
Maslow, Abraham [1908-1970]
Theorie
Während seiner frühen Karriere, als Maslow mit Affen arbeitete, entdeckte er, dass einige Bedürfnisse Vorrang vor anderen Bedürfnissen haben. Wenn Sie zum Beispiel hungrig und durstig sind, werden Sie sich zunächst um Ihren Durst kümmern. Denn ohne Nahrung kann man wochenlang auskommen, ohne Wasser hält man nur einige Tage durch! Durst ist also ein “stärkeres” Bedürfnis als Hunger. Und wenn Sie sehr, sehr durstig sind, jemand Sie aber gerade würgt, so dass Sie nicht atmen können, welches Bedürfnis ist jetzt wichtiger? Das Bedürfnis zu atmen natürlich. Andererseits ist Sex weniger wirksam als die zuvor genannten Bedürfnisse. Seien wir ehrlich: Sie sterben nicht, wenn Sie’s nicht bekommen!
Maslow entwickelte aus diesen Gedanken seine inzwischen berühmte Bedürfnishierarchie. Zu Luft, Wasser, Nahrung und Sex setzte er fünf breitere Konzepte: Die physiologischen Bedürfnisse, die Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit, die Bedürfnisse nach Liebe und Zugehörigkeit, die Bedürfnisse nach Wertschätzung und das Bedürfnis, sich zu verwirklichen – in dieser Reihenfolge.
1. Physiologische Bedürfnisse ( physiological needs ) Diese umfassen unser Bedürfnis nach Sauerstoff, Wasser, Eiweiß, Salz, Zucker, Kalzium und anderen Mineralien sowie Vitaminen. Zudem die Notwendigkeit, ein pH-Gleichgewicht (ein Ungleichgewicht würde uns umbringen) und eine bestimmte Temperatur aufrecht zu erhalten. Daneben gibt es das Bedürfnis, aktiv zu sein, sich auszuruhen, zu schlafen, Stoffe auszuscheiden (CO2, Schweiß, Urin, Fäzes), Schmerz zu vermeiden und Sex zu haben. Eine nette Sammlung!
Maslow ging davon aus – und die Forschung belegt dies – dass es sich hier um individuelle Bedürfnisse handelt, so dass zum Beispiel ein Mangel an Vitamin C dazu führt, dass man Hunger auf ganz bestimmte Dinge bekommt, die in der Vergangenheit dieses Vitamin zugeführt hatten – also etwa Orangensaft. Ich nehme an, die Gelüste schwangerer Frauen illustrieren diesen Gedanken geradezu anekdotenhaft – Babys essen ja auch ihre Babynahrung, obwohl sie überhaupt nicht schmeckt.
2. Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit ( safety and security needs ) Sind die physiologischen Bedürfnisse weitgehend gedeckt, kommt diese zweite Schicht der Bedürfnisse ins Spiel. Wir beginnen, eine sichere Umgebung, Stabilität und Schutz zu suchen. Wir entwickeln das Bedürfnis nach Struktur, Ordnung, und auch nach einigen Grenzen.
Negativ ausgedrückt sorgen wir uns dann nicht mehr um Hunger und Durst, sondern sind mit unseren Befürchtungen und Ängsten konfrontiert. Für durchschnittliche amerikanische Erwachsene bedeutet das, wir wollen in einer sicheren Gegend wohnen, suchen einen halbwegs sicheren Job, einen Sparstrumpf, eine gute Finanzrücklage für die Zeit der Pensionierung, ein paar Versicherungen und so weiter.
3. Bedürfnisse nach Liebe und Zugehörigkeit ( love and belonging needs ) Sind die physiologischen und Sicherheitsbedürfnisse zum größten Teil abgedeckt, zeigt sich eine dritte Schicht. Wir empfinden das Bedürfnis nach Freunden, einer Beziehung, Kindern, nach liebevollen Beziehungen im Allgemeinen sowie sogar nach Gemeinschaftsgefühl. Negativ ausgedrückt werden wir zunehmen anfällig für Einsamkeit und soziale Ängste.
Im Alltagsleben zeigen sich diese Bedürfnisse als unser Wunsch zu heiraten, eine Familie zu gründen, Teil einer Gemeinschaft oder einer Kirche zu sein, Bruder einer Bruderschaft, Teil einer Gang oder eines Bowling Clubs.
4. Bedürfnisse nach Wertschätzung ( esteem needs ) Als nächstes beginnen wir, nach Selbstachtung zu suchen. Maslow entdeckte zwei Versionen unseres Bedürfnisses nach Achtung, eine niedrigere und eine höhere Form. Die niedrigere Form ist das Bedürfnis, von anderen respektiert zu sein, Status, Ruhm, Ehre, Anerkennung, Aufmerksamkeit, einen guten Ruf, Würde und sogar Dominanz inne zu haben. Die höhere Form umfasst unser Bedürfnis nach Selbstachtung, eingeschlossen der Empfindung von Selbstvertrauen, Kompetenz, Leistung, Professionalität, Unabhängigkeit und Freiheit. Dies ist die so genannte “höhere” Form, weil man die Selbstachtung weit weniger leicht verlieren kann, als die Achtung von Seiten anderer!
