bei Neurose, Depression, Paranoia, Schizophrenie etc. sind allesamt Beispiele. Ebenso Muster der Gewalt, Bigotterie, Kriminalität, Gier, Abhängigkeit und so weiter. Jemand kann keine akkurate Erwartungshaltung mehr entwickeln und dennoch keine neuen Wege erlernen, sich zu der Welt in Beziehung zu setzen. Es ist jemand, der mit Angst und Feindseligkeit überladen, unglücklich ist und alle anderen unglücklich macht.

Wenn das Problem eines Menschen darin besteht, dass Konstrukte von geringem Wert sind, dann liegt die Lösung in der Rekonstruktion, ein Begriff, den Kelly gerne für seinen Therapiestil verwendet hätte. Bei der Psychotherapie geht es darum, dass der Klient reinterpretiert, die Dinge anders zu sehen lernt, von einer neuen Perspektive aus, eine Perspektive, die Entwicklung ermöglicht.

Therapeuten der Kelly-Schule bitten ihre Klienten, sie durch eine Serie von Experimenten mit ihren Lebensstilen zu begleiten. Sie bitten Klienten, ihre Konstrukte zu lockern, sie zu verschieben, zu testen, wieder zu verengen. Die Intention ist, Bewegung, die für jegliche Weiterentwicklung essentiell ist, zu unterstützen.

Kelly hatte einen schauspielerischen Hintergrund und verwendete gerne Rollenspiele (oder enactment ), um Bewegung zu unterstützen. Er übernimmt zum Beispiel die Rolle Ihrer Mutter und Sie müssen Ihre Gefühle ausdrücken. Nach einer Weile bittet er Sie, die Rollen mit ihm zu tauschen – Sie spielen Ihre Mutter und er spielt Sie! Auf diesem Weg werden Sie sich Ihrer eigenen Konstrukte der Beziehung sowie der Konstrukte Ihrer Mutter bewusst. Vielleicht beginnen Sie sie zu verstehen oder Sie entdecken Wege der Anpassung. Sie gelangen vielleicht zu einem Kompromiss oder entdecken eine ganz neue Perspektive, die darüber erhaben ist.

In Kellys Therapie gibt es auch Hausaufgaben, er wird Sie bitten, abseits der Therapiesituation bestimmte Aufgaben zu erledigen. Die bekannteste Technik ist die fixed-role therapy. Zunächst fordert er Sie auf, sich auf ein paar Seiten in der dritten Person zu beschreiben; das nennt er eine Charakterskizze. Anschließend erstellt er, möglicherweise mit der Hilfe eines Kollegen, eine weitere Beschreibung, die er als fixed-role sketch bezeichnet: eine fiktive Person.

Indem er Ihre Skizze genau untersucht, entwickelt er diese neue Skizze, dabei verwendet er Konstrukte, die “im rechten Winkel” zu Ihren ursprünglichen Konstrukten stehen. Das bedeutet, die neuen Konstrukte sind unabhängig von den ursprünglichen, werden jedoch ähnlich verwendet, denn sie beziehen sich auf dieselbe Reichweite der Elemente.

Wenn ich also zum Beispiel das Konstrukt Genie-Idiot für andere Menschen verwende, gibt es kaum Raum zwischen diesen beiden Polen und ich lasse wenig Raum für Änderungen. Und da wir für andere dieselben Konstrukte verwenden, wie für uns selbst, gebe ich auch mir selbst wenig Raum. An meinen wirklich guten Tagen kann ich mich als Genie bezeichnen. An den meisten Tagen habe ich aber gar keine Wahl, wenn ich mit diesem drastischen Konstrukt arbeite, ich muss mich als Idiot bezeichnen. Und Idioten bleiben Idioten; sie werden nicht einfach zum Genie. Also gerate ich mitten in eine Depression, ganz zu schweigen vom freudlosen Leben.

Kelly schreibt also einen fixed-role sketch mit einem Konstrukt wie geschickt-ungeschickt. Das ist ein sehr viel “humaneres” Konstrukt als Genie-Idiot. Es ist weniger wertend: Denn man kann in einem Bereich geschickt und in anderen Bereichen ungeschickt sein. Und das Konstrukt gibt Raum für Veränderung: Stelle ich nämlich fest, dass ich in einem wichtigen Bereich ungeschickt bin, kann ich mit ein wenig Aufwand die erforderlichen Kenntnisse erwerben.

