
Maslow, Abraham [1908-1970]
Selbstverwirklichung
Diese letzte Stufe ist ein wenig anders. Maslow verwendet verschiedene Bezeichnungen für diesen Level: Er hat den Begriff growth motivation – die Motivation, sich zu entwickeln – verwendet (kontrastierend zur Defizitmotivation), being needs – Bedürfnisse des Seins – (oder B-needs, kontrastierend zu den D-needs ) sowie auch den Begriff der Selbstverwirklichung.
Hier handelt es sich um Bedürfnisse, die keine Balance oder Homöostase einschließen. Wenn sie sich einmal eingestellt haben, empfindet man sie weiterhin. Wenn wir sie “nähren”, werden sie tendenziell sogar stärker! Sie beinhalten das fortwährende Bedürfnis, die eigenen Potentiale auszuschöpfen, “alles zu sein, was man sein kann”. Es geht darum, vollständig und umfassend “Sie selbst” zu werden – daher auch der Begriff der Selbstverwirklichung.
Folgt man also dieser Theorie bis hier her, müssen die niedrigeren Bedürfnisse weitgehend abgedeckt sein, um der Selbstverwirklichung näher zu kommen. Und das macht Sinn: Wenn Sie hungrig sind, machen Sie sich auf die Suche nach Nahrung; wenn Sie nicht in Sicherheit sind, müssen Sie ständig auf der Hut sein; wenn Sie isoliert und ungeliebt sind, müssen diese Bedürfnisse zunächst gestillt werden; wenn Sie ein niedriges Selbstwertgefühl haben, verhalten Sie sich defensiv oder Sie kompensieren. Wird Ihren niederen Bedürfnissen nicht entsprochen, können Sie sich auch nicht darauf konzentrieren, Ihre Potenziale auszuschöpfen.
So ist es nicht verwunderlich, dass nur ein geringer Prozentsatz der Weltbevölkerung sich wirklich und vorrangig damit beschäftigt, sich selbst zu verwirklichen – die Welt ist nun mal schwierig. Maslow schätzte den Anteil einmal auf ungefähr zwei Prozent!
Jetzt taucht natürlich die Frage auf, was Maslow genau mit Selbstverwirklichung meint. Um eine Antwort darauf zu finden, sollten wir uns die Leute ansehen, die er dieser Gruppe zugeordnet hat. Glücklicherweise hat er das alles für uns dargelegt und zwar unter Verwendung einer qualitativen Methode namens biographische Analyse.
Zunächst suchte er eine Gruppe von Leuten heraus, einige historische Personen und einige seiner Bekannten, von denen er eindeutig meinte, dass sie die Standards der Selbstverwirklichung erfüllten. Zu diesem erlesenen Kreis zählten zum Beispiel Abraham Lincoln, Thomas Jefferson, Mahatma Gandhi, Albert Einstein, Eleanor Roosevelt, William James, Benedict Spinoza und andere. Dann sah er sich ihre Biographien und Schriften genauer an; bei den Leuten, die er selbst kannte, bezog er ihr Verhalten und ihre Worte mit ein. Auf der Grundlage dieser Quellen entwickelte er eine Liste von Qualitäten, die für diese Menschen charakteristisch zu sein schienen, nicht aber für die Masse der Bevölkerung.
Diese Menschen waren wirklichkeitszentriert ( reality-centered ), das bedeutet, dass sie Schwindel und Unaufrichtigkeiten von Realem und Authentischem unterscheiden konnten. Sie waren problemzentriert, gingen also mit den Schwierigkeiten des Lebens wie mit Problemen um, die eine Lösung verlangen, statt sie als persönlichen Kummer zu empfinden, über den man schimpfen kann oder vor dem man kapituliert. Und zudem hatten sie eine andere Wahrnehmung von Mittel und Zweck. Sie waren der Auffassung, dass der Zweck nicht notwendigerweise die Mittel heiligt, dass Mittel selbst Ziele sein konnten und dass die Mittel – der Weg – oftmals bedeutsamer waren, als die Ziele.