In der negativen Version bedeuten diese Bedürfnisse niedrige Selbstachtung und Minderwertigkeitskomplexe. Maslow war der Meinung, Adler habe wirklich etwas Bedeutendes herausgefunden, als er feststellte, dass diese Bedürfnisse die Grundlage vieler, wenn nicht sogar aller unserer psychologischen Schwierigkeiten sind. In modernen Gesellschaften haben die meisten von uns alles, was die physiologischen und Sicherheitsbedürfnisse deckt. Zumeist haben wir auch genügend Liebe und Zugehörigkeitsgefühl. Doch ein klein wenig Respekt scheint oftmals unheimlich schwierig zu erlangen zu sein!
Die oben genannten vier Level nennt Maslow Defizitbedürfnisse oder D-needs. Wenn Sie nicht genug von einem der genannten haben – d.h. Sie haben ein Defizit – dann verspüren Sie das jeweilige Bedürfnis. Haben wir alles, was wir brauchen, fühlen wir auch nichts! Anders ausgedrückt hören diese Bedürfnisse dann auf zu motivieren. Wie es in einem alten Blues heißt “you don’t miss your water till your well runs dry!”
Maslow spricht in diesem Zusammenhang auch von Homöostase. Homöostase ist das Prinzip nach welchem Ihr Heizungsthermometer funktioniert: Wenn es zu kalt wird, schaltet es die Heizung an; wird es zu warm, schaltet es die Heizung aus. In ähnlicher Weise entwickelt Ihr Körper Hunger auf eine bestimmte Substanz, wenn diese dem Körper fehlt; ist genügend davon vorhanden, verschwindet auch der Hunger. Maslow erweitert nun das homöostatische Prinzip einfach auf Bedürfnisse wie Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung, obgleich wir diese Zusammenhänge für gewöhnlich nicht herstellen.
Maslow betrachtet all diese Bedürfnisse als lebenswichtig. Auch Liebe und Wertschätzung sind für den Erhalt der Gesundheit unerlässlich. Ihm zu Folge sind all diese Bedürfnisse genetisch in uns angelegt, ebenso wie die Instinkte. So bezeichnet er sie auch als instinktoide – instinktähnliche – Bedürfnisse.
Betrachtet man nun die gesamte Entwicklung, durchlaufen wir diese Level ähnlich wie Entwicklungsstufen. Als Neugeborene liegt unser Schwerpunkt (wenn nicht sogar alle vorhandenen Bedürfnisse) vollständig im physiologischen Bereich. Dann stellen wir fest, dass wir uns sicher fühlen wollen. Anschließend sehnen wir uns nach Aufmerksamkeit und Zuneigung. Etwas später dann suchen wir nach Selbstwertgefühl. All das spielt sich bereits innerhalb der ersten Lebensjahre ab!
Unter Stress oder in lebensbedrohlichen Situationen können wir auf einen niedrigeren Level “regredieren”. Fällt Ihre großartige Karriere in sich zusammen, mag es sein, dass Sie sich nach ein wenig Aufmerksamkeit umschauen. Werden Sie von der Familie verlassen, wird die Liebe wieder in den Vordergrund rücken. Naht der Tod nach einem langen und erfüllten Leben, beschäftigt Sie plötzlich nichts so sehr wie das liebe Geld.
Auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene gilt dies in ähnlicher Weise: Wird eine Gesellschaft instabil, schreien die Menschen nach einem starken Anführer, der alles wieder in Ordnung bringt. Fallen die ersten Bomben, suchen sie nach Schutz. Sind alle Lebensmittelgeschäfte leergefegt, werden die Bedürfnisse der Menschen noch fundamentaler.
Maslow schlägt nun vor, die Menschen nach ihrer “Philosophie der Zukunft” zu fragen – wie ihr Leben oder die Welt idealerweise wäre –, um zu erfahren, welche ihrer Bedürfnisse gedeckt sind und welche nicht.
Wenn es in Ihrer Entwicklung bedeutende Schwierigkeiten gegeben hat – eine Zeit extremer Unsicherheit, Zeiten, in denen man hungern musste, der Verlust eines Familienmitglieds durch einen Todesfall oder eine Scheidung oder erhebliche Vernachlässigung oder Missbrauch – dann “fixieren” Sie sich vielleicht auf diese Bedürfniskonstellation, und zwar für den Rest Ihres Lebens.
Und das ist Maslows Konzept der Neurose. Vielleicht haben Sie als Kind einen Krieg miterlebt. Jetzt haben Sie alles, was Ihr Herz erfreut – und dennoch sind Sie geradezu besessen von der Sorge um Geld. Oder vielleicht haben sich Ihre Eltern scheiden lassen, als Sie noch klein waren. Jetzt sind Sie zwar glücklich verheiratet, haben aber dennoch Anfälle von Eifersucht oder machen sich ständig Sorgen, dass Ihr Partner Sie verlassen wird, weil Sie nicht “gut genug” sind.
Zitation
Snygg & Combs « | » Rogers, Carl [1902-1987]
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.


