
Rogers, Carl [1902-1987]
Theorie
Rogers hat eine klinisch orientierte Theorie entwickelt, die auf jahrelanger Erfahrung im Umgang mit seinen Klienten basiert. In dieser Hinsicht gibt es also zum Beispiel Parallelen zu Freud. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in der ausgesprochen reichhaltigen und ausgereiften Theorie – sehr gut durchdacht und logisch absolut wasserfest mit breiter Anwendungsmöglichkeit.
Eine Differenz besteht allerdings darin, dass die Menschen in Rogers Sicht grundlegend gut oder gesund sind – oder doch zumindest nicht böse oder krank. Anders ausgedrückt: Er betrachtet psychische Gesundheit als den normalen Werdegang des Lebens, während psychische Erkrankungen, Kriminalität und andere menschliche Schwierigkeiten als eine Störung dieser natürlichen Entwicklungsneigung angesehen werden. Anders als Freuds Theorie ist Rogers Theorie zudem eine relativ einfache.
Anders als bei Freud ist seine Theorie außerdem auch geradezu elegant! Die gesamte Theorie ist auf einer einzigen “Lebenskraft” ( force of life) aufgebaut, die er als actualizing tendency (Neigung zur Verwirklichung) bezeichnet. Man kann sie als die dem Menschen eigene Motivation definieren, die eigenen Potentiale zu einem größtmöglichen Ausmaß auszubauen – eine Motivation, die jeder Lebensform eigen ist. Wir sprechen hier also nicht nur vom Überleben: Rogers geht davon aus, dass alle Lebewesen danach streben, aus ihrer Existenz das Beste herauszuholen. Gelingt es ihnen nicht, liegt es nicht daran, dass ihnen das Sehnen danach fehlt.
Damit vereint Rogers in einem einzigen großen Bedürfnis oder einer einzigen Motivation all die anderen Motive, von denen die übrigen Theoretiker sprechen. Er fragt: Warum brauchen wir Luft und Wasser und Nahrung? Warum suchen wir Sicherheit, Liebe und das Gefühl der eigenen Kompetenz? Warum suchen wir eigentlich nach neuen Medikamenten, erfinden neue Energiequellen oder erschaffen neue Kunstwerke? Weil, so seine Antwort, es in unserer Natur als lebendige Wesen liegt, das Beste zu tun, was wir können!
Wir müssen hier darauf achten, dass Rogers die Bezeichnung anders als Maslow auf alle lebendigen Wesen bezieht. Einige seiner ersten Beispiele waren zum Beispiel Seetang und Pilze! Lassen wir und das einmal durch den Kopf gehen: Ist es nicht erstaunlich, wie manche Pflanzen das Straßenpflaster des Gehwegs besiedeln, oder wie kleine Baumsetzlinge sogar Gestein durchbrechen, oder wie manche Tierarten in der Wüste oder dem nördlichen Eis überleben können?
Er wandte die Idee auch auf Ökosysteme an und stellte fest, dass ein Ökosystem wie etwa ein Wald in all seiner Komplexität ein weit größeres Verwirklichungsspotential hat, als ein simpler aufgebautes Ökosystem wie etwa ein Getreidefeld. Würde in einem Wald eine Käferart aussterben, werden andere Lebewesen die so entstandene Lücke wahrscheinlich ausfüllen; andererseits aber führt ein Befall mit Getreideschädlingen dazu, dass ein ganzes Kornfeld zunichte gemacht wird. Ähnliches gilt für uns als Individuen: Leben wir so, wie wir sollten, entwickeln wir uns zu zunehmender Komplexität, wie eben ein Wald, und so bleiben wir angesichts der größeren und kleineren Katastrophen des Lebens flexibel.
Während die Menschen nun ihre Potentiale aktualisierten, haben sie Gesellschaft und Kultur erschaffen. An sich ist das noch kein Problem: Wir sind soziale Wesen, es entspricht unserer Natur. Doch als wir die Kultur erschufen, entwickelte sie ein Eigenleben. Statt nah an unserer menschlichen Natur orientiert zu bleiben, entwickelte sich die Kultur zu einer eigenständigen Kraft. Es kann so weit kommen, dass eine Kultur, die unserem Bedürfnis nach Verwirklichung widerspricht, auf lange Sicht aussterben wird, und dann werden wir sehr wahrscheinlich zusammen mit dieser Kultur untergehen.
Das darf nicht missverstanden werden: Kultur und Gesellschaft sind nichts Böses! Es ist vielmehr ähnlich wie bei den Paradiesvögeln in Papua-New Guinea. Das farbenprächtige Federkleid der Männchen dient offenbar dazu, Gefahr von den Weibchen und dem Nachwuchs abzulenken. Die natürliche Selektion hat bei den männlichen Tieren immer ausladendere Schwanzfedern hervorgebracht, bis einige von ihnen kaum noch flugfähig waren. An diesem Punkt ist das prächtige Federkleid weder für die Männchen noch für die Spezies von Nutzen. Dem gemäß mag es denkbar sein, dass unsere komplexen Gesellschaften und Kulturen, die unglaublichen Technologien – so sehr sie uns auch beim Überlebenskampf dienlich waren – sich eines Tages eher schädlich auswirken und uns sogar zerstören könnten.
Zitation
Maslow, Abraham [1908-1970] « | » Ludwig Binswanger [1881-1966]
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