
May, Rollo [1909-1994]
Biographie
Rollo May ist am 21. April 1909 in Ada, Ohio, geboren. Seine Kindheit war nicht sonderlich vergnüglich: Seine Eltern kamen nicht gut miteinander zurecht und ließen sich irgendwann scheiden, und seine Schwester erlitt einen psychotischen Zusammenbruch.
Nach einem kurzen Abstecher an die Michigan State (er wurde aufgefordert, die Universität zu verlassen, weil er sich für eine radikale studentische Zeitschrift engagierte) besuchte er das Oberlin College in Ohio, wo er seinen Bachelor machte.
Nach dem Abschluss ging er nach Griechenland, wo er drei Jahre lang am Anatolia College Englisch unterrichtete. Während dieser Phase verbrachte er seine Zeit zudem als reisender Künstler und studierte sogar kurz bei Alfred Adler.
Als er in die USA zurückkehrte, ging er an Union Theological Seminary und freundete sich mit einem seiner Lehrer an, Paul Tillich, der existentialistische Theologe, der einen grundlegenden Einfluss auf Mays Denken haben sollte. May erhielt seinen BD-Abschluss im Jahre 1938.
May erkrankte an Tuberkulose und musste drei Jahre in einem Sanatorium verbringen. Das war vermutlich der Wendepunkt in seinem Leben. Während er die Möglichkeit des eigenen Todes ins Auge fasste, brachte er seine Freizeit lesend zu. Zu seiner damaligen Lektüre zählten die Schriften Sören Kierkegaards, desjenigen dänischen Verfassers religiöser Schriften, der die existentialistische Bewegung inspiriert hat und auch die Inspiration für Rollo Mays Theorie darstellt.
Er studierte anschließend am White Institute Psychoanalyse, dort traf er Menschen wie Harry Stack Sullivan und Erich Fromm. Und schließlich ging er an die Columbia University in New York, wo er 1949 den ersten Doktortitel im Fach klinische Psychologie erhielt, den diese Institution jemals vergeben hatte.
Nach dem Abschluss lehrte May an verschiedenen hochkarätigen Einrichtungen. 1958 gab er mit Ernest Angel und Henri Ellenberger das Buch Existenz heraus, in welchem die existentialistische Psychologie den Lesern der USA vorgestellt wurde. Seine letzten Lebensjahre verbrachte May in Tiburon, Californien, bis er im Oktober 1994 starb.
Theorie
Rollo May ist der bekannteste amerikanische existentialistische Psychologe. Sein Denken lässt sich am besten verstehen, wenn man über Existentialismus generell nachliest, und die Überschneidungen zwischen seinen Gedanken und den Gedanken von Ludwig Binswanger sind groß. Dennoch liegt May ein wenig abseits des Mainstream, da er anders als die Europäer mehr vom amerikanischen Humanismus beeinflusst war und sich dafür interessierte, die existentialistische Psychologie mit anderen Zugängen wie etwa der Herangehensweise Freuds zu versöhnen.
May verwendet einige traditionelle existentialistische Begriffe etwas anders als andere und erfindet neue Begriffe für einige alte existentialistische Gedanken: Schicksal zum Beispiel ist ungefähr dasselbe wie Geworfensein kombiniert mit Gefallensein. Es ist jener Teil unseres Lebens, der vorbestimmt ist, unser Rohmaterial, wenn man so will, für das Projekt, unser eigenes Leben zu erschaffen. Ein anderes Beispiel ist der Begriff Mut ( courage ), welchen er häufiger verwendet als den traditionellen Begriff “Authentizität”, um zu bezeichnen, dass man sich den eigenen Ängsten stellt und sich über sie erhebt.