Daraufhin wird Kelly den Klienten bitten, für ein oder zwei Wochen die Person zu sein, die in der Charakterskizze beschrieben ist. Dabei ist zu bedenken, dass es sich um eine Vollzeitverpflichtung handelt: Er verlangt, dass Sie 24 Stunden täglich diese Person sind, bei der Arbeit, daheim, auch wenn Sie allein sind. Kelly stellte fest, dass die meisten die Aufgabe recht gut erfüllen und die Aufgabe ihnen sogar Spaß macht. Denn letztlich ist diese Person wesentlich gesünder, als sie selbst!

Sollte der Klient anschließend resümieren “Vielen Dank, Doc! Ich glaube, ich bin geheilt. Jetzt muss ich nur noch mein restliches Leben lang “Dave” statt “George” sein”, dann hält Kelly bereits eine Überraschung bereit: Er würde den Klienten bitten, ein paar Wochen lang eine andere Person zu sein, und zwar mit einer weniger positive Rolle. Denn die Intention der Therapie ist nicht, den Klienten eine neue Persönlichkeit zu verpassen. Das würde zu nichts führen. Das Anliegen besteht darin aufzuzeigen, dass Sie tatsächlich die Kraft haben, Veränderungen herbeizuführen, “sich selbst zu wählen”.

Kellys Therapie hat das Ziel, die Menschen für Alternativen aufzuschließen, ihnen zu helfen, ihre Freiheit zu entdecken, ihnen zu erlauben, ihren Potentialen gerecht zu werden. Unter anderem passt Kelly aus diesem Grund am besten in den Bereich der humanistischen Psychologen.

Auswertung

Beim Stichwort George Kelly fällt den meisten zunächst sein role construct repertory test ein, der inzwischen auch als “rep grid” abgekürzt wird. Es handelt sich dabei überhaupt nicht um einen Test im traditionellen Sinne, sondern um ein diagnostisches Selbstfindungs- und Forschungswerkzeug, das sehr viel mehr Ruhm erlangt hat, als seine Theorie.

Als erstes nennt der Klient zehn bis zwanzig Menschen, die im Leben des Klienten wichtig sind, diese werden als Elemente bezeichnet.
In der Therapiesituation werden diese Personen als Antwort auf suggestive Kategorien wie etwa “frühere Liebhaber” und “jemand, den Sie bemitleiden” genannt; so sind Sie selbst, Ihre Mutter, Ihr Vater und so weiter ganz natürlich in der Gruppe von Elementen vertreten.

Dann sucht der Therapeut immer drei dieser Personen heraus und bittet Sie zu sagen, welche der drei ähnlich und welche Person anders ist. Dann werden Sie gebeten, die Ähnlichkeit sowie die Unterschiedlichkeit zu benennen. Das Ähnlichkeitslabel wird Ähnlichkeitspol ( similarity pole ) und die Unterschiedlichkeit Kontrastpol ( contrast pole ) genannt, zusammen ergeben sie eines der Konstrukte, die Sie in sozialen Beziehungen anwenden. Wenn Sie also zum Beispiel sagen, dass Sie selbst und Ihr aktueller Liebhaber beide reizbare Menschen seid, Ihr früherer Liebhaber jedoch sehr ausgeglichen war, dann ist “reizbar” der Ähnlichkeitspol und “ausgeglichen” der Kontrastpol des Konstrukts reizbar-ausgeglichen.

Es geht weiter mit den Dreierkombinationen, bis etwa zwanzig Kontraste aufgelistet sind. Diese Liste kann noch durch Entfernung der Überschneidungen auf etwa zehn Kontraste reduziert werden: Oftmals entsprechen unsere Konstrukte nämlich zwar unterschiedlichen Welten, werden aber in ähnlicher Weise verwendet. Reizbar-ausgeglichen kann zum Beispiel exakt dem Konstrukt neurotisch-gesund oder nervös-passiv entsprechen.

