
May, Rollo [1909-1994]
Theorie
Rollo May ist der bekannteste amerikanische existentialistische Psychologe. Sein Denken lässt sich am besten verstehen, wenn man über Existentialismus generell nachliest, und die Überschneidungen zwischen seinen Gedanken und den Gedanken von Ludwig Binswanger sind groß. Dennoch liegt May ein wenig abseits des Mainstream, da er anders als die Europäer mehr vom amerikanischen Humanismus beeinflusst war und sich dafür interessierte, die existentialistische Psychologie mit anderen Zugängen wie etwa der Herangehensweise Freuds zu versöhnen.
May verwendet einige traditionelle existentialistische Begriffe etwas anders als andere und erfindet neue Begriffe für einige alte existentialistische Gedanken: Schicksal zum Beispiel ist ungefähr dasselbe wie Geworfensein kombiniert mit Gefallensein. Es ist jener Teil unseres Lebens, der vorbestimmt ist, unser Rohmaterial, wenn man so will, für das Projekt, unser eigenes Leben zu erschaffen. Ein anderes Beispiel ist der Begriff Mut ( courage ), welchen er häufiger verwendet als den traditionellen Begriff “Authentizität”, um zu bezeichnen, dass man sich den eigenen Ängsten stellt und sich über sie erhebt.
Er ist zudem so weit ich weiß der einzige existentialistische Psychologe, der bestimmte “Stufen” der Entwicklung diskutiert (natürlich nicht im streng Freudianischen Sinne):
Unschuld ( innocence ) – die “pre-egotic”, prä-selbstbewusste Stufe des Kleinkindes. Die Unschuld ist vormoralisch, i.e. weder gut noch schlecht. Wie ein wild lebendes Tier, das tötet, um zu fressen, tut ein Unschuldiger nur, was sie oder er tun muss. Doch ein Unschuldiger hat ein Maß an Willen im Sinne eines Triebs, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen!
Rebellion – die Phase der Kindheit und der Adoleszenz, in welcher das Ich oder das Selbstbewusstsein im Kontrast zu Erwachsenen ausgebildet wird, vom “Nein” des Zweijährigen zum “Auf keinen Fall” des Teenagers. Die rebellische Person will Freiheit, ohne noch ein umfassendes Verständnis der Verantwortung zu haben, die damit einhergeht. Ein Teenager mag etwa sein Taschengeld nach eigenem Gutdünken ausgeben – dennoch aber erwarten, dass die Eltern das Geld bereithalten, und er wird sich über die Ungerechtigkeit beklagen, wenn er kein Geld bekommt!
Gewöhnlich ( ordinary ) – das gewöhnliche erwachsene Ich, konventionell und ein wenig langweilig vielleicht. Sie haben Verantwortung gelernt, empfinden sie aber als zu anspruchsvoll und suchen so Zuflucht in Konformität und traditionellen Werten.
Kreativ – der authentische Erwachsene, die existentialistische Stufe, jenseits von Ich und Selbstverwirklichung. Das ist der Mensch, der das Schicksal akzeptiert, der Angst mutig entgegen tritt!
Hier handelt es sich nicht um Stufen im herkömmlichen Sinne. Ein Kind mag sicherlich manchmal unschuldig, gewöhnlich oder kreativ sein; ein Erwachsener mag rebellisch sein. Der Zusammenhang mit Altersstufen besteht ausschließlich in der Vorrangigkeit ( salience ): Rebellion ist für den Zweijährigen und den Teenager ein herausragendes Merkmal!
Andererseits interessiert sich May genau wie jeder Existentialist für die Angst. Sein erstes Buch The Meaning of Anxiety basiert auf seiner Doktorarbeit, welche wiederum auf seiner Lektüre der Schriften Kierkegaards basierte. Seine Definition von Angst lautet:
«the apprehension cued off by a threat to some value which the individual holds essential to his existence as a self» (1967, S. 72)
[die Befürchtung, deren Stichwortgeber eine Bedrohung irgendeines Wertes ist, welchen das Individuum als für die eigene Existenz als Selbst essentiell begreift (?)].
Zwar kein “reiner” Existentialismus, dennoch aber ist die Furcht vor Tod oder “Nichts” offenkundig in der Definition inbegriffen. Später zitiert er Kierkegaard: “Anxiety is the dizziness of freedom” [Angst ist das Schwindelgefühl der Freiheit (?)].
Zitation
Frankl, Viktor [1905-1997] « | » Piaget, Jean [1896-1980]
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