Er ist zudem so weit ich weiß der einzige existentialistische Psychologe, der bestimmte “Stufen” der Entwicklung diskutiert (natürlich nicht im streng Freudianischen Sinne):
Unschuld ( innocence ) – die “pre-egotic”, prä-selbstbewusste Stufe des Kleinkindes. Die Unschuld ist vormoralisch, i.e. weder gut noch schlecht. Wie ein wild lebendes Tier, das tötet, um zu fressen, tut ein Unschuldiger nur, was sie oder er tun muss. Doch ein Unschuldiger hat ein Maß an Willen im Sinne eines Triebs, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen!
Rebellion – die Phase der Kindheit und der Adoleszenz, in welcher das Ich oder das Selbstbewusstsein im Kontrast zu Erwachsenen ausgebildet wird, vom “Nein” des Zweijährigen zum “Auf keinen Fall” des Teenagers. Die rebellische Person will Freiheit, ohne noch ein umfassendes Verständnis der Verantwortung zu haben, die damit einhergeht. Ein Teenager mag etwa sein Taschengeld nach eigenem Gutdünken ausgeben – dennoch aber erwarten, dass die Eltern das Geld bereithalten, und er wird sich über die Ungerechtigkeit beklagen, wenn er kein Geld bekommt!
Gewöhnlich ( ordinary ) – das gewöhnliche erwachsene Ich, konventionell und ein wenig langweilig vielleicht. Sie haben Verantwortung gelernt, empfinden sie aber als zu anspruchsvoll und suchen so Zuflucht in Konformität und traditionellen Werten.
Kreativ – der authentische Erwachsene, die existentialistische Stufe, jenseits von Ich und Selbstverwirklichung. Das ist der Mensch, der das Schicksal akzeptiert, der Angst mutig entgegen tritt!
Hier handelt es sich nicht um Stufen im herkömmlichen Sinne. Ein Kind mag sicherlich manchmal unschuldig, gewöhnlich oder kreativ sein; ein Erwachsener mag rebellisch sein. Der Zusammenhang mit Altersstufen besteht ausschließlich in der Vorrangigkeit ( salience ): Rebellion ist für den Zweijährigen und den Teenager ein herausragendes Merkmal!
Andererseits interessiert sich May genau wie jeder Existentialist für die Angst. Sein erstes Buch The Meaning of Anxiety basiert auf seiner Doktorarbeit, welche wiederum auf seiner Lektüre der Schriften Kierkegaards basierte. Seine Definition von Angst lautet:
«the apprehension cued off by a threat to some value which the individual holds essential to his existence as a self» (1967, S. 72)
[die Befürchtung, deren Stichwortgeber eine Bedrohung irgendeines Wertes ist, welchen das Individuum als für die eigene Existenz als Selbst essentiell begreift (?)].
Zwar kein “reiner” Existentialismus, dennoch aber ist die Furcht vor Tod oder “Nichts” offenkundig in der Definition inbegriffen. Später zitiert er Kierkegaard: “Anxiety is the dizziness of freedom” [Angst ist das Schwindelgefühl der Freiheit (?)].
Liebe und Wille
Viele der einzigartigen Gedanken Mays findet man in dem Buch, das ich für sein bestes halte, Love and Will. In seinem Bemühen, Freud und die Existentialisten zu versöhnen, wendet er sich der Motivation zu. Sein die Motivation betreffendes Grundkonstrukt ist das Daimonische ( daimonic ). Das Daimonische ist das gesamte System der Motive, für jedes Individuum verschieden. Es besteht aus einer Sammlung spezieller Motive, die als Daimons bezeichnet werden.
Das Wort Daimon ist griechischer Herkunft und bedeutet kleiner Gott. Wir kennen es als Dämon mit einer sehr negativen Konnotation. Doch ursprünglich konnte ein Daimon sowohl böse als auch gut sein. Zu den Daimonen gehören niedere Bedürfnisse wie Nahrung und Sex ebenso wie höhere Bedürfnisse wie die Liebe. May sagt, ein Daimon sei grundsätzlich alles, was Macht über den Menschen gewinnen kann, eine Situation, die er als daimonische Besessenheit ( daimonic possession ) bezeichnet. Dann nämlich, wenn die Balance der Daimonen untereinander gestört ist, muss man sie als “böse” wahrnehmen – wie der Ausdruck nahelegt! Dieser Gedanke ähnelt Binswangers Idee der Themen oder Horneys Idee der Coping Strategien.
