Rank, Otto [1884–1939]

Der Künstler

Rank beschäftigt sich auch mit dem schwierigen Thema künstlerischer Kreativität. Einerseits geht Rank davon aus, dass ein Künstler eine besonders ausgeprägte Neigung zur Glorifizierung seines eigenen Willens hat. Anders als alle anderen Menschen fühlt er sich gezwungen, die Realität neu zu erschaffen. Und dennoch braucht ein wirklicher Künstler Unsterblichkeit, die er nur dadurch erreichen kann, dass er sich mit dem kollektiven Willen seiner Kultur und seiner Religion identifiziert. Gute Kunst kann so verstanden werden als ein Zusammengehen des Materiellen und des Spirituellen, des Spezifischen und des Universalen, oder des Individuums und der Menschheit.

Dieses Miteinander ist nicht leicht umzusetzen. Es beginnt mit dem Willen – Ranks Ausdruck für das Ich – , jedoch handelt es sich um ein Ich, welches von Macht durchdrungen ist. Wir sind alle von Geburt an mit dem Willen ausgestattet, wir selbst zu sein, frei von Dominanz zu sein. In der frühen Kindheit üben wir unseren Willen, indem wir uns bemühen, etwas unabhängig von unseren Eltern zu tun. Später dann kämpfen wir dagegen an, von anderen Autoritäten dominiert zu werden, eingeschlossen der inneren Autorität unsere sexuellen Triebe. Der Verlauf unserer Bemühungen um Unabhängigkeit bestimmt, welche Art von Person wir werden. Rank beschreibt drei grundlegende Typen:

Als erstes der angepasste Typ ( adapted type ). Diese Menschen lernen, das zu “wollen”, wozu sie ohnehin gezwungen werden. Sie ordnen sich der Autorität, dem moralischen Code ihrer Gesellschaft und den eigenen sexuellen Impulsen unter, so gut es eben geht. Hier handelt es sich um eine passive, pflichtgebundene Person, die nach Ranks Einschätzung dem Durchschnitt entspricht.

Als zweites der neurotische Typ ( neurotic type ). Diese Menschen haben einen weit stärkeren Willen als der Durchschnittsmensch, sind aber vollkommen damit beschäftigt, gegen innere und äußere Dominanz zu kämpfen. Sie bekämpfen sogar den Ausdruck ihres eigenen Willens, so dass letztlich kein Wille übrig bleibt, mit dem man die so gewonnene Freiheit nutzen könnte. Statt dessen machen sich diese Personen Sorgen, fühlen sich schuldig, weil sie so “starrsinnig” sind. Dennoch befinden sie sich auf einem höheren Entwicklungsstand als Menschen des angepassten Typs.

Als drittes gibt es den produktiven Typ ( productive type ), den Rank auch als Künstler, Genie, kreativen Typ, selbstbewussten Typ und schlicht als das menschliche Wesen bezeichnet. Statt gegen sich selbst zu kämpfen, akzeptieren und bestärken diese Menschen sich selbst, sie erschaffen ein Ideal, das wie ein positiver Fokus des eigenen Willens genutzt wird. Der Künstler erschafft sich selbst und geht dann dazu über, auch eine neue Welt zu erschaffen.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Rank, Otto [1884–1939], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/rank

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