Zur Diagnose oder zur Selbsterfahrung werden Sie natürlich ermutigt, Konstrukte zu verwenden, die sich auf die Verhaltensweisen und Persönlichkeiten von Menschen beziehen. Doch zu Forschungszwecken können Sie alle möglichen Konstrukte als Reaktion auf alle möglichen Elemente angeben. Im Bereich der Arbeitspsychologie wurden beispielsweise Probanden gebeten, verschiedene Produkte zu vergleichen und zu kontrastieren (zu Marktforschungszwecken), gute und schlechte Beispiele für ein Produkt (zur Qualitätskontrolle), oder unterschiedliche Führungsstile. Auf diese Weise können Sie Ihre Konstrukte bezogen auf Musikrichtungen und politische Figuren herausfinden oder jene Konstrukte, die Sie verwenden, um Persönlichkeitstheorien zu verstehen.

In der Therapiesituation gibt der “rep grid” Therapeut und Klient ein Bild von der Realitätssicht des Klienten, das man anschließend diskutieren und mit dem man arbeiten kann. In der Paartherapie können zwei Menschen an einem Grid mit identischen Elementen arbeiten, dann lassen sich die Konstrukte der Eheleute vergleichen und diskutieren. Daran ist nichts Heiliges: Der “rep grid” ist ein seltenes Exemplar von “Test”, da der Klient jederzeit seine Meinung darüber ändern kann (und soll). Der Test ist nicht als ein Werkzeug zu verstehen, welches ein umfassendes Bild des Geisteszustands eines Menschen darstellt. Der Test ist, was er ist: ein diagnostisches Werkzeug.

In der Forschung können wir auf eine Reihe Computerprogramme zurückgreifen, welche die Distanz zwischen Konstrukten oder Elementen herausfinden. Wir erhalten ein Bild, welches die Klienten selbst vorgeben, ein Bild ihrer Weltsicht. Wir können die Sichtweisen verschiedener Menschen vergleichen (so lange sie dieselben Elemente verwenden). Wir können die Weltsicht eines Menschen vor und nach dem Training oder der Therapie vergleichen. Es ist ein wirklich aufregendes Werkzeug, eine ungewöhnliche Kombination der subjektiven und objektiven Seite der Persönlichkeitsforschung.

Weitere Informationen zum Rep Grid gibt es im The Qualitative Methods Workbook (Teil fünf)!

Diskussion

1955 veröffentlichte Kelly Die Psychologie der persönlichen Konstrukte ( The Psychology of Personal Constructs ). Nach kurz aufflackerndem Interesse (und erheblicher Kritik), wurden sowohl er als auch seine Theorie weitgehend vergessen, nur nicht von einige loyalen Studenten, die aber zum Großteil mit ihrer klinischen Praxis beschäftigt waren und nicht mit der Weiterentwicklung der Persönlichkeitspsychologie. Interessanter Weise erlangte Kellys Theorie in England insbesondere unter Arbeitspsychologen einen moderaten Bekanntheitsgrad.

Die Gründe für die mangelnde Aufmerksamkeit sind nicht schwierig zu finden: Der “Wissenschaftszweig” der Psychologie bringt nur wenig Geduld für die subjektive Seite der Dinge auf; und die klinische Psychologie fand Theoretiker wie Carl Rogers wesentlich leichter nachvollziehbar. Kelly war seiner Zeit gut und gerne zwanzig Jahre voraus. Erst in der letzten Zeit, im Zuge der so genannten “kognitiven Revolution”, sind die Menschen wirklich in der Lage, ihn zu verstehen.

Ironischer Weise meinte George Kelly, immer getreu seiner Philosophie des konstruktiven Alternativismus, wenn seine Theorie in der dem Original ähnlichen Form noch zehn oder zwanzig Jahre lang in Umlauf bliebe, gebe es wirklich Grund zur Sorge. Denn Theorien wie unsere individuelle Sicht der Realität sollen sich ändern und nicht statisch bleiben.

Es gibt legitime Kritikpunkte. Zum einen ist Kelly zwar ein sehr guter Autor, dennoch aber erfand er die Psychologie quasi von Grund auf neu, führte neue Begriffe, Metaphern und Bilder ein. Er unternahm alles, um nicht mit anderen Zugangsweisen seines Bereichs in Zusammenhang gebracht werden zu können. So ist es unvermeidlich, dass er sich vom Mainstream entfremdete.