Für May ist Eros einer der wichtigsten Daimonen. Eros ist Liebe (nicht Sex), und in der griechischen Mythologie wurde ein kleinerer Gott als junger Mann dargestellt. Später wurde Eros zu der ärgerlichen kleinen Pest Cupido. May verstand Liebe als unser Bedürfnis, mit einem anderen Menschen “eins zu werden” und bezieht sich hier auf die antike griechische Geschichte von Aristophanes: Ursprünglich hatten die Menschen vier Beine, vier Arme, zwei Köpfe. Als wir ein wenig zu stolz wurden, schnitten uns die Götter entzwei, in männlich und weiblich, und verfluchten uns, indem sie uns das nie endende Bedürfnis gaben, unsere fehlende Hälfte zurück zu gewinnen!
Jedenfalls ist Eros wie jeder andere Daimon eine gute Sache, bis er die gesamte Persönlichkeit beherrscht, bis wir davon besessen werden.
Ein anderes wichtiges Konzept bei May ist der Wille: Die Fähigkeit, sich selbst zu ordnen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Damit ist der Wille im Groben synonym mit Ich und Realitätsprinzip, allerdings mit einem eigenen Energiereservoir wie in der Ichpsychologie. Ich nehme an, May hatte den Gedanken von Otto Rank, der den Willen in eben dieser Weise konzeptualisierte. May weist darauf hin, dass auch der Wille ein Daimon sei, der potenziell von einem Menschen Besitz ergreifen kann.
Eine weitere Definition des Willens lautet “the ability to make wishes come true” [die Fähigkeit, Wünsche wahr werden zu lassen]. Wünsche sind playful imaginings of possibilities [spielerische Vorstellungen von Möglichkeiten] und damit Manifestationen unserer Daimonen. Viele Wünsche kommen natürlich vom Eros. Doch es erfordert Willen, sie Wirklichkeit werden zu lassen! Folglich sehen wir drei “Persönlichkeitstypen” aus dem relativen Vorrat unserer Wünsche nach Liebe und dem Willen, sie Wirklichkeit werden zu lassen, so könnte man sagen, hervorgehen. Allerdings muss man darauf hinweisen, dass May nicht so weit geht, Persönlichkeitstypen zu benennen – das wäre für einen Existentialisten zu kategorisch – zumal sie keineswegs entweder-oder-Ablagefächer darstellen. Aber er verwendet verschiedene Begriffe, um sich darauf zu beziehen, ich habe die repräsentativen herausgesucht:
Es gibt den Typ, den May “neo-puritanisch” nennt, dieser ist ganz Wille und ohne Liebe. Diese Menschen haben erstaunliche Selbstdisziplin und bringen Dinge zustande… doch sie haben keine Wünsche, nach denen sie handeln. Somit werden sie “anal” und perfektionistisch, aber leer und “ausgetrocknet”. Das archetypische Beispiel ist Ebenezer Scrooge.
Den zweiten Typ nennt er “infantil”. Diese Menschen sind voller Wünsche und ohne Willen. Voller Träume und Sehnsüchte haben sie nicht die Selbstdisziplin, etwas aus ihren Träumen und Sehnsüchten zu machen und werden somit abhängig und konformistisch. Sie lieben, aber ihre Liebe bedeutet wenig. Vielleicht ist Homer Simpson das deutlichste Beispiel!