Diese Menschen hatten daneben auch eine andere Art, sich zu anderen in Beziehung zu setzen. Zunächst hatten sie das Bedürfnis nach Einsamkeit, sie fühlten sich allein wohl. Daneben genossen sie vertraute persönliche Beziehungen zu einigen engen Freunden und Familienmitgliedern statt zahlreiche eher oberflächliche Bekanntschaften.
Sie genossen Autonomie, waren relativ unabhängig von Kultur und Umfeld, verließen sich stattdessen auf die eigenen Erfahrungen und das eigene Urteilsvermögen. Und sie widersetzten sich der kulturellen Eingliederung, damit ist gemeint, dass sie sich gesellschaftlichem Druck nicht unterwarfen – also waren sie im Grunde Nonkonformisten im besten Sinne.
Ihr Humor war ohne Feindseligkeiten – sie scherzten lieber auf eigene Kosten und niemals auf die Kosten anderer. Als eine weitere Eigenschaft nannte Maslow die Akzeptanz von Selbst und anderen; damit meint er, diese Menschen nehmen Sie lieber so an, wie Sie sind, statt Sie ihren Vorstellungen gemäß ändern zu wollen. Diese Akzeptanz galt auch ihnen selbst gegenüber: Wenn eine ihrer eigenen eher negativen Eigenschaften niemandem schadete, ließen sie es auf sich beruhen oder hatten sogar ihren Spaß an dieser Marotte. Hinzu kommen Spontaneität und Schlichtheit: Diese Menschen waren lieber sie selbst, sie verstellten sich nicht und verhielten sich nicht künstlich. Trotz ihrer Nonkonformität waren sie an der Oberfläche doch konventionell, wie Maslow herausfand; wobei Nonkonformisten, die nicht sehr weit in ihrer Selbstverwirklichung fortgeschritten sind, im Gegensatz dazu sehr dramatisch auftreten.
Zusätzlich hatten sie einen Sinn für Demut und Respekt anderen gegenüber – etwas, das Maslow als demokratische Werte bezeichnete – das bedeutet, dass sie für ethnische und individuelle Vielfalt offen waren und diese Vielfalt sogar hoch schätzten. Sie hatten eine Eigenschaft, die als Gemeinschaftsgefühl ( human kinship ) – also gesellschaftliches Interesse, Mitgefühl, Menschlichkeit – bezeichnet wird, begleitet von stark ausgeprägten ethischen Wertvorstellungen.
Diese Menschen zeigten eine bestimmte Aufgeschlossenheit, die Fähigkeit, selbst alltägliche Dinge zu bestaunen. Damit gehen Kreativität, Erfindungsreichtum und Originalität einher. Außerdem hatten diese Personen überdurchschnittlich viele peak experiences. Damit sind Erfahrungen gemeint, die Sie über sich selbst hinausheben, Sie fühlen sich sehr klein oder sehr groß, in gewisser Weise eins mit der Natur oder mit Gott. Sie empfinden sich als Teil der Unendlichkeit oder des Ewigen. Derartige Erfahrungen hinterlassen einen tiefen Eindruck, verändern einen Menschen im positiven Sinne, manche Menschen suchen sogar aktiv nach derartigen Erfahrungen. Man bezeichnet es auch als mystische Erfahrungen, die wichtiger Bestandteil zahlreicher Religionen und Philosophietraditionen sind.
Selbstverständlich geht Maslow nicht davon aus, dass diese Personen perfekt sind. Er fand auch verschiedene Schwächen und Unvollkommenheiten: Zum einen litten diese Leute oftmals beträchtlich unter Ängsten und Schuldgefühlen – allerdings unter realistischen Ängsten und Schuldgefühlen, also nicht unter den fehlgeleiteten oder neurotischen Versionen. Einige von ihnen waren geistesabwesend sowie übermäßig gütig. Und zum guten Schluss zeigten einige von ihnen gelegentlich unerwartete Unbarmherzigkeit, chirurgische Kälte und Humorlosigkeit.
Zitation
Snygg & Combs « | » Rogers, Carl [1902-1987]
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