In positivem Licht betrachtet sind einige der Begriffe, die er erneut erfunden hat, nun fester Bestandteil der Mainstream-Psychologie:
Erwartung zum Beispiel wurde durch den berühmten Kognitionspsychologen Ulric Neisser bekannt; Konstrukt, Konstruktion und alle Begriffsvariationen finden sich nun in Büchern neben Begriffen wie Wahrnehmung und Verhalten. Tragisch ist, dass Kelly genau wie viele andere Erfinder kaum Anerkennung für seine Innovationen erhielt, zumeist liegt das daran, dass Psychologen nicht gelernt haben, darauf zu achten, wo ein Gedanke herkommt.

Der “rep grid” ist recht bekannt geworden, insbesondere seit Computer die Anwendung so weit vereinfacht haben. Wie ich zuvor schon erwähnte, handelt es sich um eine gute Vermischung von Qualitativem und Introspektivem, was sogar die Kritiker Kellys Theorie kaum leugnen konnten.

Verbindungen

Ein Großteil der Theorie persönlicher Konstrukte ist phänomenologisch. Kelly anerkennt seine Sympathie zu phänomenologischen Theorien wie die von Carl Rogers, Donald Snygg und Arthur Combs, sowie auch der “Selbsttheoretiker” Prescott Lecky und Victor Raimy. Doch der Phänomenologie an sich stand er skeptisch gegenüber. Wie viele andere auch nahm Kelly an, Phänomenologie sei eine Art introspektiver Idealismus. Keine zutreffende Annahme, wie wir in späteren Kapiteln noch sehen werden.

Doch ein Phänomenologe wird Kellys Theorie ziemlich sympathisch finden. Kelly glaubt zum Beispiel, man müsse zunächst verstehen, wie jemand Realität interpretiert, bevor man das Verhalten dieser Person verstehen kann. So weist er darauf hin, dass die Sichtweise jedes Menschen – sogar der Hardcore-Wissenschaftler – eben genau das ist: eine Sichtweise. Dennoch merkt er mit Nachdruck an, es bestehe keine Gefahr für Solipsismus (der Gedanke, die Welt sei nur eine Idee), weil die Sichtweise ein Objekt haben muss. Das ist exakt die Bedeutung des Grundprinzips der Phänomenologen, welches auch als Intentionalität bezeichnet wird.

Andererseits enthält Kellys Theorie auch Punkte, die nicht mit der Phänomenologie harmonieren. Zum einen war er ein wirklicher Theorieschaffender, das wird im technischen Detail seiner Theorie deutlich. Phänomenologen hingegen neigen eher dazu, Theorie zu vermeiden. Zum zweiten hegte er die große Hoffnung auf eine rigorose Methodologie für die Psychologie – selbst indem er den experimentell arbeitenden Naturwissenschaftler als seine fruchtbar Metapher verwendete. Die meisten Phänomenologen stehen dem Experiment eher skeptisch gegenüber.

Seine Betonung der Theorieerstellung, exakte Details und die Hoffnung auf eine rigorose Methodologie, machen Kelly insbesondere für moderne Kognitionspsychologen interessant. Die Zeit wird zeigen, ob man sich an Kelly als einen Phänomenologen oder Kognitivisten erinnern wird!

Literatur

An erster Stelle ist das zweibändige Werk Die Psychologie der persönlichen Konstrukte ( Psychology of Personal Constructs ), 1955, zu nennen.

Für “Laien” zum Einstieg empfehlenswert ist Bannister und Fransellas Inquiring Man: The Theory of Personal Constructs (1971).

Kelly hat auch eine Reihe sehr interessanter Artikel verfasst. Die meisten sind in Clinical Psychology and Personality: Selected papers of George Kelly, herausgegeben von Brendan Maher (1969) enthalten.

Und es gibt eine Zeitschrift zu Kelly, The Journal of Personal Construct Psychology. Darin sind theoretische Beiträge und Forschungsartikel von Anhängern der Theorie sowie von Psychologen mit ähnlicher fachlicher Orientierung enthalten.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Kelly, George [1905-1967], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/kelly

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