
Rogers, Carl [1902-1987]
Details
Rogers erklärt, dass Organismen wissen, was gut für sie ist. Die Evolution hat uns mit Sinneswahrnehmung ausgestattet, mit der Fähigkeit, notwendige Unterscheidungen vorzunehmen: Wenn wir hungrig sind, finden wir Nahrung – nicht bloß irgendein Nahrungsmittel, sondern etwas, das gut schmeckt. Denn Nahrung, die nicht schmeckt, ist wahrscheinlich verdorben, vergammelt oder ungesund. Unsere evolutionären Lernprozesse haben festgelegt, was gut und was nicht gut schmeckt! Dies wird als organismic valuing bezeichnet.
Zu den vielen Dingen, die wir schätzen, gehört auch positive Zuwendung ( positive regard ), es ist Rogers allgemeine Bezeichnung für Dinge wie Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit und so weiter. Natürlich brauchen Babys Liebe und Zuwendung – ohne würden sie sogar mit einiger Wahrscheinlichkeit sterben.
Ein weiterer Punkt – vielleicht ist dies nur dem Menschen eigen – ist, dass wir positives Selbstwertgefühl ( positive self-regard ) schätzen, also ein positives Bild von uns selbst. Dies erreichen wir dadurch, dass wir die positive Einschätzung erfahren, die uns andere Menschen entgegen bringen, während wir aufwachsen. Ohne diese Erfahrung fühlen wir uns klein und hilflos – so können wir nicht all das werden, was wir sein könnten!
Wie Maslow glaubt auch Rogers, dass Tiere von sich aus das essen und trinken würden, was gut für sie ist, und Nahrung in ausgewogenen Portionen aufnehmen. Auch Babys scheinen das zu verlangen und zu mögen, was gut für sie ist. Doch irgendwo haben wir in unserer Menschheitsentwicklung eine Umwelt für uns geschaffen, die sich wesentlich von der Umwelt unterscheidet, aus der wir hervorgegangen sind. In dieser neuen Umwelt gibt es raffinierten Zucker, Mehl, Butter, Schokolade und so weiter – lauter Dinge, die unsere Vorfahren auf dem afrikanischen Kontinent nie gekannt haben. Diese Nahrungsmittel haben einen Geschmack, auf den unser organismic valuing anspringt — dennoch dienen sie nicht besonders gut dazu, unsere Verwirklichung voranzutreiben. Während vieler Millionen Jahre werden wir uns vielleicht dahin entwickeln, Brokkoli viel leckerer zu finden, als Käsekuchen – doch dann wird es für Sie und mich bereits zu spät sein.
Unsere Gesellschaft führt uns auch im Hinblick auf Wertvorstellungen ( conditions of worth ) in die Irre. Während wir aufwachsen, geben uns Eltern, Lehrer, Gleichaltrige, Medien und andere nur dann das, was wir brauchen, wenn wir uns als “würdig” erweisen, also nicht einfach, weil wir es brauchen. Wir bekommen Nachtisch, wenn wir unser Gemüse aufgegessen haben, und was noch wichtiger ist: wir erhalten Liebe und Zuneigung nur dann, wenn wir uns “benehmen”!
Diese positive Zuwendung zu bestimmten Bedingungen, bezeichnet Rogers als bedingte positive Zuwendung ( conditional positive regard ). Weil wir diese positive Zuwendung in der Tat brauchen, sind die Bedingungen sehr mächtig, wir verbiegen uns in eine Form, die nicht von organismic valuing oder unserer Neigung zur Verwirklichung geprägt ist, sondern von einer Gesellschaft, der es in Wirklichkeit gar nicht unbedingt nur im unser Bestes geht. Ein “lieber Junge” oder ein “liebes Mädchen” ist nicht unbedingt ein gesundes oder glückliches Kind!
Mit der Zeit führt diese “Konditionierung” dazu, dass wir auch ein bedingtes positives Selbstwertgefühl ( conditional positive self-regard ) erlangen. Wir mögen uns also nur noch, wenn wir den Standards entsprechen, die uns andere beigebracht haben, statt einfach nur, weil wir unsere Potentiale verwirklichen. Und da diese Standards aufgestellt wurden, ohne das Individuum dabei im Blick zu haben, sind wir meist gar nicht in der Lage, diesen Standards zu entsprechen, was bedeutet, dass wir den Sinn für unseren Selbstwert nicht mehr aufrecht erhalten können.
Inkongruenz
Der Aspekt unseres Wesens, welcher in der Neigung zur Aktualisierung begründet liegt, dem organismic valuing folgt und positive Zuneigung und positiven Selbstwert erhält, wird bei Rogers als das wahres Selbst ( real self ) bezeichnet. Das ist das “Du”, das Sie sein werden, wenn alles gut geht.
Andererseits sind wir in dem Maße, in dem unsere Gesellschaft von der Neigung zur Verwirklichung abweicht, gezwungen, mit Wertvorstellungen zu leben, die dem organismic valuing nicht entsprechen, damit erhalten wir nur bedingte positive Zuwendung und entwickeln infolge dessen ein ideales Selbst. Mit Ideal meint Rogers etwas, das nicht real ist, etwas, das immer außerhalb unserer Reichweite liegt, der Standard, dem wir nicht entsprechen können.
Diese Lücke zwischen realem Selbst und idealem Selbst, dem “ich bin” und dem “ich sollte sein” bezeichnet man als Inkongruenz. Je größer diese Lücke, desto mehr Inkongruenz. Je mehr Inkongruenz, desto mehr Leiden. Im Grunde ist Inkongruenz auch wesentlich das, was Rogers mit Neurose meint: mit dem eigenen Selbst nicht mehr im Einklang zu sein. Der Gedanke ist uns aus den Arbeiten von Karen Horney bereits vertraut!
Zitation
Maslow, Abraham [1908-1970] « | » Ludwig Binswanger [1881-1966]
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