Der letzte Typ ist der “kreative” Typ. May empfiehlt weise, wir sollten eine Balance dieser beiden Aspekte unserer Persönlichkeit kultivieren. Er sagte, “Man’s task is to unite love and will” [Es ist die Aufgabe des Menschen, Liebe und Willen zu vereinigen]. Hierbei handelt es sich tatsächlich um einen alten Gedanken, den wir bei verschiedenen anderen Theoretikern finden. Otto Rank nimmt beispielsweise dieselbe Unterscheidung vor zwischen Tod (eingeschlossen unser Bedürfnis nach anderen Menschen und unsere Furcht vor dem Leben) und Leben (eingeschlossen unser Bedürfnis nach Autonomie und unsere Furcht vor Einsamkeit). Andere Theoretiker haben von communion und agency, Homonymie und Autonomie, nurturance und assertiveness, Verbindung und Erfüllung und so weiter gesprochen.
Mythen
Mays letztes Buch war The Cry for Myth. Er wies darauf hin, unser Verlust von Werten sei ein großes Problem des zwanzigsten Jahrhunderts. All die verschiedenen Werte um uns herum führen dazu, dass wir allen Werten misstrauen. Wie Nietzsche meint, wenn Gott tot ist (i.e. wenn das Absolute weg ist) , dann ist alles erlaubt!
May meint, wir müssen unsere eigenen Werte erschaffen, jeder individuell für sich. Das ist natürlich schwierig, um es vorsichtig auszudrücken. Also brauchen wir Hilfe, keine erzwungene Hilfe, sondern “Angebote”, die wir nutzen können, wie wir wollen.
Hier kommen die Mythen ins Spiel, Geschichten, die uns helfen, Sinn im eigenen Leben zu finden, “Erzählungen, die uns führen”. Sie ähneln in gewissem Maße Jungs Archetypen, allerdings können sie bewusst und unbewusst sein, kollektiv und persönlich. Ein gutes Beispiel ist, wie viele Menschen ihr Leben basierend auf Bibelgeschichten leben.
Andere Beispiele, die Ihnen bekannt sein werden, sind etwa Horatio Alger, Oedipus Rex, Sisyphus, Romeo und Juliet, Casablanca, Leave it to Beaver, Star Wars, Little House on the Prairie, The Simpsons, South Park, und Äsops Fabeln. Was ich mit dieser Liste zu zeigen beabsichtige ist, dass viele Geschichten lausige Mythen abgeben. Viele Geschichten betonen die magische Wunscherfüllung (infantil). Andere versprechen Erfolg im Austausch gegen harte Arbeit und Selbstopfer (neo-puritanisch). Viele unserer heutigen Geschichten besagen, dass Wertlosigkeit selbst den besten Wert darstellt! Statt dessen meint May, wir sollten aktiv an der Erschaffung neuer Mythen arbeiten, welche die Menschen in ihrem Bemühen unterstützen, das Beste aus ihrem Leben zu machen, statt die Bemühung zu untergraben!
Der Gedanke klingt gut – doch er ist nicht so schrecklich existentialistisch! Die meisten Existentialisten meinen, es sei notwendig, sich der Realität wesentlich direkter zu stellen, als die “Mythen” es nahe legen. Tatsächlich klingt es zu sehr nach etwas, dem sich die große Masse als Teil des Gefallenseins, der Konventionalität und der Inauthentizität ergibt! Eine Kontroverse für die Zukunft …
Literatur
May schreibt sehr gut und all seine Bücher sind angenehm zu lesen.
Sein erstes Buch war The Meaning of Anxiety (1950).
Einen allgemeinen Überblick erhält man in:
Man’s Search for Himself (1953),
Antwort auf die Angst, deutsch 1982; Psychology and the Human Dilemma (1967) und
The Discovery of Being (1983).
Sehr zu empfehlen sind Love and Will (1969) und The Cry for Myth (1991). Es gibt noch ziemlich viele weitere Bücher!
Zitation
Frankl, Viktor [1905-1997] « | » Piaget, Jean [1896-1980]
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