Piaget, Jean [1896-1980]

Biographie

Jean Piaget ist am 9. August 1896 in Neuchâtel in der Schweiz geboren. Sein Vater, Arthur Piaget, war Professor für mittelalterliche Literatur und interessierte sich für Lokalgeschichte. Seine Mutter, Rebecca Jackson, war eine intelligente und energiegeladene Frau, doch Jean fand sie ein wenig neurotisch – dieser Eindruck, so sagt er, habe zu seinem Interesse für Psychologie geführt, jedoch nicht für Pathologie! Als ältester Sohn war er ziemlich unabhängig, interessierte sich schon früh für die Natur, besonders gerne sammelte er Muscheln. Im Alter von zehn Jahren, veröffentlichte er seinen ersten “Aufsatz” – eine Seite Text über einen Albino-Spatz, den er beobachtet hatte.

In der Highschool publizierte er ernstzunehmendere Beiträge zu seinem Lieblingsthema, Mollusken. Er freute sich sehr über einen Teilzeitjob bei Herrn Godel, dem Direktor des naturgeschichtlichen Museums in Neuchâtel. Seine Arbeiten wurden unter europäischen Studenten sehr bekannt, sie hielten ihn für einen Erwachsenen! All jene frühen Erfahrungen mit der Naturwissenschaft, so sagte er, haben ihn von dem “Dämon der Philosophie” ferngehalten.

In seiner späteren Adoleszenz, geriet er ein wenig in eine Glaubenskrise: Die Mutter ermunterte ihn, an religiösem Unterricht teilzunehmen, er fand religiöse Debatten kindisch. Während er aber verschiedene Philosophen und die Anwendung der Logik studierte, konzentrierte er sich darauf, eine “biologische Erklärung für das Wissen” zu finden. Letztlich konnte die Philosophie seiner Forschung nicht dienlich sein, also wandte er sich der Psychologie zu.

Nach der Highschool ging er an die Universität Neuchâtel. Weil er unentwegt studierte und schrieb, wurde er kränklich, musste sich dann für ein Jahr in die Berge zurückziehen, um sich zu erholen. Bei seiner Rückkehr nach Neuchâtel entschied er, seine Philosophie nieder zu schreiben. Ein zentraler Punkt wurde zum Kern seines gesamten Lebenswerkes:

«In all fields of life (organic, mental, social) there exist ‘totalities’ qualitatively distinct from their parts and imposing on them an organization.»
[In allen Bereichen des Lebens (organisch, geistig, sozial) existieren ‘Totalitäten’, die sich qualitativ von ihren Bestandteilen unterscheiden und ihnen Ordnung auferlegen].

Dieses Prinzip stellt die Basis seiner strukturalistischen Philosophie dar, ebenso sollte es die Grundlage für Gestaltpsychologen, Systemtheoretiker und viele andere sein.

1918 machte Piaget seinen Doktor der Naturwissenschaft an der Universität Neuchâtel. Ein Jahr lang arbeitete er in Züricher Psychologielabors sowie in Bleulers berühmter psychiatrischer Klinik. Während dieser Phase lernte er die Arbeiten von Freud, Jung und anderen kennen. 1919 lehrte er Psychologie und Philosophie an der Sorbonne in Paris. Dort traf er Simon (Simon-Binet) und erforschte Intelligenztests. Ihn interessierte die “richtig-oder-falsch” Art der Intelligenztests nicht, deshalb begann er, in einer Schule für Jungen Interviews zu seinem Forschungsgebiet durchzuführen, dabei wandte er die psychiatrischen Interviewtechniken an, die er im Jahr zuvor erlernt hatte. Anders ausgedrückt begann er zu erfragen, wie Kinder denken.

1921 wurde sein erster Aufsatz zur Intelligenzpsychologie im Journal de Psychologie veröffentlicht. Im selben Jahr nahm er eine Stelle am J. J. Rousseau Institut in Genf an. Hier erforschte er mit seinen Studenten zusammen das logische Denken bei Grundschulkindern. Die Ergebnisse fanden ihren Niederschlag im ersten von fünf Büchern zur Kinderpsychologie. Da er seine Arbeit nur als sehr vorläufig ansah, überraschte ihn die starke positive Reaktion der Öffentlichkeit.

1923 heiratete er eine studentische Mitarbeiterin, Valentine Châtenay. 1925 wurde ihre erste Tochter geboren; 1927 die zweite Tochter und 1931 ihr einziger Sohn. Die Kinder wurden sogleich zum Fokus intensiver Beobachtungen, sowohl durch Piaget selbst als auch durch seine Frau. Aus diesen Forschungen wurden drei weitere Bücher!

Im Jahre 1929 nahm Piaget seine Arbeit als Direktor des Bureau International Office de l’Education in Zusammenarbeit mit der UNESCO auf. Außerdem startete er eine breit angelegte Forschung mit A. Szeminska, E. Meyer sowie insbesondere mit Bärbel Inhelder, die seine wichtigste Mitarbeiterin werden sollte. Man sollte darauf hinweisen, dass Piaget besonderen Einfluss auf die Integration von Frauen in das Feld der experimentellen Psychologie hatte. Doch Teile seines Werkes sollten nicht über die Schweiz hinaus bekannt werden, bevor der Zweite Weltkrieg vorüber war.

1940 wurde er zum Vorsitzenden des Bereiches Experimentelle Psychologie, zum Direktor des Psychologielabors und zum Präsidenten der Schweizer Gesellschaft für Psychologie. 1942 gab er eine Vorlesungsreihe am Collège de France, während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis. Aus diesen Vorlesungen entstand The Psychology of Intelligence. Bei Kriegsende wurde er zum Präsidenten der Schweizer UNESCO-Kommission ernannt.

Ebenfalls während dieser Phase wurden ihm eine ganze Reihe von Ehrentiteln verliehen. Eine Ehrung erhielt er von der Sorbonne im Jahre 1946, 1949 ehrten ihn die Universitäten Brüssel und Brasilien, dazu noch eine frühere Ehrung der Harvard Universität aus dem Jahre 1936. Und dann veröffentlichte er 1949 und 1950 seine Synthese in Introduction to Genetic Epistemology.

1952 wurde er Professor an der Sorbonne. 1955 schuf er das International Center for Genetic Epistemology, dem er für den Rest seines Lebens als Direktor vorstand. Und im Jahre 1956 gründete er an der Universität Genf die School of Sciences.

Dabei arbeitete er viele weitere Jahre hindurch an einer allgemeinen Theorie der Strukturen sowie daran, seine psychologische Forschung mit der Biologie zu verbinden. Zudem setzte er sein öffentliches Amt als schweizerischer Botschafter für die UNESCO fort. Am Ende seiner Karriere hatte er mehr als sechzig Bücher und viele hundert Aufsätze geschrieben. Er starb am 16. September 1980 in Genf als einer der bedeutendsten Psychologen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Piaget, Jean [1896-1980], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/piaget

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